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Lund

Plattentektonik: Unerwarteterweise liegt Lund auf einem Höhenzug. Die Stadt steigt nach Nordosten hin unentwegt an. Zwischen dem Bahnhof und unserem Hotel liegen 32 Höhenmeter, das hätte ich gern vor der Buchung gewusst. Aber hinunter zur Stadt rollen die Fahrräder fast von allein. Überhaupt ist Lund ein Beispiel, wie menschenfreundlich Zivilisation sein kann: Fahrradstraßen, beschilderte Routen, eigene Ampeln und überall Zebrastreifen.

Der Dom ist seltsam geformt, langgestreckt und flach. Die beiden Türme werden gerade abgebaut. Mittags stehen alle vor der astronomischen Uhr und schauen den Heiligen zu, die einmal im Kreis laufen. Die Kerzen können noch immer mit Bargeld bezahlt werden, ich zünde eine an, für mich selbst. Wir haben einen Beutel voller Münzen, die reichen für eine Menge schwedischer Kirchen.

Die halbe Stadt besteht aus der Universität und weil Semesterferien sind, sieht sie wie ein Freiluftmuseum aus. Außerdem ist so genug Platz auf den Radwegen, kein Grund zur Klage.

In einem Hochhaus wohnen. Aus dem Fenster im Treppenhaus ist Malmö zu sehen.

Am heißesten Tag der Woche fahren wir bis nach Lomma und baden im Öresund. Das Wasser ist lange flach, aber erstaunlich kalt und klar. Am Horizont schwebt die Brücke nach Kopenhagen hinüber.

Im Bahnhof gibt es keinen Schalter und selbst die Fahrkartenautomaten benutzt außer uns niemand mehr. Der Zug nach Ystad braucht nur eine Stunde und von dort fährt das Boot zurück nach Rügen. Wie nahe alles ist.

Im Führerstand

Der Zug nach Velgast fährt erst in zehn Minuten und der Lokführer kommt auf den Bahnsteig, um zu rauchen. „Drinnen ist es noch wärmer als draußen“, sagt er und ich stelle mich zu ihm. „Ohne Sie können wir ja nicht abfahren.“ Wir kommen ins Gespräch, über den alten Barther Bahnhof, den Güterbahnhof, die Elektrifizierung der Strecke in den achtziger Jahren, den Abbau der Elektrifizierung in den neunziger Jahren, über den alten Fahrplan mit den Fernzügen nach Erfurt und mit dem Ferkeltaxi nach Velgast am Freitagnachmittag, über die Darßbahn. „Die Militärzüge nach Bresewitz bin ich noch gefahren.“

Wir steigen ein und als ich mich hinsetzen will, winkt er mich nach vorn: Führerstandsmitfahrt, das erste Mal in meinem Leben. Ich versuche meine Aufregung zu verbergen und lasse ihn erzählen, über die Reste der alten Waschanlage neben den Gleisen, den Wasserturm in Velgast (letzter Einsatz einer Dampflok etwa 1982), den Kenzer Berg („Die Strecke war nur für 50 km/h zugelassen, aber mit dem Güterzug musste man Anlauf nehmen, wir sind das damals mit der Mütze auf dem Tacho gefahren“), das Essen in der Barther Mitropa („60 Pfennig mit Essenmarke“), über die Tiere an der Strecke, die Rehe am Waldrand, den Dachs, die Wildschweine, das von der Sonne aufgewärmte Gleisbett, das die Wildtiere mögen. Als es zu regnen beginnt, fährt er langsamer. „Wenn es nass wird, löst sich der Rost und dann rutscht der Zug beim Bremsen, der hat dann soviel Widerstand wie eine Gurke, die durch den Gurkenhobel rauscht.“

Dann sind wir schon da, ich muss in Velgast umsteigen. Beim Aussteigen bin ich wieder zwölf Jahre alt.

Vier Tage, Anfang Juni

Beim Arzt wegen der Formulare für die Reiserücktrittsversicherung und er fragte mich, wie es mir denn jetzt ginge und ich sagte, das werde wohl noch ein paar Wochen dauern, bis es wieder wie vorher sei und er sagte: hoffentlich.

Bei der Beerdigung eines Freundes eine Rede gehalten. Ich war mir nicht sicher, ob ich das schaffen würde, aber als ich für den zweiten Satz einen langen Anlauf genommen hatte und meine Stimme tatsächlich zurückgekommen war, funktionierte es. Ich habe eigentlich keine Sorgen, vor einer Menschenmenge zu reden, aber das war nicht das Problem. Das Problem war ich selbst. Wir saßen unter den alten Bäumen auf dem Dorfriedhof, die Vögel, von allem unbeeindruckt, sangen die ganze Zeit weiter. Am Ende lief High Hopes, es ging endlos. Wir hatten unsere eigene Glocke.

Mit A. in Berlin bei den Pet Shop Boys. Als das Licht ausging und die Musik anfing, standen alle um uns herum auf und gingen nach vorn an die Bühne und das machten wir auch. Wir waren in einer riesigen Halle, aber Neil Tennant und Chris Lowe standen zehn Meter von uns entfernt, als wären wir in einem Club. Vor lauter Glück hatte ich Tränen in den Augen.

Nach der Wahl saßen noch wir draußen vor dem türkischen Imbiss und haben etwas gegessen. Die Stadt war ganz leer, alle waren am Strand.