Schlagwort: Krankheit

In 25 Jahren Arbeit habe ich viele Vorsitzende gehabt. Ich bin mit allen ausgekommen, auch mit dem, der allgemein als schwierig galt und der mir am letzten Tag vor seiner Pensionierung aus heiterem Himmel eine vernichtende Beurteilung schrieb. Ich habe eine gute Erinnerung an ihn. Weißt du, was Peschmerga bedeutet, fragte er mich einmal, ohne die Antwort abzuwarten. Die dem Tod ins Auge geblickt haben. Wir sind beide Peschmerga. Uns kann nichts mehr passieren.

Hamburg, Herbst

Ich verstehe nicht, wie der Hauptbahnhof überhaupt funktioniert. Ein Gewirr aus Brücken, Treppen und Tunneln. Ausgänge zu allen Seiten. An jedem Bahnsteig warten drei Züge. Der Bahnhof ist zu klein für diese Stadt und die Stadt ist zu groß für diesen Bahnhof. Eine Ameisenstraße anlegen und niemals von ihr abweichen.

Mein Bruder hat einen Kebabladen in Hoheluft ausgesucht. Sie kontrollieren sorgfältig unsere Impfausweise. Das Essen ist gut, aber nach einer Weile bemerken wir einen seltsamen Geruch. Ich denke zuerst an den Autoverkehr der vierspurigen Straße vor unserer Tür, aber mein Bruder riecht das Gas. Er geht zur Theke, jetzt merkt es der Inhaber auch, aber die Leitungen sind alle okay, sagt er und zeigt mit den Händen unbestimmt in Richtung Wand. In meinem Kopf läuft ein Film ab, die Druckwelle der Explosion schleudert uns durch die großen Glasfenster auf die Straße, das wäre der richtige Abschluss für diesen traurigen Tag, aber erst muss ich noch aufessen.

Das Krankenhaus ist ein ganzes Stadtviertel. Als ich auf die neue Station komme, begrüßt mich die Schwester schon an der Tür. Ich war gerade bei Ihrem Vater im Zimmer. Ich wusste ja, dass er heute Besuch von seinem Sohn bekommt und als ich Sie vom Fenster aus auf der Straße gesehen habe, wusste ich gleich, dass Sie es sind. Sie sehen aus wie Ihr Vater.

Mit meiner Mutter machen wir einen Ausflug zur Schiffsbegrüßungsanlage in Wedel. Es ist kalt und windig, aber immerhin kommt nach einer Weile ein großes Containerschiff herein. Über die Lautsprecheranlage werden ein Begrüßungstext und die indonesische Hymne abgespielt. Das Schiff hupt. So hat alles seine Ordnung.

Überall treffe ich freundliche Menschen. Überall treffe ich freundliche, reiche Menschen. Die U-Bahnhöfe haben gemütliche Namen. Schlump, Eppendorfer Baum, Lattenkamp. Das Verkehrssystem ist chaotisch und nicht zu verstehen, aber alle bleiben ruhig dabei.

Am schönsten ist es, mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren. Alster, Norderelbe, Isebekkanal. Wir fahren durch den Alten Elbtunnel und trinken am Kiosk auf der Südseite ein Astra, wie alle Touristen. Wir finden die John-Lennon-Tür. Wir umrunden den ganzen Flughafen. Randlagen, Uferwege, Endhaltestellen.


Mein Bruder holt mich aus dem Plattenladen ab. Vorn bei den Neueingängen stehen das Rote und das Blaue Album. Er hat beide noch nicht und ich schenke sie ihm kurzerhand. Die kulturelle Mindestausstattung eines jeden Haushalts. Später stellt sich heraus, dass mein Bruder der erste Mensch auf der Welt ist, dem die frühen Sachen besser gefallen als die späten, aber Kunststück, wir sind in Hamburg, das wirkt noch lange nach.

Arzttermin. Die Warteschlange vor der Arztpraxis reicht die halbe Treppe runter. Es ist noch stiller als sonst, alle sind mit Atmen beschäftigt.

Die Schwester am Tresen erkennt mich nicht. Ich darf als Erster in den Ergometerraum und auf dem Fahrrad darf ich sogar die Maske abnehmen. Alle sind gut zu mir. Die Schwester erzählt von ihren Kindern, der und der darf dann und dann in den Kindergarten und in die Schule, alle vermissen ihre Freunde. Ab 150 Watt höre ich auf zu antworten. Der Erwartungswert ist 225 Watt, ich bin froh, als ich so weit komme. Kein Ehrgeiz für weitergehende Experimente.

Ich male mir jedes Mal vorher aus, wie sie mich dabehalten. Oh, Herr K., da ist etwas auf dem EKG, muss nichts Schlimmes sein, aber das muss abgeprüft werden, nur zur Sicherheit, Sie verstehen das sicher. Heute aber nicht, der Arzt ist zufrieden. Ich frage ihn nach dem Virus und bemerke, wie fein er sprachlich zwischen Risikogruppe und Hochrisikogruppe differenziert. Zur Hochrisikogruppe gehörte ich nicht. Das Wichtigste seien diese Dinger hier, sagt er und zeigt auf sein Gesicht. Aber wenn die Touristen das im Sommer mitbringen, bekäme er es sowieso als Erster. Passen Sie auf sich auf, sagt er und ich will am liebsten Sie auch! antworten.