Temperaturen

„Am Wochenende machen Sie bitte keinen Schritt vor die Tür“, sagte der Kardiologe zu mir. „Das sage ich heute allen Patienten.“ Ich habe also Hausarrest. So etwas gab es nicht einmal während der Pandemie. Nicht, dass ich diese Ansprache besonders gebraucht hätte – ich wäre ohnehin nicht aus dem Haus gegangen. Ich bin ein guter Patient.

Ich denke an den kurdischen Dolmetscher, der mir von dem Sommer in Bagdad erzählte, als es 40 Grad waren. An ihrem Haus gingen Reisende aus Basra vorbei, die wegen der Hitze in die Hauptstadt gefahren waren. „Hier ist es so schön kühl“, sagten sie. „In Basra hatten wir 50 Grad im Schatten.“ Er erzählte diese Geschichte gern und lachte dabei: „Stellen Sie sich das mal vor”, sagte er. „Ich sitze vor unserem Haus und schwitze, und die Leute aus dem Süden finden das kühl.“ Natürlich wurden sie hereingebeten und waren Gäste der Familie. Die irakischen Häuser sind gegen die Hitze gebaut.

Am Sonnabendnachmittag meldet meine Wetter-App 40 Grad Celsius. Ich schaue nicht nach, ob jemand am Haus vorbeigeht. Die Leute wissen, was sie tun.

„Früher war es im Sommer auch schon warm”, sagt der Mann im Umkleideraum, als ich einen Smalltalk über das Wetter beginne. „Die Leute meckern doch immer. Im Winter ist es ihnen zu kalt und im Sommer zu heiß.“ Ich bin mir nicht sicher, ob er das alles ironisch meint, und wechsle das Thema.

Die Nächte sind am schlimmsten. Wir brauchen eine Klimaanlage im Haus. Das ist erst der Anfang.

Kommentare

Wolf Jäger sagt:

Als Junge bei Oma – also etwa 50 Jahre her: Wetterbericht im ZDF. „… die Temperatur klettert morgen über 30 Grad von heute 28 auf morgen 32 Grad …“
Mein Großvater schüttelte den Kopf – „mit ihre Fliegerei da uffn Mond machen se dett janze Wetter kaputt!“
Heute nehmen wir 32 Grad als „normal“ hin.
Klar ist es im Winter immer zu kalt und im Sommer immer zu warm – aber die Werte sprechen eine deutliche Sprache.
Schade, das man den wärmsten Punkt in Deutschland nicht permanent zu Frau Reiche teleportieren kann – vielleicht begreift sie ja so, das wir mit dem Unfug aufhören müssen …
Wenn ich dann immer höre: „Wir retten das Klima nicht, hier in Deutschland!“ „Hast Du denn keine Kinder???“ frage ich, dann meist „Da wird schon jemand was einfallen …“
Die Klimaanlage hat eine schei*** Umweltbilanz – aber ich spiele auch mit dem Gedanken.

Stefan sagt:

Als Kind war ich mir sicher, dass wir spätestens im Jahr 2000 eine Basis auf dem Mond haben werden. Das hat leider nicht geklappt.

arboretum sagt:

Ich kann die Leute aus Basra gut verstehen. Als das Innenthermometer in meiner Wohnung 35,7° C anzeigte, machte ich mir erst einmal nicht mehr die Mühe, darauf zu schauen. Ein paar Tage später fühlten sich 28° C drinnen erfrischend und noch ein paar Tage später 24° C kühl an, Zeit für lange Hosen. Aktuell sind es hier 26,5° C, ganz OK.

Stefan sagt:

Das stimmt, auch Wärme ist relativ. Für mich gibt es aber auch einen absoluten Punkt, an dem es nicht mehr auszuhalten ist, wahrscheinlich 40 Grad Celsius. Da würde es auch nichts nützen, vorher in Basra gewesen zu sein.

Alles passiert so schnell jetzt und ich fürchte, wir sind nicht gut vorbereitet auf das, was kommen wird, die Gesellschaft nicht und ich auch nicht.

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