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Samoa

Zeit ist ein schwieriges Thema. Ich habe das nie so richtig verstanden. Zeit klingt eigentlich ganz einfach: Es gibt die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Alles verläuft in eine Richtung: gestern, heute, morgen. Die Physiker nennen es Zunahme der Entropie. Damit meinen sie, dass es auf der Welt immer unordentlicher wird. Wenn ein Teller vom Tisch fällt und zerbricht, bleibt er kaputt. Jahrelang war es ein Teller, jetzt knallt er auf den Fußboden und danach werden es nur noch Scherben sein. Es soll irgendwie mit der Ausdehnung des Universums zusammenhängen. Wenn sich das Universum später wieder zusammenzieht, springt der Teller vielleicht auf den Tisch zurück, wer weiß das schon. Am besten, ich denke nicht weiter darüber nach.

Auf der Erde haben die Menschen jedenfalls Kalender und Uhren erfunden, um die Sache mit der Zeit einigermaßen handhabbar zu machen. Und das ist schon kompliziert genug für uns. Alles wäre einfacher, wenn überall auf der Welt dieselbe Uhrzeit gelten würde. Aber stattdessen gibt es Zeitzonen und die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz. Nur damit um 12 Uhr mittags überall auch High Noon sein kann und die Sonne beim Duell im Wilden Westen keine Schatten wirft.

Wenn ihr die Reise um die Welt in 80 Tagen gelesen habt, kennt ihr das Problem: Reist man in östlicher Himmelsrichtung um die Welt, gewinnt man einen Tag (Phileas Fogg konnte deshalb doch noch seine Wette gewinnen). In der anderen Richtung geht ein Tag verloren. Ich musste lange nachdenken, bis ich verstanden habe, woran das liegt. Tage können ja nicht einfach entstehen oder verschwinden, schätze ich. Keine Ahnung, ob das Buch von Jules Verne der Anlass war, aber zehn Jahre später wurde eine Datumsgrenze bestimmt, um das Problem zu lösen, passenderweise auf der Rückseite von England irgendwo im Pazifischen Ozean, wo nicht so viele Menschen wohnten. Westlich dieser Linie ist es einen Tag später als östlich davon. Überquert man die Datumsgrenze ostwärts, wird der Kalender um einen Tag zurückgesetzt. Geschieht die Fahrt in die westliche Richtung, wird ein Tag im Kalender übersprungen.

In dieser Gegend liegt Samoa. Über Samoa lässt sich viel erzählen, aber uns muss erstmal nur interessieren, dass ungefähr 7000 Samoaner der Kirche der Siebenten-Tags-Adventisten angehören. Im Jahre 1892 wechselte Samoa unter dem Einfluss der Vereinigten Staaten auf die östliche Seite der Datumsgrenze. Nachdem die Inseln kurzzeitig deutsche Kolonie waren, fielen sie 1914 an Neuseeland und sind seit 1962 unabhängig. Doch die Beziehungen zu Neuseeland blieben viel enger als die zum amerikanischen Kontinent und 2011 hatten die Leute auf Samoa die Nase voll davon, dass in Neuseeland ein anderer Wochentag war als bei ihnen. Sie beschlossen, wieder auf die westliche Seite der Datumsgrenze zu wechseln und weil es dort, wir erinnern uns, schon einen Tag später war, mussten sie einen Tag auslassen. Sie wechselten vom 29. Dezember direkt zum letzten Tag des Jahres. Der Freitag am 30. Dezember 2011 fand in Samoa nicht statt. An diesem Tag passierte in Samoa nichts.

Das klingt viel seltsamer, als es tatsächlich ist. Was passiert denn mit der Stunde zwischen 2 Uhr und 3 Uhr nachts, wenn die Uhren von Winterzeit auf Sommerzeit vorgestellt werden? Gibt es diese Stunde nicht? Wusstet ihr, dass alle paar Monate eine Schaltsekunde zur Weltzeit addiert wird, weil die Erde ein bisschen langsamer rotiert, als wir ursprünglich angenommen hatten? Im Heiligen Römischen Reich wurden die Tage vom 5. bis 14. Oktober 1582 übersprungen, weil der Gregorianische Kalender eingeführt wurde. Und die Oktoberrevolution war eigentlich im November, je nachdem, wie man es sieht. Es ist alles sehr verwirrend. Aber eins ist klar: Daten und Uhrzeiten sind nichts weiter als Konventionen. Wir brauchen sie nur, um uns in diesem rasenden Strom zunehmender Unordnung zu orientieren. Hängt euch also nicht zu sehr an Daten. Legt eure Armbanduhren in die Schublade.

Um auf die Siebenten-Tags-Adventisten auf Samoa zurückzukommen: Die standen vor einem richtigen Problem. In dieser Kirche ist der Sabbat heilig. Der Sabbat beginnt freitags mit dem Sonnenuntergang und endet samstags mit dem Sonnenuntergang. Was sollten sie tun, als die Woche plötzlich nur sechs Tage hatte und ausgerechnet der Freitag ausfallen sollte? Wohin war der Sabbat verschwunden? Die Adventisten auf Samoa konnten sich nicht einigen. Die einen feierten fortan Sabbat, wenn in Neuseeland Samstag war. Die anderen beschlossen, dass fortan der Sonntag der siebte Tag der Woche sein sollte. Zeit ist ein schwieriges Thema.

Anmerkung

Das ist mein Beitrag zur schaltjährlich erscheinenden Zeitschrift Veel 20, die von Holger Blauhut herausgegeben wird. Ich freue mich sehr, Teil dieses Unternehmens zu sein.

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Snodgrass

Me, I’m Snodgrass, Kevin, Tracy, fat Doris in her print dress. I’m every bit part player in the whole bloody horrorshow. Everyone except John Lennon.

Wahrscheinlich gibt es keine bessere Methode, um einen Text genau zu lesen, als ihn zu übersetzen. Dabei sind mir in den letzten Wochen die Figuren aus dieser Erzählung ans Herz gewachsen – der grummelnde Doktor Winston, all die Snodgrasses und Tracys, Cal natürlich und die gute Mimi, selbst die dicke Doris und sogar Kevin, ein bisschen. Alle sind auf der Suche nach dem Glück, und jeder auf seine Weise.

Es klingt verrückt, schließlich war ich erst neun Jahre alt, als John Lennon starb, aber ich vermisse ihn noch immer. Im Radio in der Küche spielten sie seine Musik und als am nächsten Tag ein Foto von ihm in der Zeitung war, schnitt ich es aus. Es passte genau in eine Kassettenhülle. Deshalb bin ich vor allem ein dankbarer Leser dieser Geschichte. Wir müssen zwar auf Strawberry Fields Forever, A Day in The Life, Imagine und Woman verzichten, aber John Lennon ist noch am Leben. Besser als andersherum, keine Frage. Die fünf Singles der Nowhere Men, von denen ich bisher nichts wusste, werden sich schon in irgendeinem kleinen Plattenladen auftreiben lassen.

Übersetzen ist natürlich stark übertrieben. Ich habe längst nicht immer verstanden, was der liebe Doktor vor sich hin murmelt. Manches war sehr assoziativ, immerhin war Lennon mal ein Kunststudent. Und manches war so sehr Working Class Hero, dass ich mich verschämt wegdrehen musste. Also seid bitte nicht sauer. Es ist nur eine Geschichte.

Erster Nachtrag

Wer das kleine Büchlein geschenkt haben möchte, schreibt mir bitte. Ich würde mich freuen.

Zweiter Nachtrag

Es gibt auch eine Playlist zur Erzählung, unter anderem mit einem Kurzfilm.

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Zeitkapsel (2)

An unserem Weihnachtsbaum hängt nur eine einzige Weihnachtskugel. Sie wird jedes Jahr im Januar wieder sorgfältig in Zeitungspapier gewickelt und zurück auf den Boden gebracht. Die Kugel habe ich vor vielen Jahren in einer stillgelegten Fabrikhalle in Älghult gekauft. Die Fabrikhalle war das, was von der Glashütte in Älghult noch übrig war und im Jahr danach gab es noch nicht einmal mehr die Fabrikhalle. So wertvoll ist also die Weihnachtskugel.

Älghult liegt mitten in smålandischen Wald irgendwo auf halben Weg zwischen Växjö und Kalmar. Wir waren dort mehrere Sommer lang zelten. Der Zeltplatz ist der kleinste Zeltplatz der Welt, eigentlich eine Badestelle mit Kiosk. Wenn man Glück hat, findet man einen Platz auf dem Hügel und guckt direkt auf den See. Im Häuschen gibt es ein Klo und eine Dusche, draußen eine Waschstelle mit kaltem Wasser. Es gibt also alles, was man braucht. Im Ort sind ein Konsum und eine Telefonzelle und ein paar Läden, bei denen man nicht weiß, ob sie noch geöffnet sind oder ob nur niemand in den letzten zehn Jahren die Dekoration aus dem Schaufenster geräumt hat. Vom Zeltplatz sind es vielleicht zwanzig Minuten bis in den Ort, vorbei an der Kirche, der Schule, dem Altenheim und der Kleiderkammer vom Roten Kreuz. Nachts rauschen die Holztransporter durch den Ort, die Straße muss eine Abkürzung sein, wohin auch immer.

Das alles geht mir durch den Kopf, wenn ich die blaue Kugel in den Händen halte. Hast du auch einen Lieblingsplatz?

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