#247

Zoë Beck: Memoria. Alle paar Wochen kommt T. vorbei und holt sich die Zeitung ab. Deshalb schneide ich die Buchrezensionen, die mich interessieren, nicht mehr aus, sondern fotografiere sie ab. Ich weiß nicht, wie lange dieser Workflow noch funktionieren wird. Die Zustellung der Zeitung wird immer unzuverlässiger. Für eine Zeitung, die nur an zwei von drei Tagen im Briefkasten liegt, ist das Abonnement ziemlich teuer. Vielleicht sollte ich lieber digital lesen, aber dafür fehlt mir ein vernünftiges Endgerät und die Weitergabe wird auch problematisch. Jedenfalls habe ich das neue Buch von Zoë Beck nicht gefunden und musste im Laden unter Zuhilfenahme der fotografierten Rezension danach fragen. Es stand nicht unter Science Fiction, sondern unter Spannung, damit hatte ich nicht gerechnet.

Neue Musik 2023

Man soll ja nicht nur in der Vergangenheit leben. Diesen weisen Ratschlag beherzige ich seit einigen Jahren und höre seitdem wieder neue Musik. Hier sind die Alben, die in diesem Jahr erschienen und Teil meiner Sammlung geworden sind, in chronologischer Reihenfolge des Erwerbs.

1. Element of Crime: Morgens um vier

Ich bin so alt, ich kenne die Band noch aus der Zeit, in der sie englische Texte hatte. Im Grunde haben sie genau einen Song, aber in hunderten wunderbaren Variationen. Außerdem habe ich in diesem Jahr wieder einmal ein Konzert von ihnen gesehen.

2. Håkan Hellström: Poetiska försök

Die Platte habe ich aus Göteborg mitgebracht. Håkan Hellström muss man einfach lieben. Für seine Songs bedient er sich reichlich in der Musikgeschichte, der Sound ist unverkennbar und das Schwedisch ist einfach schön: Och vem vill vara din vän / När du har tappat glansen. In Schweden ist Hellström ein Superstar und wir haben ihn auch schon gesehen, direkt vor uns, aber das ist eine andere Geschichte.

3. Sam Burton: Dear Departed

Einmalig warme Westküstenmusik, aber leider bin ich beim Hören noch immer befangen, seitdem ich mit dem Musiker auf Instagram ein paar Nachrichten über ein politisches Thema gewechselt habe (immerhin hat er mir ausführlich geantwortet). Ich hoffe, das ändert sich wieder, weil ich seine Musik sehr liebe. Gelernt: Besser keinen Musikern auf Social Media folgen oder wenigstens ihre Instagram-Stories auslassen.

4. Blur: The Ballad of Darren

Gut zu sehen, dass eine Band auch in Würde alt werden kann. Mein erstes Album von Blur.

5. Spencer Collum’s Coin Collection 2

Kingdom Weather gehört und unmittelbar darauf Spencer Collum’s Coin Collection 1 bestellt, auf der der Song aber gar nicht ist. Jetzt habe ich beide Platten von ihm, noch besser. Spencer Cullum ist ein Brite, der als Studiomusiker in Nashville Pedal Steel spielt und auf einmal seine eigenen Songs herausbringt.

6. Ringo Starr: Rewind Forward

Ringo macht seit drei Jahren nur noch EPs, ich mag das Format. Das ist die vierte EP, die aus dieser Reihe musikalisch am interessantesten ist, wenn nicht das Thema Auto-Tune überdeutlich wäre. Aber solange er noch selbst trommelt, ist alles gut.

7. The Beatles: Now and Then

Ganz klar die aufregendste Veröffentlichung des Jahres für mich. Das Demo von John Lennon war ja allgemein bekannt und beim ersten Hören des fertigen Songs stellte sich etwas Enttäuschung ein, weil Paul McCartney Johns Bridge einfach weggelassen hatte. Aber inzwischen habe ich meinen Frieden mit der Single gemacht, die eine Zeitreise von 1979 über 1995 bis nach 2022 ist. Es ist fantastisch, John noch einmal klar und deutlich zu hören. Und warum sollte ein Beatles-Song von 2022 nicht so produziert werden, wie heute Musik produziert wird?

8. Anna St. Louis: In The Air

Ganz sicher das Album, das ich in diesem Jahr am meisten gehört habe. Wunderbare Harmonien, warme Produktion, sonnige Westküste. Lieblingslied: Rest

9. The Lemon Twigs: Everything Harmony

Wenn wir gerade bei Harmonien sind. Als ich die Platte auf den Tresen legte, sagte der Verkäufer aus dem Laden in der Leipziger Südstadt, endlich kauft die mal jemand, die steht schon seit Wochen im Regal und dabei ist die so schön, und ich kann ihm aus vollem Herzen zustimmen.

10. Slow Leaves: Meantime

Ich erkenne ein Muster.

11. Roger Joseph Manning Jr.: Radio Daze & Clamping

Roger Manning war die eine Hälfte von Jellyfish. Wenn ich mir Andy Sturmer hinzudenke, kommen mir die Tränen. Aber besser als nichts.

12. Sufjan Stevens: Javelin

Dieses Album habe ich zu Weihnachten zugleich verschenkt und geschenkt bekommen, was ein gutes Zeichen ist. Ich kannte Stevens bis vor vier Wochen noch nicht. Ich stehe noch ganz am Anfang.

13. Peter Gabriel: I/O

Im Sommer auf der Waldbühne gesehen, die Platte zum Konzert war noch ein Weihnachtsgeschenk.

#246

Dies Theorem, daß die Kindheit ein Urkontinent sei. Wir versuchen uns zu erinnern an das früheste Bild, das wir haben.

Ich habe nur wenig Erinnerungen an meine frühe Kindheit in Karow in Mecklenburg. Im Ort kreuzten sich mehrere Eisenbahnlinien. Ich stehe auf der Rückbank unseres Autos und warte darauf, dass die Schranken vor uns endlich aufgehen. Aber das älteste Bild, das ich vor Augen habe, ist eine Kindergartenbaracke im Wald. Ich sitze im Schlafanzug in einem weiß lackierten Metallgitterbett, es muss also während des Mittagsschlafs sein. Ich erinnere mich an den langgestreckten Raum. Mein Bett steht direkt rechts neben der Tür an der Wand und diese Tür geht auf und ein Mann in einem roten Mantel kommt herein, von dem ich später erfahre, dass es der Weihnachtsmann ist. Der Schreck hat das erste Foto in meinem Kopf belichtet. Ich weiß nicht, ob es echt ist.

— via Walle Sayer