Schlagwort: Militär

Frieden

– Wenn ich auf den Wahlplakaten Frieden lese, kommt mir alles hoch, sagte er.

– Frieden, Frieden, in der ganzen DDR ging es immer nur um Frieden. Wenn du irgendwas gesagt hast, was ihnen nicht passte, hieß es doch gleich: Du bist wohl nicht für den Frieden? Und dann war Ende der Diskussion, Kopp zu.

Er kam langsam richtig in Fahrt.

– Jedes verschissene Kaff eine Straße des Friedens. Wir hatten sogar einen Platz der Freiheit, das musst du dir mal reinziehen. Dieses verlogene Land. Bis an die Zähne bewaffnet. Überall Kasernen. Armee, Reservisten, Kampfgruppen. Die Züge voller besoffener Soldaten und vollgekotzter Klos. 18 Monate Grundwehrdienst für jeden. Und im Wald lagen eine halbe Million Russen, die armen Schweine. Die Russen hatten noch mehr Leute unter Waffen als wir, das musst du auch erstmal schaffen. Und dann die GST mit ihren Wehrlagern und der Wehrkundeunterricht in der Schule, weißt du noch? Die haben uns das Schießen beigebracht, da waren wir noch halbe Kinder, mit Stiefeln, Uniform und scharfen Waffen.

Jetzt fing er auch noch an zu singen.

– Soldaten sind vorbeimarschiert / im Gleichschritt Schritt und Tritt / Wir Pioniere lieben sie / und laufen fröhlich mit

Er war laut geworden. Die ersten Leute begannen sich umzudrehen.

– Ich glaube den Typen kein Wort. Klar will ich Frieden, jeder will Frieden, aber den Frieden von denen will ich nicht.

– Lass uns mal besser weitergehen, sagte ich.

Im Juni 1986 saßen wir in einer Barackensiedlung in einem Wald auf Rügen. Ende der 9. Klasse, GST-Lager, vormilitärische Ausbildung. Tschernobyl war noch immer ein Thema, obwohl wir nicht genau wussten, was dort eigentlich passiert war. Es wurde fast nichts berichtet. Trotzdem lief das Gerücht herum, dass die Reaktoren im Kernkraftwerk Lubmin, nur 20 Kilometer von uns, baugleich seien.

Mein Schulfreund schrieb vor Langeweile den Text von Wolf Maahns Deserteure in sein Arbeitsheft und als der Offiziersschüler, der uns ausbilden sollte, das sah, schrie er ihn an: Ob er überhaupt wisse, was das sei. Dann wandten wir uns alle zusammen wieder der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko zu. Wir hatten keine Ahnung, was los war.

Im Sommer kam dann Tschernobyl (das letzte Signal) von Wolf Maahn heraus. Noch so ein Songtext, den wir auswendig kannten.

– Kommentar zu Wald und Höhle

19.05.2019

Im Juni und davor

Im Pommerschen Landesmuseum läuft »Zwei Männer – ein Meer«. Auf dem Boden der Museumstraße ist meterlang die Küstenlinie der Ostsee mit den Badeorten aufgemalt, die Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein besucht haben. Nidden, Jershöft, Leba, Rumbke, Rowe, Ückeritz, Sierksdorf. Eine Rückwärtsbewegung in westlicher Richtung: Ostpreußen, Hinterpommern, Vorpommern, Holstein. Auf dem Weg in die Ausstellung läuft man die Karte gegen die Zeit entlang. Die Bildergalerie hängt voller Verlustanzeigen.

Es dauert tatsächlich keine 24 Stunden, den Marsianer durchzulesen. Nicht ohne Interesse, aber ohne große Spannung, so wie man einen Blockbuster sieht, weil man eine Kinokarte gekauft hat und eigentlich ganz bequem sitzt. Am Ende wird er schon irgendwie auf die Erde zurückkehren. Eine Heimwerkergeschichte, eher Bedienungsanleitung als Robinsonade.

Die Erinnerung an meine frühere Präsidentin, die mich einmal fragte, ob ich in einer Partei sei. Heutzutage werde ja fast alles nach Partei vergeben, schrecklich. In Großbritannien gingen die Richter noch nicht einmal zur Wahl, dass sei vielleicht ein wenig antiquiert und übertrieben, aber in einer Partei solle man nicht sein.

Aber was ist das gegen meine Arbeitswut im geliebten Pommern, ich komme nicht darüber hinweg. Ich zapple hin und wieder sehr, und sehne mich unentwegt danach, und hoffe doch es noch einmal zu erleben, einmal wieder hinauffahren zu können (MP).

Die Erinnerung an die Tage auf dem Exerzierplatz, auf der Ostseite des Dänholms, hinter der Baumreihe der Strelasund. Der Moment, in dem der gesamte Zug im Gleichschritt war, dem Vordermann im Nacken, im Nacken den Hintermann und auf eine angenehme Weise das Denken aufhörte, nur noch das gleichmäßig unendliche Geräusch der Stiefel auf den Betonplatten.

Der Mann in der Werkstatt hat das Auto angehoben und wir haben es uns zusammen von unten angesehen. Der Unterboden des Autos und ich haben viele Gemeinsamkeiten.

In den Ritzen zwischen den Terrassenplatten wachsen schwedische Walderdbeeren, tapfere Nachfahren der drei Pflanzen, die wir vor Jahren mal in Småland ausgegraben haben.

Wenn ich Rentner bin, ziehe ich nach England und gucke den ganzen Sommer lang County Cricket.

Löwen, Elefanten.