Kategorie: Weblog

Nach Zempin

Durch die Lektüre einer Landkarte stellte sich heraus, dass die Entfernung zwischen einem Bahnhof auf Usedom und der Ostsee in Zempin am kürzesten ist. Außerdem gibt es dort eine hübsche Strandbar mit Fernweh. Der auflandige Wind aus Nordost machte schöne Wellen und wehte auf der Rückseite der Strandkörbe flache Mulden in den Sand. Dort konnten wir uns verstecken. Das Wasser war für Anfang Juni ungewöhnlich warm. Seit sechs Wochen hat es nicht mehr geregnet. Auch die Sommer werden anders werden, länger, windiger, heißer.

Auf der Hinfahrt ein Gespräch über die Verkehrswende mit einem Lokführer, der auf der Insel aushelfen sollte und zu seinem Einsatzort unterwegs war. Es sieht nicht gut aus.

Im September

Vor einigen Jahren habe ich es mit vielen Mühen geschafft, meine Stimmung nicht länger von den Ergebnissen einer Fußballmannschaft abhängig zu machen und ich muss aufpassen, dass das so bleibt.

Mit A. einen Vortrag von Leif Erik Sander gehört. Der Vortrag handelte von Immunologie (was ich vorher wusste) und war auf Englisch (was ich vorher nicht genau wusste). Wissenschaft scheint eine andere Welt zu sein: klug, respektvoll und witzig. Eigentlich wollte ich fragen, ob ich noch eine Impfung brauche, aber dann habe ich mich nicht getraut.

Mit T. teile ich mein Zeitungsabonnement. Er revanchiert sich gelegentlich mit Blumen für E., mit lokalen Nachrichten und mit Reisegeschichten aus der ganzen Welt. T. ist mein persönlicher Korrespondent. Neulich brachte er mir einen Stapel Leerkassetten mit, noch eingeschweißt. Der Nachbar stelle seit Tagen Sachen in die Einfahrt zur Tiefgarage, er habe auch etwa 500 Schallplatten aussortiert, inzwischen sei alles weg. Ich bemerke noch nicht einmal mehr, was in einem Radius von 100 Metern um mich herum passiert.

Die kalten Septembernächte dringen immer weiter in das Haus vor, aber noch schaffen es der Rechner, die Schreibtischlampe und mein Körper, das kleine Arbeitszimmer unter dem Dach bewohnbar zu halten.

H. hat eine Hütte im Wald gebaut und mich eingeladen, mich zu ihm auf die Bank vor dem Haus zu setzen. Die Aussicht ist großartig. Wir sind inzwischen schon zu dritt.

Wir haben aufgeräumt und einen Fahrradanhänger voller Sachen zum Umsonstladen gebracht. Vor dem Eingang war eine lange Schlange, aber wer nur etwas abgeben wollte, musste nicht warten. Seitdem die Flüchtlinge da seien, wären die Regale ständig leer. Der Laden nimmt alles an, alles wird gebraucht, alles außer Bücher aus der DDR, das ist die einzige Ausnahme.

Nachrichten, Telefonate, Sorgen, Unruhe.

Wir haben zwei Tage lang geheizt und dann habe ich die kalte klare Luft im Haus vermisst und die Heizung wieder ausgestellt.

J. hat mich wiedererkannt, großes Glück.

Abends liegt der Geruch von Holz und Kohlen über dem Stadtviertel, als ob es die letzten dreißig Jahre nicht gegeben hätte. Ich denke daran, wie ich die Kohlen für E. in ihr Dachzimmer hochgetragen und wie wir sie in eine Kiste gestapelt haben. Die Kiste war mit rotem Stoff ausgekleidet. Das war unsere erste gemeinsame Wohnung. E. hatte einen Kassettenrekorder, der ein wenig zu schnell lief. Ich nahm Mixtapes für sie auf, so war es wirklich.

Blogs, die nach Jahren der Stille im Feedreader auftauchen, wie eine Auferstehung, aber eine Auferstehung gibt es nicht.

Wenn die Leute wenigstens vernünftige Kachelöfen hätten, statt dieser erbärmlichen Kamine.

Im Forum hat jemand einen Radiosender aus Hongkong empfohlen, den ich gerade höre, während ich das alles in mein Blog schreibe. Er klingt ganz nahe.

Lund

Plattentektonik: Unerwarteterweise liegt Lund auf einem Höhenzug. Die Stadt steigt nach Nordosten hin unentwegt an. Zwischen dem Bahnhof und unserem Hotel liegen 32 Höhenmeter, das hätte ich gern vor der Buchung gewusst. Aber hinunter zur Stadt rollen die Fahrräder fast von allein. Überhaupt ist Lund ein Beispiel, wie menschenfreundlich Zivilisation sein kann: Fahrradstraßen, beschilderte Routen, eigene Ampeln und überall Zebrastreifen.

Der Dom ist seltsam geformt, langgestreckt und flach. Die beiden Türme werden gerade abgebaut. Mittags stehen alle vor der astronomischen Uhr und schauen den Heiligen zu, die einmal im Kreis laufen. Die Kerzen können noch immer mit Bargeld bezahlt werden, ich zünde eine an, für mich selbst. Wir haben einen Beutel voller Münzen, die reichen für eine Menge schwedischer Kirchen.

Die halbe Stadt besteht aus der Universität und weil Semesterferien sind, sieht sie wie ein Freiluftmuseum aus. Außerdem ist so genug Platz auf den Radwegen, kein Grund zur Klage.

In einem Hochhaus wohnen. Aus dem Fenster im Treppenhaus ist Malmö zu sehen.

Am heißesten Tag der Woche fahren wir bis nach Lomma und baden im Öresund. Das Wasser ist lange flach, aber erstaunlich kalt und klar. Am Horizont schwebt die Brücke nach Kopenhagen hinüber.

Im Bahnhof gibt es keinen Schalter und selbst die Fahrkartenautomaten benutzt außer uns niemand mehr. Der Zug nach Ystad braucht nur eine Stunde und von dort fährt das Boot zurück nach Rügen. Wie nahe alles ist.