Schlagwort: Klimawandel

Temperaturen

„Am Wochenende machen Sie bitte keinen Schritt vor die Tür“, sagte der Kardiologe zu mir. „Das sage ich heute allen Patienten.“ Ich habe also Hausarrest. So etwas gab es nicht einmal während der Pandemie. Nicht, dass ich diese Ansprache besonders gebraucht hätte – ich wäre ohnehin nicht aus dem Haus gegangen. Ich bin ein guter Patient.

Ich denke an den kurdischen Dolmetscher, der mir von dem Sommer in Bagdad erzählte, als es 40 Grad waren. An ihrem Haus gingen Reisende aus Basra vorbei, die wegen der Hitze in die Hauptstadt gefahren waren. „Hier ist es so schön kühl“, sagten sie. „In Basra hatten wir 50 Grad im Schatten.“ Er erzählte diese Geschichte gern und lachte dabei: „Stellen Sie sich das mal vor”, sagte er. „Ich sitze vor unserem Haus und schwitze, und die Leute aus dem Süden finden das kühl.“ Natürlich wurden sie hereingebeten und waren Gäste der Familie. Die irakischen Häuser sind gegen die Hitze gebaut.

Am Sonnabendnachmittag meldet meine Wetter-App 40 Grad Celsius. Ich schaue nicht nach, ob jemand am Haus vorbeigeht. Die Leute wissen, was sie tun.

„Früher war es im Sommer auch schon warm”, sagt der Mann im Umkleideraum, als ich einen Smalltalk über das Wetter beginne. „Die Leute meckern doch immer. Im Winter ist es ihnen zu kalt und im Sommer zu heiß.“ Ich bin mir nicht sicher, ob er das alles ironisch meint, und wechsle das Thema.

Die Nächte sind am schlimmsten. Wir brauchen eine Klimaanlage im Haus. Das ist erst der Anfang.

Am Anfang des Sommers

Eine Sache mit dem Klimawandel ist das Ende der Jahreszeiten, wie ich sie früher kannte. Der Winter ist ein endloser Herbst, der übergangslos von einem feuchten heißen Sommer abgelöst wird. Heute war ich zum ersten Mal in diesem Jahr in der Ostsee, die im Mai so viel Sonne abbekommen hat, dass sie warm und trüb war wie in einem Juli meiner Kindheit. Im August wird das Meer wahrscheinlich abgestanden und voller Quallen sein. Aber in den Sommerferien wird es sowieso schwer, nach Usedom zu kommen. Im Sommer brauchen wir ein Versteck.

Auf dem Weg lagen frische Tannenzapfen.

Die Berge auf Usedom markieren meinen körperlichen Zustand. In guten Jahren fahre ich alle hinauf, in schlechten Jahren schiebe ich das Rad. Heute etwa die Hälfte geschoben, das war ganz gut.

Jede Reise muss ein Ziel haben. In Swinemünde haben wir an der Promenade Schaschlik gegessen. Ohne Paprika, aber mit eingelegter Gurke. Der Mann am Grill hat mehrmals nachgefragt, ob mein Bier wirklich alkoholfrei sein soll.

Im Dreizehnten Stock ist noch kein Sommer.

Die Nachbarn säubern mit einem Gasbrenner den Gehweg von Unkraut, es klingt, als ob vor dem Fenster ein Flugzeug starten würde. Wir verbrennen Gas und produzieren Kohlendioxid, um Pflanzen zu vernichten, die Kohlendioxid speichern könnten. Seit einer Woche steigen die Temperaturen am Tag über dreißig Grad Celsius. Die Flüsse trocknen aus. Der Gehweg ist sauber. Die Welt ist verrückt geworden.

Der Sommer bleibt erbarmungslos schwül und warm, aber die Tage werden wieder kürzer und zeigen an, dass die Hitze auch in diesem Jahr ein Ende finden wird. Es wird früher dunkel, aber ich schlafe trotzdem schlecht.

Ja, Fatalismus funktioniert nicht, aber alles andere funktioniert auch nicht. Die Leute sind zufrieden, so wie es ist. Niemand will Veränderung. Die Politik bildet das ab. Ich setze auf rationale wirtschaftliche Prozesse, die Ökonomie treibt seit jeher den Fortschritt an, Selbstvernichtung ist kein erfolgreiches ökonomisches Konzept.