Seitdem NDR 4 zu einem Inforadio wegformatiert worden ist und das, was mal NDR 3 war, fast nur noch Klassik-Häppchen sendet, habe ich kaum noch Kontakt zu meiner öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. NDR Kultur Neo hat uns wieder etwas versöhnt. Musikjournalisten konstruieren in den letzten halben Stunden vor Mitternacht eine Sendung, die sich zum Ende hin fast auflöst. Radio kann solche Momente schaffen, wenn man es lässt. Dafür ist es da.
Kategorie: Weblog
Ausstellungshinweis
Zum Nachlass von Alexander Neroslow gehören mehrere Kisten mit Fotografien und Diapositiven (teilweise schon in Farbe), die er in den 1950-er Jahren in Wieck auf dem Darß aufgenommen hat. Er benutzte die Bilder als Motivspeicher für die Arbeit im Leipziger Atelier. Wir sehen Aufnahmen eines Malers, die Landschaften zeigen, die es inzwischen nicht mehr gibt. Das Darß-Museum Prerow zeigt gerade einige Reproduktionen, zum Teil zusammen mit den dazugehörigen Gemälden.

Als Benno noch den Zander fing, Darß-Museum Prerow, noch bis zum 1. Mai 2016
Böhmermann
Noch kurz zu Böhmermann: Mein erster Eindruck war, dass die Nummer fast nichts mit Erdoğan, aber sehr viel mit Welke und Ehring zu tun hatte. Böhmermann hat diesen sehr deutschen Haudrauf-Humor von heuteshow und extra 3 einfach eine Schraube weitergedreht: Haha, der Erdoğan mit seiner lustigen Stimme und seinem watschelnden Gang, ein einfaches Opfer hiesiger Fernseh-Comedy und in der Tat könnte man sich in den genannten Sendungen ohne Weiteres ein Bildchen in der Bildschirmecke vorstellen, auf dem der Kopf des türkischen Präsidenten auf eine Ziege montiert ist (falls es das noch nicht gegeben hat). Deswegen neben der Metaebene (»Wir tragen jetzt strafbare Schmähkritik vor«) auch die Form einer Büttenrede als maximale Distanzierung vom Text – es lässt sich kaum jemand denken, der weniger Karnevalist wäre als Böhmermann. Böhmermann hat kein rassistisches Schmähgedicht vorgetragen. Er hat jemanden gespielt, der ein rassistisches Schmähgedicht vorträgt. Das ist Kunst und damit sollte die Diskussion auch zu Ende sein.
Um so überraschender, dass sich aus diesem Video-Schnipsel eine Angelegenheit entwickelt hat, die inzwischen von Intendanten, der Bundespressekonferenz und der Bundesregierung verhandelt wird. Eine Renaissance von § 103 Strafgesetzbuch (Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten) steht in Haus, einer Vorschrift, die zuletzt 1981 in Anwendung gebracht wurde, als das Bundesverwaltungsgericht es für strafbar hielt, die chilenische Regierung von General Augusto Pinochet eine »Mörderbande« zu nennen (BVerwGE 64, 55). Wer hier nach dem Staatsanwalt ruft, will einen miefigen Humor im Fernsehen, der hinter Otto Waalkes und Harald Schmidt zurückfällt. Geschmacksfragen auszutragen ist keine Aufgabe der Justiz.