[6.2.]

Jede Weltreise beginnt mit einer Fahrt nach Hamburg.

Ich schaffe es, bis halb sechs zu schlafen. Um sieben steht das Taxi vor der Tür, das uns zum Flughafen bringt. Im Zeitungsladen haben sie die Zeitschriften nicht, die ich vor einem Jahr gekauft hatte. Dafür gibt es im Transitbereich jetzt winzige Wasserspender vor den Toiletten, an denen wir unsere Trinkflaschen füllen. Im Flugzeug sitzen wir ganz hinten, es ist so laut, dass ich den vollgeladenen neuen MP3-Player wieder einpacken kann. Neben mir sitzt ein Mann am Gang, der mehrere Stützkissen dabei hat. Sie fahren vier Wochen, sonst lohnt sich diese Quälerei nicht. Der Pilot grüßt uns kurz vor dem Landeanflug von C. und bekommt die Maschine trotz der Fallwinde halbwegs auf die Landebahn.

Der Mann von der Autovermietung bietet uns einen schmutzigen Deal: 50 Euro und wir müssen das Auto nicht vollgetankt zurückbringen. Die Tankstellen hätten häufig zu, haha. Wir fahren auf die Westseite und warten lange vor dem Tor der Ferienanlage, bis uns ein alter Mann schließlich an den Bungalows vorbei bis zum Casa führt. Kanarischer Stil, Balkons zu drei Seiten, Blick auf den Ozean.

Wir fahren die paar Minuten hinunter zum Strand nach Puerto Naos. Rote Fahne, deshalb weiter nach Charco Verde, wo es keine Fahnen gibt und ich aufmerksam beobachte, wie der einzige Schwimmer es schafft, wieder aus dem Wasser zu kommen und es ihm dann nachmache.

Das Casa stellt sich als Problem heraus: Im Erdgeschoss unter uns macht eine Gruppe erst Abendessen und dann eine Party. Um zehn gehe ich hinunter und hinterlasse genügend Eindruck – es wäre der letzte Abend etc. (das höre ich gern), aber sie sind entspannt und gehen in ihre Bungalows. Wir sind todmüde und ich stelle fest, dass es hier eigentlich erst um neun ist. Egal.

[7.2.]

Die Wolken vor dem Berg sind hellblau.

Wanderurlaub. Wir fahren den Steilhang zum Mirador El Time hinauf, um gleich Fahrtrainung zu bekommen und weiter nach El Pinar auf tausend Meter Höhe. Der Ein-Stern-Wanderweg entlang vieler unglaublicher Schluchten erweist sich in der Sonne als hinreichend anstrengend, vor allem hinunter, wir drehen nach einem Drittel um. In Puerto de Tazacorte sitzen tatsächlich ein paar Hippies an der Hafenmauer und vor den Bars spielen Musiker. Die Bucht ist geschützt genug für die gelbe Fahne. Schöne Stimmung, langsam kommen wir runter. In La Manchas gehen wir in das Restaurant im Berg, das im letzten Jahr geschlossen war und tun etwas für das Ansehen der Deutschen im Ausland, als auf der Rechnung die Hälfte fehlt.

Abends wird es kühl. Keine Party unter uns.

[8.2.]

Geträumt, dass meinen wundgelaufenen großen Zehen riesenhaft angeschwollen wären und ich mich nicht mehr bewegen könnte.

In El Paso eine Nagelschere und ein T-Shirt gekauft. Im Nationalparkzentrum für Freitagnachmittag einen Parkplatz am Mirador de la Cumbrecita gebucht. Alle reden vom Regen, der am Wochenende kommen soll. Der Wind ist schon da. Wir fahren in den Lorbeerwald nach Los Tilos, immer hinter einem Bus her, aus dem schließlich lauter Schweden aussteigen. Der Busfahrer wendet auf dem Parkplatz und zeigt uns, dass sein Bus stärker als unser kleines Auto ist. Wir laufen den Ein-Stern-Wanderweg hinauf. Zielpunkt ist eine kleine Wetterstation auf einer Felsnadel. E. ist mutig, aber ich muss das Gipfelfoto trotzdem als Selfie machen, bevor ich schnellstmöglich wieder hinunterklettere. Auf dem Rückweg biegen wir nach San Andrés ab und müssen bestätigen, was im Reiseführer steht: Das ist ein verwunschenes karibisches Örtchen an einem steilen Hang, in dem von von jedem Platz aus auf das Meer sieht. Wir setzen uns vor der Kirche in die Bar und bewundern die Spanischkenntnisse der deutschen Rentner.

Der Rückweg geht oberhalb von Santa Cruz durch die Wolken. Wir essen Thunfisch auf dem Balkon. Der Mond kommt heraus. Der Ozean ist laut, er schwillt an und ab, wir hören ihm zu.

[9.2.]

Kalter Morgen, bis die Sonne endlich über den Berg gestiegen ist.

Im Reiseführer steht, dass man die Wanderung auf dem Kammweg bei El Pinar nicht machen soll, wenn Wolken in den Bergen hängen. Wir machen es trotzdem. Auf 1300 Metern ist die Luft klamm und dünn, ich friere in meinen kurzen Hosen. Die phantastischen Ausblicke auf die Caldera de Taburiente und auf Santa Cruz entfallen wetterbedingt. Wir kommen bis zu den Masten von Telefónica, wo Arbeiter damit beschäftigt sind, den Weg mit Macheten freizuhalten. Die Sträucher kämmen die Wolken aus und würden hier alles überwachsen.

Auf dem Parkplatz drehe ich die Wagenheizung auf. Unten am Strand scheint die Sonne. Gelbe Fahne, aber es ist tricky, wieder aus dem Wasser zu kommen – du musst mit der einlaufenden Welle schwimmen, die dich auf den Strand wirft und dich dort festkrallen, damit das auslaufende Wasser dich nicht einfach wieder mitnimmt. Die blanken Steine auf dem Strand glänzen wie Quallen. Ich mache einen Bogen um sie.

[10.2.]

Mein E-Book-Reader hat zu Hause die vielen Groschenromane nicht synchronisiert und mich auf diese Weise dazu gebracht, einen zweiten Anlauf für Quantum Thief zu nehmen, was andererseits auch ein Glück ist. Viel Zeit zum Lesen, morgens ist es lange dunkel und abends bricht kurz nach sieben schlagartig die Nacht herein.

Am Vormittag folgen wir der Empfehlung des Sitznachbarn aus dem Flugzeug und fahren erst durch Los Llanos (Großstadtgefühle angesichts einer vierspurigen Allee durch das Stadtzentrum) und dann eine winzige Straße hinunter bis zum Barranco de Las Angustias. Wir hatten schon allerlei Pisten hier, aber das war bisher der Höhepunkt. Keine Ahnung, was passiert, wenn auf dieser Straße Begegnungsverkehr realisiert werden soll. Am Parkplatz nehmen wir nicht eins der Sammeltaxis, die die Nordwand wieder hochfahren, sondern laufen auf den Kieseln des Flussbett in die Insel hinein. Nach einer Weile beginnt ein Bach, die langsam breiter wird und dieses Tal in die Vulkangestein geschnitten hat. Wirklich groß.

In El Paso setzen wir uns eine Tapas-Bar und ich esse undefinierbares Gofio, weil ich ein lokales Gericht nehmen will. Es hat schon einen Grund, warum sich dieses Maismehl nicht weltweit durchgesetzt hat. Um drei fahren wir endlich die Bergstraße zum Mirador de la Cumbrecita hoch und laufen denselben grandiosen Rundweg, den wir schon im letzten Jahr gelaufen sind. Der Akku vom Fotoapparat gibt gleich am Anfang seinen Geist auf. Auch gut, so muss ich wieder alles im Kopf behalten.

Abends sitzen wir im Schutz der großen Mauer am Strand von Puerto Naos. Der Nordwestwind treibt das Wasser auf das Land. Der Wind kommt von weit draußen, man hört ihn auf dem Wasser, aus der Stelle zwischen dem Wasser und der schwarzen Wolke am Horizont kommt er her.

[11.2.]

Nachts Regen. Es ist kälter geworden.

In El Paso kaufe ich getrocknete Bananen und rotes Mojo in einem Bauernmarkt. Alle Kunden bekommen ein Lotterielos und wie ich mein Glück kenne, hätten wir einen riesigen Geschenkkorb gewonnen, wenn wir bis zur Verlosung geblieben wären. Wir fahren aber weiter nach Santa Cruz, auf der Ostseite scheint die Sonne (eine schöne Einrichtung von La Palma: irgendwo ist immer gutes Wetter), wir warten zehn Minuten vor dem kleinen Restaurant und kommen nicht rein, weil alles auf Tage hin ausgebucht ist. Wahrscheinlich hatten wir im letzten Jahr großes Glück und wer weiß, ob der Zauber beim zweiten Mal schon verflogen wäre? Im Buchladen bekomme ich ein Plakat mit einem Satellitenbild der Insel. Nachmittags um zwei schließen alle Läden und die Hauptstadt macht Wochenende.

Wir fahren über die Ringstraße im Süden zurück. Kurz vor Fuencaliente schiebt sich der Nebel auf den Weg. Mein Lieblingsort. Wir machen Pause beim kleinen Bäcker mit Tee und Kuchen. Unten am Strand scheint dann noch immer die Sonne, es ist schwül von der Dunstglocke in der Höhe, ich merke den Luftdruck. Vergeblich versucht, das Meer zu fotografieren.

Der Hund, der die Straße nach Puerto Naos geduldig mit all ihren Schleifen hinunterlief.

[12.2.]

Bis zum Morgen ein heftiges Unwetter. Eine Insel mitten im Ozean. Der Sturm bringt die Schiebefenster zum Klappern, der Regen fließt durch die Tür.

Wir müssen nochmal durch den Berg auf die Ostseite fahren und in Los Cancajos die Autovermietung besuchen. Immerhin ist dort Sonne, wir baden in der Bucht vor den großen Ferienanlagen. Komische Stimmung, die Sonne steht auf der falschen Seite, sehr viele Menschen. Wir fahren mittags zurück nach Los Llanos mit dem Vorsatz, dort irgendwo Tapas zu essen. Die Stadt ist am Sonntagnachmittag leergefegt und wir finden nichts, wo wir in der Sonne sitzen und uns wärmen können. Nächstes Jahr.

Abends Abschiedsessen in Puerto Naos, naja. Es ist ein kleines Abenteuer, im Dunkeln wieder den Berg hinaufzufahren. Über dem Haus scheint ein gigantischer Sternenhimmel.

[13.2.]

Heute wird ein warmer Tag. Wir packen sie Sachen und haben genug Zeit, uns vom Ozean zu verabschieden. Gelbe Fahne, leider sind die Badesachen schon im Koffer. Ein bisschen Krimskrams im Laden, dann zum Flughafen, das Auto volltanken (!) und ohne Kratzer im Parkhaus abstellen. Wir haben viel Zeit, in der Sonne vor dem Flughafen zu sitzen. Am Horizont ist La Gomera zu sehen.

Im Flugzeug sind wir wieder ganz hinten. Neben mir sitzt ein Däne, wir sprechen eine Mischung aus Skandinavisch, Englisch und Deutsch. Von Hamburg haben sie nur noch zwei Stunden Fahrt nach Hause. Der Teide auf Teneriffa, die portugiesische Küste, die Lichter von Paris, Bremen und endlich Landung. Der Bus fährt um den ganzen Flughafen herum. Wieder Probleme, ein Taxi zu bekommen. Der schwarze Taxifahrer will, dass ich ihm den Weg zeige, wir diskutieren ein bisschen und schließlich holt er ein Navigationsgerät hervor, tippt die Adresse ein und fährt uns dann, das Gerät in der Hand haltend, nach Hause. Frostwetter in Hamburg.