Klagefall

Schlagwort: Sprache

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Es gibt zum Beispiel dieses Ding mit der Uhrzeit. Ich habe als Kind viertel und dreiviertel gelernt. Mir scheint das auch logisch zu sein: drei, viertel vier, halb vier, dreiviertel vier, vier. Es sagt doch auch niemand halb nach drei oder halb vor vier. Aber als die neue Ordnung kam, kamen viele Leute, die nicht wussten, was viertel vier und dreiviertel vier bedeutet und seitdem sage ich immer häufiger auch viertel nach drei und viertel vor vier. Wenn einer A sagt, aber auch B verstehen kann und der andere B sagt und nicht weiß, was A bedeutet – dann sagt man eben B. So geht das. Man will sich ja (oder halt?) verstehen.

So ging das mit vielen Sachen. Über Nacht gab es keine Plaste mehr, sondern Plastik (ich weiche bis heute auf das Wort Kunststoff aus). Auf einmal hatten die Häuser auf dem Darß nicht mehr Rohr oder Schilf auf den Dächern, sondern Reet, so wie in Schleswig-Holstein. Die Kinder gingen nicht mehr in der Kindergarten, sondern in die Kita. Den Kindergarten hat 1840 der Thüringer Friedrich Fröbel erfunden. Der Begriff ist als Lehnwort in acht Fremdsprachen gewandert. Kita ist dagegen die Abkürzung eines Rechtsbegriffs aus dem Sozialgesetzbuch. Wir sagen jetzt Kita. Kindertagesstätte. Ein Verwaltungswort, schön sachlich. Das passt zu uns.

Es gibt diese unendliche Diskussion über das Genus von Blog. Das heißt, ganz am Anfang gab es diese Diskussion wahrscheinlich noch nicht. Da wussten alle, dass Blog aus der Zusammensetzung von Web und Log entstanden und ein Weblog eine periodische Aufzeichnung im Netz ist. Das Geschlecht eines zusammengesetzten Substantivs bestimmt sich nach dem Grundwort. Das Grundwort ist Log. Log ist sächlich. Fertig.

Eventuell ist es leider nicht ganz so einfach, weil Blog tatsächlich kein Kompositum, sondern ein Kunstwort ist. Trotzdem: Blog für ein Maskulinum zu halten, kann nur von der Homophonie zu (der) Block herrühren und das ist doch ein ziemlich plumpes Argument, gegen das sich schon Adelung wandte:

Vermöge des vertrauensseligen Rückgriffs auf andere Mittel und Wege, des Schiffes Standort zu bestimmen, vernachlässigen es manche Handelsschiffe und viele Walfänger, insonderheit wenn sie beim Kreuzen, ganz und gar, das Log auszuwerfen; obschon sie zur selben Zeit, und häufig eher der Form halber als sonst irgendwie, regelmäßig auf der üblichen Tafel den Kurs vermerken, welcher vom Schiff gesteuert, wie auch die angenommene Durchschnittsgeschwindigkeit ihres Fortkommens zu jeder Stunde. Solchermaßen war’s auch bei der Pequod gewesen.

– Moby-Dick; oder: Der Wal, 125. Kapitel: The Log and Line, Übertragung von Friedhelm Rathjen

Das ist es, was wir hier machen: ab und zu ein Stück Holz ins Wasser werfen, um zu sehen, wo wir gerade sind. Deshalb bitte das Blog.

Sprachen in der Reihenfolge des Erstkontaktes

1) Russisch: War mal ganz gut, ich konnte auf der Straße Alltagskommunikation betreiben und russische Schachzeitungen lesen. Leider vollkommen verschüttet. Würde ich gern reaktivieren, um Новая Газета und Новый мир lesen zu können.
2) Englisch: Kann ich auf Mickey-Mouse-Niveau. Ausreichend, um Cricket-Übertragungen zu verfolgen. Serien gucke ich vollkommen uncool in der synchronisierten Fassung.
3) Französisch: Mochte ich nie und habe ich komplett vergessen.
4) Schwedisch: Wahrscheinlich meine beste Sprache, aber zu wenig Praxis, wird schlechter.
5) Isländisch: Ich liebe die Phonetik, kann die Namen isländischer Fußballspieler aussprechen und blättere ab und zu noch versonnen in meiner Grammatik. Leider unlernbar.
6) toki pona: Ist keine Sprache, sondern eine Meditationsübung.
7) Spanisch: Wegen La Palma einen Vier-Wochen-Sprachkurs gekauft, aber ich überlege, ob nicht ersatzweise
8) Interlingua: ein sinnvolles Plansprachenkonzept ist.

Nachtrag

Unsichtbares Stöckchen. Libralop hat seine Sprachgeschichte auch aufgeschrieben.