Schlagwort: Schach

Cape Town II: Eine Geschichte ohne Pointe

Auf dem Rückflug von Kapstadt saß vor mir auf einem Platz mit Beinfreiheit ein erfahrener Vielflieger, der zu meiner Aufregung kurz nach dem Start einen Schachcomputer aus dem Handgepäck fummelte. Ich wusste gar nicht, dass diese Geräte noch in Gebrauch sind. So ein Kaufhauscomputer, die Züge mussten per Druck der Figuren auf Start- und Zielfeld eingegeben werden, der Computer zeigte seine Züge mittels blinkender Lämpchen auf den Koordinaten an. Trotzdem tröstete mich die Aussicht, die Flugzeit vielleicht durch ein wenig Kibitzen etwas kurzweiliger gestalten zu können. Mein Vordermann spielte immer Weiß. Jedesmal, wenn er verlor, regelte er den Rechner ein Stufe herunter, bis er wieder gewann. Auf diese Weise entstanden einige skurrile Partien, geschlossene Stellungen, langatmige Zugfolgen, bis die Kiste den Weißen endlich in ihre Stellung ließ und irgendwann mattgesetzt wurde. Ab und zu guckten die Leute, die vor den Toiletten anstanden, auf das Brett.

Nach einer Stunde war Schluss damit. Der Mann vor mir packte das Gerät wieder ein und verscheuchte den kleinen Jungen, der gerade versuchte, an der Notausgangstür eine rote Kurbel zu betätigen.

Eine Insel

Vor der deutschen Ostseeküste liegt eine kleine Insel, die hier nicht sehr bekannt ist, vielleicht, weil sie zu Dänemark gehört und auch nur von dort aus mit dem Schiff zu erreichen ist. Jemand hat mich vom Hafen abgeholt, wir fahren durch die Straßen und er erklärt mir die Insel, als ob wir in einem Imagevideo des Tourismusverbands wären. Auf der höchsten Erhebung im Zentrum des Ortes steht eine Wehrburg aus dem Mittelalter, die während der dänisch-schwedischen Kriege niemals eingenommen wurde. Die Leute wohnen aber inzwischen in fünfstöckigen Plattenbauten, die um die Burg herum gebaut worden sind, sozialer Wohnungsbau aus den siebziger Jahren.

Auf der Insel – und deshalb, ich erinnere mich, bin ich überhaupt hier – findet alljährlich ein Thematurnier zum Blackmar-Diemer-Gambit statt. Artverwandtes ist zugelassen, aber streng reglementiert. Das Alapin-Gambit zum Beispiel darf gespielt werden, der Übergang zur Caro-Kann-Verteidigung ist dagegen verboten und so weiter. Ich frage nach dem Englund-Gambit – dafür gäbe es ein Nebenturnier, bei dem, natürlich, nach Möglichkeit die Sollervariante gespielt werden möge. Ich erfahre zu meiner Überraschung, dass es Diemers Zeitschrift »Blackmar-Gemeinde« noch gibt, allerdings, leider, nur im Internet. Diemer habe die Titelrechte an eine Stiftung übertragen, die seine Schüler leiteten. Die Blackmar-Diemer-Leute haben ein eigenes Ratingsystem entwickelt, das sich nur aus der Auswertung dieser Turniere – es gäbe noch weitere, aber ich solle erst einmal bei diesem teilnehmen, alles weitere werde ich dort erfahren – ergibt.

Überhaupt seien die Menschen auf der Insel sehr eigen und häufig im Streit mit der dänischen Krone, die in solchen Fällen häufig die Lebensmittellieferungen – es gibt auf dem kleinen Felsen keinen Flughafen und deshalb für jegliche Güter nur den Seeweg – stoppe. Aber die Leute auf der Insel könnten sich selbst versorgen und ich frage mich, womit eigentlich. Es ist Winter und vor den Häusern liegt matschiger, schmutziger Schnee.

Der Name der Insel entfällt mir sofort nach dem Aufwachen, es war ein sehr bekannter Name, so etwas wie Bornholm, aber eben nicht das Bornholm, sondern ein anderes, viel kleiner und fast unbekannt. Ich ärgere mich, nicht nach der Adresse der Seite gefragt zu haben. Die Suchmaschinen zeigen nichts an.