Das zwölfte Album

Vor einiger Zeit begann ich damit, mich näher mit den letzten Jahren der Beatles und den ersten Jahren der Ex-Beatles nach Auflösung der Band zu beschäftigen. Bald stellte ich fest, dass dieses Thema unerschöpflich ist, wahrscheinlich, weil es eine brauchbare Metapher für das Leben darstellt. Bis heute machen sich beispielsweise eine Menge Leute ernsthafte Gedanken über die Frage, wie im Jahre 1971 das nächste Beatles-Album ausgesehen hätte. Etwa an dieser Stelle stieß ich auf The Twelfth Album von Stephen Baxter: Es geht um zwei Männer Mitte Vierzig, die auf der Trauerfeier ihres Freundes auf dessen Schiff das zwölfte Beatles-Album finden. Ein Album, das es eigentlich nicht gibt, in unserer Welt. Da kommt einiges zusammen. Weil ich keine Übersetzung finden konnte, habe ich eine eigene gemacht, nur für den Hausgebrauch.

Lightoller can be an anorak sometimes. Beim Übersetzen hatte ich ein paar Schwierigkeiten mit dem Wort anorak. Unser Protagonist ist doch wohl keine Jacke? Das Urban Dictionary half schließlich weiter: Der Ausdruck ist Slang für einen Menschen, der sich obsessiv für ein Thema interessiert, das so viel Aufmerksamkeit eigentlich nicht zu rechtfertigen scheint. Womöglich vergessen solche Leute auch manchmal vor Begeisterung, ihre Jacke auszuziehen, wenn sie zuhause sind – das könnte die Etymologie sein.

Mit der Zeit sind mir Lightoller, Sick Note und der namenlose Ich-Erzähler ans Herz gewachsen. Vielleicht macht es auch mehr Spaß, die Erzählung zu übersetzen, als sie zu lesen. Es kann durchaus sein, dass etwas anorak dem Lesevergnügen nicht schadet. Ich war jedenfalls entzückt, als ich endlich bemerkte, dass der Autor hier mehrere Alternativgeschichten ineinander versteckt hatte, wie in einer Matrjoschka. Mal ganz abgesehen von den wunderbaren Songs auf diesem Album, die es so eigentlich nicht gibt, in unserer Welt.

Nachtrag

Aus der Übersetzung habe ich ein kleines Büchlein gemacht. Wer es geschenkt haben möchte, kann mir gern schreiben, ich schicke es euch zu.

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Kommentare

Herr Ackerbau: Auf Youtube habe ich einmal zufällig entdeckt, wie viele Leute dieses Album basteln wollen, aus Solostücken und Outtakes der frühen 70er. Da ich von den Soloplatten nicht allzuviel kenne, ist das oft überraschend stimmig.
(So entlarvt man sich als Anorak).

Stefan: Das ist ein großer Sport, es gibt sogar ein Regelwerk dafür.

Ich habe natürlich auch damit angefangen, mein Zwölftes Album aufzuschreiben, aber eigentlich funktioniert das nicht: Die Soloplatten sind ja genau so geworden, weil sich die Beatles aufgelöst haben. Das war Verlust und Gewinn zugleich, weil die Fesseln und die Magie der Band verschwunden waren.

Von daher braucht das Zwölfte Album wirklich eine Geschichte, die erklärt, warum es zustande gekommen ist. Und es muss anders klingen, als die Ex-Beatles 1970f. die Songs für sich allein aufgenommen haben.

Glumm: Ich fände die 56. Single interessant.

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