The Cure spielen auf der Parkbühne Wuhlheide. Die Parkbühne ist eine Art ostdeutsche Waldbühne und liegt gleich hinter der Pioniereisenbahn und dem Pionierpalast, die jetzt anders heißen. Wir haben sündhaft teure Tickets Front of Stage und um diesen Vorteil richtig auszunutzen, müssen wir sehr früh da sein, um sehr weit vorn vor der Bühne zu stehen und dann sehr lange zu warten, bis das Konzert endlich anfängt. Es gibt zwei Vorbands. Ich bin kein großer Freund von Vorbands, die auf der großen Musikanlage schlecht abgemischt werden und das Publikum müde spielen. Ich weiß, das ist ungerecht, aber der stupide Bass von Just Mustard ist so laut, dass ich ihn in meinen Eingeweiden spüre — das ist kein schönes Gefühl. Danach kommen The Twilight Sad (mit einem melodischen Bass) und nach drei Stunden Stehen kommen endlich The Cure auf die Bühne. Robert Smith hat abgenommen, macht einen fitten Eindruck und ist gut bei Stimme. Das Keyboard des verstorbenen Perry Bamonte steht an seinem Platz und bleibt unberührt. Simon Gallup ist krank geworden, dafür spielt sein Sohn heute Bass. Wir raten, womit sie anfangen werden, ich tippe auf Plainsong, und so kommt es auch. Etwa bei Burn geht mein Kreislauf in den Keller, bei Play for Today kommt er langsam wieder zurück. Irgendwann höre ich auf, meine Beine zu spüren. Ich denke an die Krankengymnastik und versuche, meine Übungen zu machen: die untere Lendenwirbelsäule stabilisieren, das Becken nach vorn kippen, den kurzen Fuß machen, die Hüfte kreisen. Um mich herum tanzen die Leute, ich falle also nicht weiter auf, wenn ich mich hin und her wiege. Boys Don’t Cry, ich weiß, ich weiß.
Kategorie: Weblog
Temperaturen
„Am Wochenende machen Sie bitte keinen Schritt vor die Tür“, sagte der Kardiologe zu mir. „Das sage ich heute allen Patienten.“ Ich habe also Hausarrest. So etwas gab es nicht einmal während der Pandemie. Nicht, dass ich diese Ansprache besonders gebraucht hätte – ich wäre ohnehin nicht aus dem Haus gegangen. Ich bin ein guter Patient.
Ich denke an den kurdischen Dolmetscher, der mir von dem Sommer in Bagdad erzählte, als es 40 Grad waren. An ihrem Haus gingen Reisende aus Basra vorbei, die wegen der Hitze in die Hauptstadt gefahren waren. „Hier ist es so schön kühl“, sagten sie. „In Basra hatten wir 50 Grad im Schatten.“ Er erzählte diese Geschichte gern und lachte dabei: „Stellen Sie sich das mal vor”, sagte er. „Ich sitze vor unserem Haus und schwitze, und die Leute aus dem Süden finden das kühl.“ Natürlich wurden sie hereingebeten und waren Gäste der Familie. Die irakischen Häuser sind gegen die Hitze gebaut.
Am Sonnabendnachmittag meldet meine Wetter-App 40 Grad Celsius. Ich schaue nicht nach, ob jemand am Haus vorbeigeht. Die Leute wissen, was sie tun.
„Früher war es im Sommer auch schon warm”, sagt der Mann im Umkleideraum, als ich einen Smalltalk über das Wetter beginne. „Die Leute meckern doch immer. Im Winter ist es ihnen zu kalt und im Sommer zu heiß.“ Ich bin mir nicht sicher, ob er das alles ironisch meint, und wechsle das Thema.
Die Nächte sind am schlimmsten. Wir brauchen eine Klimaanlage im Haus. Das ist erst der Anfang.
Ein Rädchen sein
Rechtsanwendung bedeutet zum weitaus größten Teil die Reproduktion von vorhandenen Texten: Schriftsätze aus dem Verfahren, Gesetzestexte, anderen Entscheidungen. Das ist nicht ungewöhnlich, im Gegenteil. Der vorhandene Prozessstoff muss zur Kenntnis genommen werden, damit die Parteien rechtliches Gehör erhalten. Alle Rechtsanwender sind selbstverständlich an das Gesetz gebunden, sie müssen es benennen und anwenden. Sie bewegen sich in einem rechtlichen Rahmen, der durch die bereits vorhandene Rechtsprechung ausgeformt wurde. Wiederholung schafft Erwartbarkeit und Verlässlichkeit – Juristen nennen das Rechtssicherheit. Rechtliche Systeme produzieren Vertrauen. Juristische Entscheidungen sind im besten Fall solides Handwerk und keine Kunstwerke mit Schöpfungshöhe.
Daher kommt es selten vor, dass bei meiner Arbeit ein neuer Gedanke auftaucht. Neulich hatte ich einen und habe es damit in die NVwZ geschafft. Die NVwZ (Neue Zeitschrift für Verwaltungsrecht) ist so etwas wie ein Tabernakel des Öffentlichen Rechts. Natürlich erscheinen die juristischen Zeitschriften alle auch digital, aber als ich dort von meiner unverhofften Veröffentlichung erfahren habe, war ich so stolz, dass ich extra in die Bibliothek gefahren bin und mir vom analogen Heft eine Kopie gemacht habe (Az. 4 M 540/25 OVG – NVwZ 2025, 2038).