Temperaturen

„Am Wochenende machen Sie bitte keinen Schritt vor die Tür“, sagte der Kardiologe zu mir. „Das sage ich heute allen Patienten.“ Ich habe also Hausarrest. So etwas gab es nicht einmal während der Pandemie. Nicht, dass ich diese Ansprache besonders gebraucht hätte – ich wäre ohnehin nicht aus dem Haus gegangen. Ich bin ein guter Patient.

Ich denke an den kurdischen Dolmetscher, der mir von dem Sommer in Bagdad erzählte, als es 40 Grad waren. An ihrem Haus gingen Reisende aus Basra vorbei, die wegen der Hitze in die Hauptstadt gefahren waren. „Hier ist es so schön kühl“, sagten sie. „In Basra hatten wir 50 Grad im Schatten.“ Er erzählte diese Geschichte gern und lachte dabei: „Stellen Sie sich das mal vor”, sagte er. „Ich sitze vor unserem Haus und schwitze, und die Leute aus dem Süden finden das kühl.“ Natürlich wurden sie hereingebeten und waren Gäste der Familie. Die irakischen Häuser sind gegen die Hitze gebaut.

Am Sonnabendnachmittag meldet meine Wetter-App 40 Grad Celsius. Ich schaue nicht nach, ob jemand am Haus vorbeigeht. Die Leute wissen, was sie tun.

„Früher war es im Sommer auch schon warm”, sagt der Mann im Umkleideraum, als ich einen Smalltalk über das Wetter beginne. „Die Leute meckern doch immer. Im Winter ist es ihnen zu kalt und im Sommer zu heiß.“ Ich bin mir nicht sicher, ob er das alles ironisch meint, und wechsle das Thema.

Die Nächte sind am schlimmsten. Wir brauchen eine Klimaanlage im Haus. Das ist erst der Anfang.

Ein Rädchen sein

Rechtsanwendung bedeutet zum weitaus größten Teil die Reproduktion von vorhandenen Texten: Schriftsätze aus dem Verfahren, Gesetzestexte, anderen Entscheidungen. Das ist nicht ungewöhnlich, im Gegenteil. Der vorhandene Prozessstoff muss zur Kenntnis genommen werden, damit die Parteien rechtliches Gehör erhalten. Alle Rechtsanwender sind selbstverständlich an das Gesetz gebunden, sie müssen es benennen und anwenden. Sie bewegen sich in einem rechtlichen Rahmen, der durch die bereits vorhandene Rechtsprechung ausgeformt wurde. Wiederholung schafft Erwartbarkeit und Verlässlichkeit – Juristen nennen das Rechtssicherheit. Rechtliche Systeme produzieren Vertrauen. Juristische Entscheidungen sind im besten Fall solides Handwerk und keine Kunstwerke mit Schöpfungshöhe.

Daher kommt es selten vor, dass bei meiner Arbeit ein neuer Gedanke auftaucht. Neulich hatte ich einen und habe es damit in die NVwZ geschafft. Die NVwZ (Neue Zeitschrift für Verwaltungsrecht) ist so etwas wie ein Tabernakel des Öffentlichen Rechts. Natürlich erscheinen die juristischen Zeitschriften alle auch digital, aber als ich dort von meiner unverhofften Veröffentlichung erfahren habe, war ich so stolz, dass ich extra in die Bibliothek gefahren bin und mir vom analogen Heft eine Kopie gemacht habe (Az. 4 M 540/25 OVG – NVwZ 2025, 2038).

Ihr Bohrkopf drehte sich zu mir.
»Henry, dein Körper besteht aus 6 mal 10²⁷ Atomen. Jedes von ihnen existiert seit Milliarden von Jahren. Die Wasserteilchen, aus denen du zu 68 Prozent bestehst und die du hierher mitgebracht hast, sind älter als die Erde und sehr viel älter als Perm. Alles Wasser, das du beim Trinken achtlos in dich hineinschüttest und das eine Zeit lang ein Teil von dir wird, hat Weltraumreisen hinter sich, die du dir nicht einmal im Ansatz vorstellen kannst. Der Kohlenstoff, der deine organische Materie bildet, kommt aus explodierten Sternen. Auch er ist Milliarden Jahre alt. Du bist nicht mehr als ein Wimpernschlag in der unfassbar langen Geschichte eines jeden Teilchens, das sich erbarmt hat, vorübergehend ein Teil von dir zu werden.«
»Schon klar«, sagte ich.

— Nils Westerboer: Lyneham