Schlagwort: Ringo Starr

Rewind Ringo (6)

Bad Boy lässt mich ratlos zurück. Ich höre mir für dieses Projekt die Platten mehrfach an, nicht nur nebenbei, sondern durchaus mit einiger Aufmerksamkeit, schließlich will ich danach noch etwas dazu schreiben. Und manche von Ringos Platten höre ich auch einfach so, gewissermaßen freiwillig, das brachte mich ja erst auf die Idee zu dieser Serie.

Also Bad Boy habe ich jetzt bestimmt zehn Mal gehört und das hätte ich nicht getan, wenn sich das Album nicht gut anhören ließe. Aber ich verstehe noch immer nicht, was Ringo damit wollte. Immerhin, der Ausflug in Disco ist wieder vorbei. Die Platte ist sauber produziert, die Musiker machen ihre Arbeit, Ringo trifft die Töne. Wir sind noch immer in den Siebzigern (1978) und die Songs klingen zum Glück auch so. Die Arbeit mit Vini Poncia wird fortgesetzt, zusammen schreiben sie zwei Songs, darunter den Opener Who Needs a Heart, der mir gut gefällt. Das einzige Problem des Songs: Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wenn er vorbei ist. So ähnlich geht es mir mit der ganzen Platte. Ringo spielt neben den beiden neuen Stücken acht Standards, alle gut ausgesucht, er hat einen angenehmen Musikgeschmack und kennt seine Sachen. Und klar, Where Did Our Love Go ist ein wunderbarer Song, aber warum singt Ringo diese Nummer? Sollte er das nicht lieber den Supremes überlassen? Können sie das nicht besser als er?

Ich nehme an, Ringo wollte einfach seinen auslaufenden Plattenvertrag erfüllen und anschließend auf einem Sessel vor dem Studio auf den Bahamas sitzenbleiben, mit einem Glas in der Hand und auf den Ozean gucken.

Rewind Ringo (5)

Wir kommen bei der Durchsicht von Ringos Repertoire langsam in unbekannte Gewässer. Auf Ringo the 4th verändert er das eingefahrene Schema. With a Little Help from My Friends ist erstmal vorbei. Auf der Platte sind keine Ex-Beatles mehr. Die meisten Stücke sind von Starkey – Poncia, mit Vini Poncia hatte Ringo auch in den Jahren zuvor ein paar Songs geschrieben. Ringo the 4th ist zur Hälfte der Versuch, ein Album mit Disco zu machen — es war schließlich 1977 und Ringos Leben bestand vor allem aus Partys, Alkohol und Drogen. Aber Ringo dabei zuzuhören, wie er sich, unterstützt von zwei freundlichen und vor allem melodiesicheren Backgroundsängerinnen, durch ein paar Disco-Nummern kämpft, weckt schmerzhafte Assoziationen von einem missglückten Abend in einer Karaoke-Bar, bei dem niemand klatscht.

Immerhin, das Album ist von Hand eingespielt, richtige Menschen machen mit richtigen Instrumenten richtige Musik, und Ringo hat phantastische Musiker versammelt. Es ist Disco, aber es ist nicht leblos. Es ist ein guilty pleasure, wenn man möchte.

Trotzdem gibt es auch hier ein paar Sachen, die ich sehr gern höre. Wings ist solider Reggae mit einer Melodie, die bei mir hängenbleibt und einer wundervollen Gitarre von David Spinozza. Auch Ringo muss an diesem Song noch immer etwas finden, er hat ihn jedenfalls 2012 noch einmal aufgenommen. It’s No Secret ist entspannte Tanzmusik, die man mit fortschreitendem Alter ohne weiteres auf einer Geburtstagsfeier auflegen könnte. Doch am meisten mag ich Gave It All Up, eine Ballade, in der Ringo eine Geschichte von Verlusten erzählt. Ein klares, schönes Lied, er kann es also noch. Und in der Auslaufrille der ersten Seite ist ein kleines endloses Hörstück versteckt, solche Späße gefallen mir ja. Es ist komischerweise noch nicht in der Wikipedia vermerkt, wahrscheinlich hat noch niemand so lange durchgehalten.

Das Cover würde man heute wahrscheinlich auch nicht mehr machen. An dieser Stelle kein Wort über die Rückseite.

Rewind Ringo (4)

1976 kam Ringo’s Rotogravure heraus und wir sind noch immer auf der Sonnenseite seines Musikkatalogs. Ich habe eine Schwäche für diese Platte, die man einfach mögen muss. Das geht schon mit dem Cover los. Im Gatefold sind lauter Polaroids der beteiligten Musiker, die Essen in der Hand halten. Auf der Rückseite ist ein Foto der von den Fans vollgekritzelte Bürotür von Apple. Der Erstauflage lag sogar eine Lupe bei, damit man die Sachen besser entziffern konnte. Auf dem Album sehen wir noch einmal das Schema seit Ringo: ein paar Klassiker, ein paar Songs der Kollegen aus der alten Band, ein paar eigene Nummern, fertig. Das funktioniert auch hier, aber eine Abwärtsbewegung ist nicht zu verkennen.

Der Anfang knallt mächtig, Ringo ruft Alright! und die Band legt mit A Dose of Rock ’n’ Roll los. Musik als Medizin, stimmungsaufhellend wie sonstwas. Hey Baby ist eine schöne Nummer aus dem Jahr 1962, Ringo ist auf sicherem Boden. Danach kommt die Komposition von Paul McCartney. Pure Gold ist vielleicht nicht sein allerbester Song, aber trotzdem McCartney. Paul und Linda singen Background. Cryin’ ist eigene Komposition, die auch eine Countrynummer aus den 50ern sein könnte. Die Seite endet mit You Don’t Know Me at All, ein seltsames, aber warmherziges Lied. Keinerlei Einwände gegen die erste Seite.

Die zweite Seite hält das Niveau nicht ganz. Cookin’ (in the Kitchen of Love) ist John Lennons Beitrag zum Album. Der Titel klingt, als ob Lennon ihn in einer Viertelstunde geschrieben hätte, nicht sehr komplex. Aber immerhin ist John hier das letzte Mal zu hören, bevor er endgültig zum Hausmann im Dakota Building am Central Park wurde. This Be Called a Song ist von Eric Clapton und das beste daran ist seine Gitarre. Für Las Brisas hat Ringo eine Band aus einem mexikanischen Restaurant ins Studio geholt, weil sie ihm so gut gefallen hat. Ringo kann auch Mariachi-Musik singen, klar. Ringo kann alles. Lady Gaye ist ein hübscher Ausklang, doch eigentlich hatte Ringo nur einem Song von Clifford T. Ward (Birmingham) einen neuen Text verpasst. Über Birmingham wollte er wohl nicht singen.

Zwischen all diesen Nummern ist das interessanteste Stück des Album versteckt: I’ll Still Love You von George Harrison. Die Geschichte dieses Songs (der davor auch Whenever und When Every Song Is Sung hieß) geht bis 1970 zurück. Harrison machte bei den Aufnahmen zu All Things Must Pass 40 Takes davon, bekam ihn aber nicht fertig. Danach arbeitete er mit Shirley Bessey, Ronnie Spector, Cilla Black und Leon und Mary Russell daran, immer ohne Erfolg. Ringo brachte das Stück schließlich heraus, vielleicht klappte es, weil George Harrison bei den Aufnahmen nicht dabei war. Es ist ein unfassbarer Song, man merkt, dass Harrison erst kurz zuvor Something geschrieben hatte. Auch Ringo bringt ihn nicht ganz zu Ende und zu gern hätte ich gehört, was vier Beatles zusammen in einem Studio daraus gemacht hätten.