Schlagwort: Schach

Beim Aussortieren meiner Schachbücher fiel mir die Sammlung leichter Schachaufgaben in die Hände, ein Reclam-Heftchen, das Jean Dufresne 1881 herausgegeben hatte. Ich habe das Buch vor einiger Zeit geschenkt bekommen. Es ist zusammen mit dem Zweiten Theil von 1882 in einen festen Umschlag eingebunden und hat wahrscheinlich diesem Umstand zu verdanken, dass es noch nicht vollkommen zu Staub zerfallen ist.

Die Widmung Ostern 1936 ist bemerkenswert. Jean Dufresne war Jude, aus seinem sehr bekannten Lehrbuch des Schachspiels wurden in den 1941 und 1943 erschienenen Auflagen die Namen aller jüdischen Spieler (selbst die des einzigen deutschen Schachweltmeisters Emanuel Lasker!) gestrichen. Diese Barbarei betraf auch den mecklenburgischen Juden Bernhard Horwitz, der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Weltspitze gehörte und bis heute vor allem als Schachkomponist bekannt geblieben ist.

So ein Buch gehört natürlich nicht in die Papiertonne. Ich steckte es ein, als ich zum Spielabend meines Schachvereins ging und wir hatten viel Freude mit dieser Miniatur:

Malmö

In Schweden benutzt zwar praktisch niemand mehr Bargeld, aber sie haben im Sommer trotzdem alle vernickelten Kronen aus dem Verkehr gezogen und durch winzige neue Münzen ersetzt. Mit Rücksicht auf die Allergiker. Die Schweden lieben diese Begründung. Ich erleichtere mein schwedisches Portemonnaie um 57 wertlos gewordene Kronen. Ich könnte reich sein.

Das Schiff ist fast leer. Der Dezembersturm hat sich rechtzeitig gelegt. See anfangs 3 Meter, aber selbst davon ist nicht mehr zu spüren.

Das Hotel ist aus dem 19. Jahrhundert. In der Mitte des Treppenhauses liegt ein vergitterter Fahrstuhlschacht, nur der Liftboy fehlt. Die alten Zimmer wurden mit Pappwänden parzelliert. Ich schlafe mit Ohrstöpseln, trotzdem wache ich um halb sechs vom Schnarchen meines Zimmernachbarn auf. Um halb sieben fängt er zu telefonieren an, er hat auf Lautsprecher gestellt. Als ich an die Wand klopfe, wundert er sich, warum ich noch schlafen wolle, es gäbe doch gleich Frühstück. Mein Zimmernachbar spielt auch beim Schachturnier mit. Das ganze Hotel ist voller Schachspieler, wir haben einen Preisnachlass bekommen.

In der vorletzten Runde spiele ich gegen Nejib aus Lund. Er ist 72 Jahre und hat neben dem Brett immer ein abgegriffenes französisches Taschenbuch zu liegen. Wir spielen eine lange umkämpfte Partie, die schließlich mit einem Unentschieden endet. Nejib bedankt sich für ihren Inhaltsreichtum, er habe so gut gespielt, wie er könne. Ich bedanke mich auch. Es kommt sehr selten vor, dass beide Spieler glücklich sind.

In der letzten Runde ist Feueralarm. Knapp dreihundert Menschen verlassen den großen fensterlosen Raum durch eine schmale Glastür. Zum Glück brennt es nicht. Ich frage Nejib, was los sei und er sagt, es gäbe in diesem Land viele Regeln und es sei sehr wichtig, dass wir sie einhielten. Nach zehn Minuten kommt die Feuerwehr und wir dürfen zurück ins Haus.

Der kleine Weihnachtsmarkt ist mit Betonsperren gesichert. In den Bäumen hängen Geschenke.

Es ist nie ein Problem, gegen einen stärkeren Gegner zu verlieren. Aber es ist stets ein Problem, gegen einen gleichstarken Gegner zu verlieren. Immer dann, wenn ich in so einem Fall am Brett sitze und meine Verluststellung anstarre, habe ich den starken Impuls, mit Schach aufzuhören. Ich stelle mir vor, wie ich die Partie aufgebe, den Saal verlasse und mich nie wieder zu einem Turnier anmelde. Als Kind habe ich sogar geweint. Wahrscheinlich ist es diese Emotion, die mich überhaupt dazu bringen konnte, mich ernsthaft mit Schach zu beschäftigen.

Hier (Welz-Kalhorn, Oberliga Nordost 2017) sah ich, dass der Zwischenzug 19…Txf1+ verliert, weil Weiß nicht mit dem Springer wiedernehmen muss, sondern 20.Lxf1! spielen kann, wonach nach 20…Lxe5 21.Sxd5! sofort die Lichter ausgehen (21…Sxd5 funktioniert nicht, weil der Turm auf f8 die schwarze Dame nicht mehr deckt und nach 21…Dxd5 22.Lc4 steht die Dame in der Läuferdiagonalen). Ich sah es … spielte es aber trotzdem. Unbegreiflich. Sofort 19…Lxe5 wäre völlig okay gewesen.