Kategorie: Weblog

Joachimstraße

Im September 1990 kam ich nach Berlin. Im September 1990 war das kleine Land nicht mehr so richtig da und das große Land noch nicht. Ich fuhr in die große Stadt und bekam einen gelben Studentenausweis aus Pappe und einen Ermäßigungsschein für die Deutsche Reichsbahn, falls ich mal in die kleine Stadt zurückfahren wollte. Es gab nur ein Problem — ich hatte keine Wohnung. Ich hatte nur eine Unterkunft, ein Bett in einem Viermannzimmer in einem Studentenwohnheim im Hans-Loch-Viertel in Friedrichsfelde. Achter Stock, 20 Minuten Fußmarsch vom vom U-Bahnhof »Tierpark«. Erinnerte ein bisschen an meine Kaserne und war nicht gerade mein Traum.

Es musste also eine Wohnung her. Es gab genug freie Wohnungen in Ostberlin, es waren in den letzten Monaten ausreichend viele Leute vom kleinen Land in das große Land umgezogen und noch niemand groß in entgegengesetzter Richtung, aber es gab keine Wohnungsverwaltung. Jedenfalls keine Wohnungsverwaltung, die mir eine Wohnung geben wollte. Ich musste also selbst eine Wohnung suchen. Zufälligerweise hatte jemand gerade eine Wohnung gefunden, obwohl er eigentlich schon eine Wohnung hatte (die Wohnungssuche war ihm zur Gewohnheit geworden) und so bin ich da eingezogen, ein neues Schloss einbauen, einen leeren Keller für die Kohlen suchen, Strom und Gas anmelden und fertig. Ein Bett hatte ich von zuhause mitgebracht und für den Rest standen genug Möbel auf der Straße. Dort lagen auch Kohlen herum. Ich hatte einen Schwarzweißfernseher mit Zimmerantenne und nur einem Programm, aber immerhin Westfernsehen.

Die Wohnung war eigentlich baupolizeilich gesperrt und wahrscheinlich deshalb unbewohnt. In meinem Zimmer hing die Decke ein bisschen durch und ich habe das Bett sicherheitshalber ganz an den Rand gestellt. Ansonsten war es luxuriös, es war hell, es gab ein Innenklo, das über den Flur entlüftet wurde und es gab ein Waschbecken in der Küche. Es war meine erste eigene Wohnung. In Mitte! Ich konnte zu Fuß zum »Babylon« und zum Hackeschen Markt laufen und in der Bernauer Straße war gleich hinter der Mauer ein Aldi. Ich war ein Glückspilz.

Aus dem Fenster zum Hof guckte ich auf einen Spielplatz. Damals war noch alles voller Kinder, doch dann zogen die Leute aus dem großen Land nach Mitte und machten Kneipen auf und Galerien und die Kinder waren erstmal verschwunden. Inzwischen sind die Leute mit den Galerien und den Kneipen alle Eltern geworden und die Kinder wieder da. Neulich war ich nochmal auf dem Spielplatz, um mal in die andere Richtung zu gucken. Das Flurfenster stand offen.

Trelleborg I

Willst du eine wirklich schöne Stelle wissen? Einen schönen Platz auf der Erde? Ja? Dann verrate ich dir jetzt etwas.

Dort kommst du sehr einfach hin. Du musst nur nach Trelleborg fahren und das macht ja nun wirklich fast jeder, der nach Schweden fährt oder aus Schweden wegfährt. In Trelleborg gibt es einen großen Hafen für die großen Fähren. Sonst gibt es dort nicht so viel, sagen manche, die sich bloß beeilen, um aus Trelleborg schnell wegzukommen. Trelleborg luktar skit, sagen die Schweden, die Trelleborg nicht so schön finden, aber das übersetze ich lieber nicht. Mein erster Schwedischlehrer schwärmte uns von den Zimtschnecken an der Shelltankstelle vor, aber stell dir mal vor, du sollst deine Stadt beschreiben und das erste, was dir einfällt, ist eine Tankstelle. Nicht gerade schmeichelhaft, oder?

Also, wenn du mal in Trelleborg bist, fährst du am besten gleich zum Parkplatz vor dem Maxi ICA in der Strandridaregatan. Dort kannst du dir Schokolade kaufen oder Lakritz oder Eis oder Wurst mit Kartoffelmus und Gurkensalat (das nehme ich) und dann auf eine Bank am Wasser setzen. Die Ostsee liegt hier im Süden, was irgendwie komisch ist und sie ist meistens ganz still und riecht ein bisschen nach Tang und dem Hafen. Du kannst die Schiffe sehen, die einen kommen an und die anderen fahren weg. Losfahren und Wiederkommen, das sind zwei schöne Momente. Aber währenddessen nicht die Zeit vergessen! Es geht gleich weiter.

Hast du auch einen Lieblingsplatz?

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Man kann Fußball im Fernsehen gucken. Im Fernsehen kommt immerzu Fußball. Die Bundesliga spielt freitags, samstags, sonntags, montags kommt nochmal zweite Liga im DSF oder wie das jetzt heißt, dienstags und mittwochs ist Champions League und donnerstags das, was früher UEFA-Pokal hieß und davor Messestädte-Pokal und jetzt einen Namen hat, den ich mir nicht merken kann. Und wer will, kann auch noch englische Liga gucken oder spanische oder japanische oder die U-17-Asienmeisterschaft, wenn sonst tagsüber gerade kein Fußball kommt. Dafür gibt es extra die Zeitverschiebung.

Ich gehe lieber zum Fußball. Meine Heimatmannschaft spielt sechste Liga. Das Stadion ist mit dem Fahrrad zehn Minuten weg, Eintritt kostet vier Euro und es gibt einen Bierwagen mit Grill. Man trifft nette Leute und ist an der frischen Luft. Es gibt keine Zeitlupe, aber wer braucht schon eine Zeitlupe? Es war sowieso kein Abseits. Ab und zu versuche ich, mit dem Schiedsrichter eine Regeldiskussion zu beginnen oder einem Spieler der gegnerischen Mannschaft meine Meinung zu seiner Spielweise mitzuteilen. Meistens hören sie nicht auf mich, obwohl ich mich deutlich und zugespitzt ausdrücke.

Neulich bin ich auswärts gefahren. Wir standen in Rostock auf einem Sportplatz an der Stange, der schon bessere Zeiten erlebt hat, es war so neblig, dass man kaum die Tore sah und es waren 65 Zuschauer da. Ein paar Kilometer weiter spielte Hansa gegen St. Pauli. Bei uns war es etwas ruhiger. Dafür haben wir gewonnen.