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Østre Sømarksvej

Willst du eine wirklich schöne Stelle wissen? Einen schönen Platz auf der Erde? Ja? Dann verrate ich dir jetzt etwas.

Mitten in der Ostsee liegt die schöne Insel Bornholm und die schönste Stelle auf der Insel liegt ganz im Südosten: der Weg von Pedersker nach Sømarken. Wenn du mal auf Bornholm bist, besorge dir ein Fahrrad und fahre diesen Weg. Rechts und links liegen große Felder, am Feldrand stehen Kornblumen und Mohn. Über dir ist der weite Himmel, nirgendwo gibt es mehr Himmel als hier. Vor dir liegt die Ostsee, der Weg führt zu ihr hinunter, die Räder laufen immer schneller und fast hast du das Gefühl, dass sich die Erde unter dir dreht.

An der Hälfte der Strecke steht ein Haus mit Bäumen davor, wenn du dich auf dem Fahrrad ganz groß machst, kannst du während der Fahrt ein paar Blätter abreißen. Das macht Spaß.

Ganz am Ende des Weges, kurz vor der Kreuzung, gibt es an der Straße ein Verkaufsregal voller Marmeladengläser. Wenn du eins mitnimmst, hast du noch lange eine Erinnerung an deine kleine Reise.

Hast du auch einen Lieblingsplatz?

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Peenemünde

Die Strecke führt durch eine eigentümliche Landschaft. Von Trassenheide fahre ich durch den Küstenwald bis nach Karlshagen und dort durch den ganzen Ort bis zum Peenestrom hinunter, der allerdings nicht zu sehen ist, weil die Wiesen südlich von Peenemünde eingedeicht sind. Hier wurden die Raketen gelagert, die Reste der gesprengten Bunker und Hallen liegen neben dem Weg. Schon von weitem erscheint das Kraftwerk am Horizont, für das Cover von Animals fehlt nur noch ein Ballon. Ich bin überrascht, dass in Peenemünde gebaut wird. Die beiden Blocks mit den Offizierswohnungen sind bewohnt und saniert. Sogar die Pappbude, in der ich 1990 gewählt habe, ist noch intakt und beherbergt einen kleinen Laden. Ich fahre eine Runde durch den Ort, die Baracken sind abgerissen, der Essenssaal auch, nur der MED-Punkt steht noch und in der Sporthalle ist jetzt ein Museum. Leergeräumt wird erst klar, wie winzig das Kasernengelände ist, auf dem wir eingesperrt waren. Im Hafenbecken liegen noch ein paar alte Marineschiffe, aber so groß ist mein Heimweh heute nicht. Ich sitze lieber in der Sonne und sehe auf das Festland hinüber. Ich bin jetzt drei Wochen auf dieser Insel. Mit der Eisenbahn zurück nach Trassenheide. Im Wald ist noch der alte Bahnsteig vom Arbeitslager zu sehen, der Zug fährt daran vorbei.

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Nachbarn

Der Mann im Bett nebenan ist dreiundachtzig. Er hat multiple Vorschäden und muss sechs Stunden fest liegen, im Druckverband. Er verhandelt mit den Schwestern, ohne Erfolg. Am nächsten Morgen sitzt er im Nachthemd auf der Bettkante und rasiert sich. Am Nachmittag kommt seine Frau zu Besuch. Und denk immer daran: Das war nicht der erste und nicht der letzte Kuss!

M. haben sie mit dem Hubschrauber hergebracht. Er arbeitet auf der Ostsee, sie bauen einen Windpark im Meer vor Bornholm. Sie wohnen auf einem Schiff, hundertzwanzig Männer, drei Frauen, zuviel Testosteron. Zwei Wochen lang zwölf Stunden Schicht, zwei Wochen zuhause. Am Morgen war er von seinen Zahnschmerzen ohnmächtig geworden. Sie wissen nicht, was sie machen sollen. In der Nacht geben sie ihm Morphium, am nächsten Tag einen Zahnarzt. M. erzählt von seiner Arbeit, von der Höhe, von den riesigen Schrauben, die sie festziehen müssen, von der Angst, von seiner Familie in Warschau, von den deutschen Großeltern und von den polnischen. Die einen in der SS und die anderen in Auschwitz. Am Abend ruft er den Arzt für mich, als es mir schlecht geht. Endlich darf er nach Hause. Wir umarmen uns.

Der Mann hinter der Stellwand.

U. ist nur noch halb da. Er hat keinen Bauch mehr, sie spritzen das Heparin ins Bein. Bei U. kam alles auf einmal, im Januar ging es los und es ist noch lange nicht zu Ende. Er hat ein Siedlungshaus, das seine Eltern gebaut haben, der Hof hat über einen halben Hektar. Er war nie woanders, doch der Zusammenhalt ist vorbei, jeder macht nur noch seins. Der Hof ist voller Tiere, aber er kann sie nicht mehr versorgen, die Tauben und Enten sind schon weg. Als Kind haben sie Stare geschossen, mit dem Knicker, die Haut abgezogen und auf den Grill, aber heute sperren sie dich ein, wenn du ne Wespe totschlägst. Jetzt kann er nichts mehr essen, nur noch püriert, und selbst das nicht.

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