
– Wenn ich auf den Wahlplakaten Frieden lese, kommt mir alles hoch, sagte er.
– Frieden, Frieden, in der ganzen DDR ging es immer nur um Frieden. Wenn du irgendwas gesagt hast, was ihnen nicht passte, hieß es doch gleich: Du bist wohl nicht für den Frieden? Und dann war Ende der Diskussion, Kopp zu.
Er kam langsam richtig in Fahrt.
– Jedes verschissene Kaff eine Straße des Friedens. Wir hatten sogar einen Platz der Freiheit, das musst du dir mal reinziehen. Dieses verlogene Land. Bis an die Zähne bewaffnet. Überall Kasernen. Armee, Reservisten, Kampfgruppen. Die Züge voller besoffener Soldaten und vollgekotzter Klos. 18 Monate Grundwehrdienst für jeden. Und im Wald lagen eine halbe Million Russen, die armen Schweine. Die Russen hatten noch mehr Leute unter Waffen als wir, das musst du auch erstmal schaffen. Und dann die GST mit ihren Wehrlagern und der Wehrkundeunterricht in der Schule, weißt du noch? Die haben uns das Schießen beigebracht, da waren wir noch halbe Kinder, mit Stiefeln, Uniform und scharfen Waffen.
Jetzt fing er auch noch an zu singen.
– Soldaten sind vorbeimarschiert / im Gleichschritt Schritt und Tritt / Wir Pioniere lieben sie / und laufen fröhlich mit
Er war laut geworden. Die ersten Leute begannen sich umzudrehen.
– Ich glaube den Typen kein Wort. Klar will ich Frieden, jeder will Frieden, aber den Frieden von denen will ich nicht.
– Lass uns mal besser weitergehen, sagte ich.
