Schlagwort: Musik

Neun Alben

Das hier geht gerade im Internet herum, ein sehr hübsches Spielzeug. Es ist gar nicht so einfach, sich auf neun Alben zu beschränken. Diese erzählen eine Geschichte für mich:

1. The Beatles: 1962-1966

Mein Erstkontakt zu den Beatles muss ein anderer gewesen sein, diese Platte ist in der DDR nie erschienen. In der Barther Stadtbibliothek gab es eine Amiga-Pressung von 1965, im Wesentlichen waren das die Songs vom roten Album. Die Harmonien haben sich in meinem Kindskopf festgesetzt und seitdem nie wieder verlassen.

2. John Lennon: Shaved Fish

Diese Platte hatten sie aber in der Stadtbibliothek. Lennon oder McCartney – auf diese Frage gab es für mich immer eine klare Antwort.

3. The Cure: Disintegration

Mein Bruder hatte 1989 eine Freundin aus dem Westen. T. hatte mir das Album auf Kassette überspielt, ich hörte es in diesem seltsamen Sommer ununterbrochen auf meinem Sony-Walkman. Ein perfektes Album. Lennon konnte ich nie live sehen, The Cure mehrmals.

4. Elliott Smith: Either/Or

Elliott Smith war mir so oft empfohlen worden, aber es musste erst Ohrenschmaus kommen, damit ich anfing, mir seine Platten zu kaufen. Either/Or lief zwei Wochen auf Repeat, dann XO, dann From a Basement on a Hill. Ich lasse mir Zeit. Größte Entdeckung seit langer Zeit.

5. Kent: Vapen & Ammunition

Mein Schwedischlehrer fütterte uns mit neuer schwedischer Musik. Kent hat rätselhafte Texte und klare, treibende Musik. Umwerfendes Album, noch immer.

6. Harry Nilsson: Pussy Cats

Als die Beatles nach Amerika kamen, wurden sie gefragt, was ihre amerikanische Lieblingsband ist. John und Paul antworteten beide: Nilsson. Ich meine, sie können sich nicht irren, oder? Harry Nilsson ist einer der Künstler, die ich komplett habe. Pussy Cats ist ein Stellvertreter-Album. Es wurde von seinem Saufkumpan John Lennon während dessen Lost Weekend produziert und Harry Nilsson ruinierte sich während der Aufnahmen seine phantastische Stimme. Man hört es auf Many Rivers to Cross und Save the Last Dance for Me, aber es war die Sache wert. Es gibt wahrscheinlich noch bessere Alben von ihm, aber es ist egal, wo ihr anfangt. Hört alle Nilsson!

7. Yes: Classic Yes

Die Geschichte habe ich schon mal aufgeschrieben. Yes höre ich noch immer, sogar die neue Alben kaufe ich noch.

8. Leif Vollebekk: Inland

Leif Vollebekk kannte ich schon, als er noch in kleinen finnischen Clubs gespielt hat, inzwischen ist er groß geworden. Das ist seine erste Platte mit Don’t Go to Klaksvik. Irgendwann muss ich mal aufhören, mich an diese Zeile zu halten. Steht stellvertretend für Americana.

9. Sylvie: Sylvie

Steht stellvertretend für den Laurel Canyon. Der warme Sound der Westküste, klingt wie eine Radiostation aus den siebziger Jahren.

Wuhlheide

The Cure spielen auf der Parkbühne Wuhlheide. Die Parkbühne ist eine Art ostdeutsche Waldbühne und liegt gleich hinter der Pioniereisenbahn und dem Pionierpalast, die jetzt anders heißen. Wir haben sündhaft teure Tickets Front of Stage und um diesen Vorteil richtig auszunutzen, müssen wir sehr früh da sein, um sehr weit vorn vor der Bühne zu stehen und dann sehr lange zu warten, bis das Konzert endlich anfängt. Es gibt zwei Vorbands. Ich bin kein großer Freund von Vorbands, die auf der großen Musikanlage schlecht abgemischt werden und das Publikum müde spielen. Ich weiß, das ist ungerecht, aber der stupide Bass von Just Mustard ist so laut, dass ich ihn in meinen Eingeweiden spüre — das ist kein schönes Gefühl. Danach kommen The Twilight Sad (mit einem melodischen Bass) und nach drei Stunden Stehen kommen endlich The Cure auf die Bühne. Robert Smith hat abgenommen, macht einen fitten Eindruck und ist gut bei Stimme. Das Keyboard des verstorbenen Perry Bamonte steht an seinem Platz und bleibt unberührt. Simon Gallup ist krank geworden, dafür spielt sein Sohn heute Bass. Wir raten, womit sie anfangen werden, ich tippe auf Plainsong, und so kommt es auch. Etwa bei Burn geht mein Kreislauf in den Keller, bei Play for Today kommt er langsam wieder zurück. Irgendwann höre ich auf, meine Beine zu spüren. Ich denke an die Krankengymnastik und versuche, meine Übungen zu machen: die untere Lendenwirbelsäule stabilisieren, das Becken nach vorn kippen, den kurzen Fuß machen, die Hüfte kreisen. Um mich herum tanzen die Leute, ich falle also nicht weiter auf, wenn ich mich hin und her wiege. Boys Don’t Cry, ich weiß, ich weiß.

On a cold December evening
I was walking through the Christmas tide
When a stranger came up and asked me
If I’d heard John Lennon had died

Paul Simon ist ein Zeitreisender, ein Botschafter aus der Vergangenheit, ein kleiner Junge aus Queens, der seit 70 Jahren Musik macht. Bei seinem Konzert in Berlin durfte nicht fotografiert und gefilmt werden, was sehr angenehm war. Auf einmal konnten alle die Bühne sehen, anstatt die hochgereckten Bildschirme aus den Reihen vor ihnen. Auf einmal hörten alle den Songs zu. Insgesamt standen zwölf Menschen vor uns, die mit der Sicherheit von Schlafwandlern eine warme und tröstende Musik in den Saal ausgossen. Nicht viele Noten, aber jede Note war am richtigen Ort. Allen war klar, dass sich hier jemand verabschieden wollte.