Schlagwort: Vögel

#157

Heute noch einmal im Buchladen. So gut wie alles andere bleibt offen, aber die Buchläden aber müssen schließen. Mal sehen, wieviele in ein paar Monaten wieder aufmachen werden. Draußen plünderten die Leute die Läden, drinnen war es ganz leer und still. Endzeitstimmung, ein bisschen.

Der Drogeriemarkt war zur Hälfte leer, sogar Zahnpasta wird knapp. Es ist wirklich verrückt. Die Deutschen haben sich dafür entschieden, das Virus mit Vorratswirtschaft und Dauershopping zu bekämpfen und nicht mit Zuhausebleiben. Selbst die kommende Ausgangssperre wird wohl ignoriert werden. What could possibly go wrong?

Den Baum auf dem Hof beschnitten. Die Vögel gefüttert, sie sind hungrig wie lange nicht. Der Frühling kommt unpassend.

Im März III

Vögel sind misstrauische Tiere. Sie sehen sich das Futtersilo und die Taverne mit den Erdnüssen drei Tage lang an. Danach brauchen sie weniger als 24 Stunden, um alles leer zu machen. Je kälter es wird, desto schneller werden sie. Zuerst fällt die Horde Spatzen ein, die Meisen und das Rotkehlchen warten in aller Ruhe ab, bis sie fertig sind. Die Amseln holen sich den Rest vom Boden. Der Zeisig kommt nur selten.

Ich sitze am Küchentisch und sehe ihnen zu. Sind es jeden Tag dieselben Tiere? Woher wissen sie, dass es hier Futter gibt? Es gibt keine Möglichkeit, sich mit ihnen zu verständigen. Wenn ich die Tür zum Hof öffne, fliegen alle weg, schon in dem Moment zuvor. Vögel sind kluge Tiere.

Der Arzt sagt, ich solle spazieren gehen, also gehe ich jeden Tag den Treidelpfad nach Wieck. Der Ostwind tobt mir entgegen. Am Ryck sind lauter Baustellen, es dauert nicht mehr lange, bis alle leeren Flächen in dieser Stadt bebaut sind. Dann ist auch weniger Wind. In Wieck laufe ich bis auf die Nordmole, auf dem Bodden scheppern die Eisschollen. Fast so, als ob Greifswald am Meer liegen würde. Das Geländer hängt voller bemalter Vorhängeschlösser, mich ärgert das, weiß auch nicht, warum. An diesen Vormittagen ist fast niemand unterwegs, für die arbeitslosen Angler ist es noch zu kalt und für die Rentner auch. Die Jogger arbeiten um diese Zeit.

Ich fahre mit dem Bus zurück in die Stadt. Am zweiten Tag habe ich schon einen Stammplatz.

Am Karfreitag hören endlich alle auf: Die Bauarbeiter bleiben zuhause, die Lastkraftwagenfahrer liefern keine Baustoffe an, die Eltern fahren ihre Kinder nicht in den Kindergarten, die Burschenschafter singen keine Nazilieder, das Bäckerauto steht in der Garage, die Diskothek ist verboten, der Supermarktparkplatz leer, die Universität abgeschlossen, die Stadt ruhig.

Während der ganzen Zeit machen in mir Millionen Antikörper ihre Arbeit.

Sie haben eine Stunde aus diesem Monat herausgeschnitten, damit der Frühling endlich kommt.

Tiere

Nach zwei Tagen haben die Spatzen den Meisenknödel entdeckt, den ich in den Baum im Hof gehängt habe. Sie sind mit der gesamten Clique eingefallen und haben sich aufgeteilt: Die eine Hälfte bearbeitet den Knödel im Baum, die andere sitzt unten im Gras und holt sich alles, was runterfällt. Von den Kohlmeisen ist nichts zu sehen, auch das Amselpärchen hält sich zurück. Spatzen sind die Hooligans unter den Wintervögeln.

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Seitdem die Nachbarn mit dem ängstlichen Kater weggezogen sind, kommt abends die gescheckte Katze in unseren Garten, die zwei Häuser weiter wohnt. Es ist kalt draußen, es geht ein eisiger Wind. Die Katze läuft die kleine Treppe bis zur Küchentür hoch, guckt in die erleuchtete Wohnung, legt den Kopf schief, hebt die rechte Pfote und streicht mit eingezogenen Krallen ganz leicht über die Scheibe. Das geht solange, bis wir endlich aufmachen und sie sich auf das Sofa in der Küche legen kann. Es ist unmöglich, diesen Anblick länger als ein paar Minuten zu ertragen und sie weiß das. Wahrscheinlich ist das Schema inzwischen fest im Genmaterial verankert.