Schlagwort: DDR

Frieden

– Wenn ich auf den Wahlplakaten Frieden lese, kommt mir alles hoch, sagte er.

– Frieden, Frieden, in der ganzen DDR ging es immer nur um Frieden. Wenn du irgendwas gesagt hast, was ihnen nicht passte, hieß es doch gleich: Du bist wohl nicht für den Frieden? Und dann war Ende der Diskussion, Kopp zu.

Er kam langsam richtig in Fahrt.

– Jedes verschissene Kaff eine Straße des Friedens. Wir hatten sogar einen Platz der Freiheit, das musst du dir mal reinziehen. Dieses verlogene Land. Bis an die Zähne bewaffnet. Überall Kasernen. Armee, Reservisten, Kampfgruppen. Die Züge voller besoffener Soldaten und vollgekotzter Klos. 18 Monate Grundwehrdienst für jeden. Und im Wald lagen eine halbe Million Russen, die armen Schweine. Die Russen hatten noch mehr Leute unter Waffen als wir, das musst du auch erstmal schaffen. Und dann die GST mit ihren Wehrlagern und der Wehrkundeunterricht in der Schule, weißt du noch? Die haben uns das Schießen beigebracht, da waren wir noch halbe Kinder, mit Stiefeln, Uniform und scharfen Waffen.

Jetzt fing er auch noch an zu singen.

– Soldaten sind vorbeimarschiert / im Gleichschritt Schritt und Tritt / Wir Pioniere lieben sie / und laufen fröhlich mit

Er war laut geworden. Die ersten Leute begannen sich umzudrehen.

– Ich glaube den Typen kein Wort. Klar will ich Frieden, jeder will Frieden, aber den Frieden von denen will ich nicht.

– Lass uns mal besser weitergehen, sagte ich.

Jenny Erpenbeck. Kairos. Ich kann verstehen, warum Jenny Erpenbeck für dieses Buch den Booker-Preis bekommen hat, sie kann eine Geschichte aufschreiben, das gefällt mir. Aber das Buch ist nicht nur die quälende Geschichte einer schrecklichen Paarbeziehung, sondern auch eine unfassbare Rechtfertigung der DDR, Erzählperspektive hin oder her. Die beiden Protagonisten sind Teil der privilegierten Kulturelite der DDR, mit Reisegenehmigungen und voller Verachtung für den Westen und die einfachen Leute. Die bleiernen letzten Jahre der DDR, die überdeutlich an ihr Ende gekommen war, bilden den Hintergrund der Handlung, sie werden von den Romanfiguren voller Selbstmitleid, mit schwülstigem Pathos und unter Verklärung der sozialistischen Gewaltgeschichte geschildert. Das ist kaum auszuhalten. Nebenbei ist das Buch schlecht recherchiert: Es ist immer ein schlechtes Zeichen, wenn jemand nicht nachgelesen hat, wie die Schachfiguren eigentlich heißen, außerdem sollte man wissen, welche Wahl im Mai 1989 gefälscht wurde, wenn man darüber schreibt. 35 Jahre nach ihrem Untergang ist die DDR, die ein ethnisch homogener, fremdenfeindlicher, antisemitischer und antiamerikanischer Staat war, wieder zu einem positiven Bezugspunkt geworden. Wenn man wissen will, warum Putins Russland in Ostdeutschland so gefeiert wird, dieses Buch bildet die aktuelle Stimmung gut ab.

Ende Oktober

Im Museumshafen liegt ein Schiff, das mit dem Beginn des Krieges im letzten Jahr eine sowjetische und eine russische Fahne gehisst hatte. Die rote Fahne ist inzwischen verschwunden, dafür gibt es jetzt eine palästinensische. Die DDR ist zurück, diesmal als Farce: Deutsch-Sowjetische Freundschaft, Kleine weiße Friedenstaube, Yassir Arafat, US-Imperialismus. Als Nächstes kommen wahrscheinlich Blauhemden und Fackelmärsche. Obwohl, Fackelmärsche gab es ja neulich schon.

Wer weiß, vielleicht ist so ein abgeschlossener, ethnisch homogener deutscher Nationalstaat inzwischen wieder mehrheitsfähig, zuzüglich Wohlstand und Ferienflieger natürlich. Das Wohlstandsversprechen von 1990 ist endlich eingelöst worden und jetzt stellen es Pandemie, Klima und Krieg infrage und alles gerät ins Rutschen.

Das ist eine Assoziation und keine Analyse, ich habe doch auch keine Ahnung. Es gibt zwei Sachen, über die ich einigermaßen Bescheid weiß: Schach und Asylrecht. Aber mein Schach wird mit jedem Jahr schlechter, nichts da mit Routine und Altersweisheit. Und über das Asylrecht will niemand etwas wissen.

Ein endloser Sommer voller meteorologischer Rekorde. Im Oktober kommt endlich der Herbst. Der Sturm trägt den Geruch von Salzwasser in die Stadt.

Zeitreise im Wartezimmer, Maske und Impfungen.

Der Tischler hat mir ein Regal für meine Schallplatten gebaut. Übermorgen erscheint endlich Now and Then. Sie sind jetzt den ganzen Weg gegangen.