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Auf Rügen

Hinterher ist alles ganz klein: der Bahnhof Rügendamm, an dem ich ein paar Monate lang aussteigen musste, der Dänholm, auf dem ich marschieren lernte und der alte Rügendamm: der graue Verwandte aus dem Osten neben der neuen Rügenbrücke, die sich klar und gekonnt in den Himmel über dem Strelasund hinaufschwingt.

Am Hohen Ufer in Grahlerfähre ist ein Gemeindefest. Vor der Stadtsilhouette steht ein großes Holzkreuz, es spielt eine Band, Kaffee und Kuchen, Jesus liebt dich. Im Garten der Ausfluglokals sind viele Afghanen, die ihren Weg gefunden haben oder ihren Asylprozess gewinnen wollen oder beides.

Klein Bandelvitz, Gustow, Prosnitz, Sissow, Venzvitz, Glutzow, Üselitz, Mellnitz, Klein Schoritz, Losenitz, Glewitz: Hier wohnten die Slawen, bis die Germanen kamen und sie mitsamt ihren wendischen Gottheiten von der Insel jagten.

Jemand hat das Guthaus in Üselitz gekauft und baut die Ruine wieder auf. Hoffentlich vertreibt er auch die bösen Geister.

Alliteration des Tages: Port Puddemin.

Die große Linde vor der Wallfahrtskirche ist voller Bienen, der ganze Baum klingt von ihnen. Im Gästebuch hat sich vor uns eine Französin eingetragen. Le deuxième juillet 2017. Ich versuche, im Kirchenschiff ein Foto vom Wappen mit den drei Kronen zu machen, aber es ist zu dunkel. Überhaupt sollte man nicht in Kirchen fotografieren, habe ich gelernt. Und nicht klatschen. Immerhin habe ich nicht geklatscht.

1370: Die Zudarer Kirche ist ein beliebter Wallfahrtsort, vermutlich berühmt durch ein als wundertätig geltendes Marienbild (zwei Wallfahrten nach Zudar entsprachen einer Wallfahrt nach Rom)
1372: Ende der Wallfahrten durch den Untergang eines Schiffes mit 90 Pilgern am Palmer Ort vor Zudar. Der Glaube an die Wundertätigkeit des Bildnisses schwindet

Die Wellen auf dem Strelasund haben kleine Schaumkronen. Die Fähre bringt uns sicher zurück auf das Festland. Trotzdem kein Inselgefühl, Rügen ist dafür viel zu groß.

In der Fischbude in Stahlbrode fragt jemand nach Fischbrötchen. Och nö, wenn se Fischbrötchen wollen, müssen se nach vorne zum Kiosk gehen. Sie haben Heilbutt geräuchert. Es regnet, wir sitzen unter einem Dach, essen und sehen auf den Hafen.

Niemand hat die Fahrkarten kontrolliert (Greifswald nach Stralsund, Glewitzer Fähre nach Stahlbrode, Miltzow nach Greifswald).

Edit

Frau arboretum war vor fünf Jahren in Üselitz und hat die Geschichte des Herrenhauses aufgeschrieben, das damals nur noch eine Ruine war. Das Gelände war abgesperrt, so dass man nur ahnen konnte, wie es heute aussieht.

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Auf Usedom

Mit dem Fahrrad von Zinnowitz bis nach Swinemünde gefahren. Usedom versteckt gleich hinter dem Strand ein Gebirge: Streckelsberg, Pageluns Berge, Langer Berg, Platter Berg, Präsidentenberg. Warnschilder, die angesichts von 16 Prozent Gefälle zum Absteigen auffordern. Am Vormittag waren die Ostsee noch kalt und die Sonne hinter schnellen Wolken, aber es war schon lange Zeit, endlich anzubaden.

In Heringsdorf wollten wir T. und B. besuchen, die aber nicht zu Hause waren und die wir dann doch noch auf der Straße trafen, als wir den Berg von der Kirche schon wieder heruntergefahren waren. Wir schoben die Räder wieder hinauf und es gab Eis und Kaffee aus einer alten italienischen Maschine und das war alles sehr schön, obwohl wir uns Jahre nicht gesehen hatten.

An der Promenade in Swinemünde standen weißgestrichene Holzbuden. Es gab dort tatsächlich ein so gutes Schaschlik, wie ich es mir ausgemalt hatte, als wir den ganzen Tag an Fischbrötchenbuden vorbeigefahren waren.

Die kleine Bäderbahn brachte in aller Ruhe Menschen und Fahrräder zurück bis nach Züssow, wo wir alle zusammen auf dem Bahnsteig in der Sonne saßen und warteten: die einen auf den Zug nach Berlin und die anderen auf den Zug nach Greifswald.

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Im Mai

Am Vormittag irre ich mit dem Fahrrad durch das Gewerbegebiet, um den Weg durch die Bäckerwiesen nach Süden zu finden. Fahrradfahrer stellen in einer durch Autohäuser, Baustoffhandel und Tanzstudios überformten Soziokultur einen Fremdkörper dar. Hinter der Umgehungsstraße spannt sich der pommersche Himmel über die Felder. In Weitenhagen stehen die Mülltonnen gerade ausgerichtet an der Straße, ich fahre hinter dem Müllauto bis zur kleinen Kirche. Die Glocken sind vor dem Eingang aufgehängt. Der Küster hat ein Gestell für die Gießkannen gebaut. Die Kannen sind beschriftet. Im Schaukasten an der Straße hängt der Monatsspruch mit einer plattdeutschen Übersetzung: Kolosser 4.6. Gleich gibt es Mittag.

Meine Eltern sind gekommen und mein Bruder und S. auch. Wir sitzen am Küchentisch und essen Kuchen. Es gibt Gelegenheit, etwas im Isländisch-Wörterbuch nachzuschlagen. Familie.

Am Museumshafen ist ein Foodtruckevent. Irgendwann haben sie aufgehört, von Imbisswagen zu reden. Foodtruckevent bedeutet, dass man 20 Minuten anstehen muss, um dafür Eintritt zu bezahlen, dass man nochmal 20 Minuten anstehen muss, um dann auf Holzbänken überteuertes Fastfood mit internationalen Bezeichnungen zu essen. Es ist ein Rummelplatz, nur ohne Fahrgeschäfte: auf das Wesentliche reduziert. Die Sonne scheint, der Wind weht kalt vom Wasser herüber. Ganz Vorpommern ist auf dem Weg hierher, ein buntes Gewimmel. Es ist ungefähr so, als ob jemand einen Hektar Berlin-Mitte ausgestanzt und auf die nördliche Hafenseite verschoben hätte. Zwei Iren machen auf einer kleinen Bühne Musik und es ist sehr schön.

Am Abend spielen Rest in Beats und Echoes in Veil im St. Spiritus. Dankbar dafür, dass es den Nordischen Klang gibt.

Drei Anrufe bekommen, über die ich mich alle gefreut habe.

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