Schlagwort: Krankheit

Nachbarn

Der Mann im Bett nebenan ist dreiundachtzig. Er hat multiple Vorschäden und muss sechs Stunden fest liegen, im Druckverband. Er verhandelt mit den Schwestern, ohne Erfolg. Am nächsten Morgen sitzt er im Nachthemd auf der Bettkante und rasiert sich. Am Nachmittag kommt seine Frau zu Besuch. Und denk immer daran: Das war nicht der erste und nicht der letzte Kuss!

M. haben sie mit dem Hubschrauber hergebracht. Er arbeitet auf der Ostsee, sie bauen einen Windpark im Meer vor Bornholm. Sie wohnen auf einem Schiff, hundertzwanzig Männer, drei Frauen, zuviel Testosteron. Zwei Wochen lang zwölf Stunden Schicht, zwei Wochen zuhause. Am Morgen war er von seinen Zahnschmerzen ohnmächtig geworden. Sie wissen nicht, was sie machen sollen. In der Nacht geben sie ihm Morphium, am nächsten Tag einen Zahnarzt. M. erzählt von seiner Arbeit, von der Höhe, von den riesigen Schrauben, die sie festziehen müssen, von der Angst, von seiner Familie in Warschau, von den deutschen Großeltern und von den polnischen. Die einen in der SS und die anderen in Auschwitz. Am Abend ruft er den Arzt für mich, als es mir schlecht geht. Endlich darf er nach Hause. Wir umarmen uns.

Der Mann hinter der Stellwand.

U. ist nur noch halb da. Er hat keinen Bauch mehr, sie spritzen das Heparin ins Bein. Bei U. kam alles auf einmal, im Januar ging es los und es ist noch lange nicht zu Ende. Er hat ein Siedlungshaus, das seine Eltern gebaut haben, der Hof hat über einen halben Hektar. Er war nie woanders, doch der Zusammenhalt ist vorbei, jeder macht nur noch seins. Der Hof ist voller Tiere, aber er kann sie nicht mehr versorgen, die Tauben und Enten sind schon weg. Als Kind haben sie Stare geschossen, mit dem Knicker, die Haut abgezogen und auf den Grill, aber heute sperren sie dich ein, wenn du ne Wespe totschlägst. Jetzt kann er nichts mehr essen, nur noch püriert, und selbst das nicht.

In meinen Träumen bin ich gesund.

Im März III

Vögel sind misstrauische Tiere. Sie sehen sich das Futtersilo und die Taverne mit den Erdnüssen drei Tage lang an. Danach brauchen sie weniger als 24 Stunden, um alles leer zu machen. Je kälter es wird, desto schneller werden sie. Zuerst fällt die Horde Spatzen ein, die Meisen und das Rotkehlchen warten in aller Ruhe ab, bis sie fertig sind. Die Amseln holen sich den Rest vom Boden. Der Zeisig kommt nur selten.

Ich sitze am Küchentisch und sehe ihnen zu. Sind es jeden Tag dieselben Tiere? Woher wissen sie, dass es hier Futter gibt? Es gibt keine Möglichkeit, sich mit ihnen zu verständigen. Wenn ich die Tür zum Hof öffne, fliegen alle weg, schon in dem Moment zuvor. Vögel sind kluge Tiere.

Der Arzt sagt, ich solle spazieren gehen, also gehe ich jeden Tag den Treidelpfad nach Wieck. Der Ostwind tobt mir entgegen. Am Ryck sind lauter Baustellen, es dauert nicht mehr lange, bis alle leeren Flächen in dieser Stadt bebaut sind. Dann ist auch weniger Wind. In Wieck laufe ich bis auf die Nordmole, auf dem Bodden scheppern die Eisschollen. Fast so, als ob Greifswald am Meer liegen würde. Das Geländer hängt voller bemalter Vorhängeschlösser, mich ärgert das, weiß auch nicht, warum. An diesen Vormittagen ist fast niemand unterwegs, für die arbeitslosen Angler ist es noch zu kalt und für die Rentner auch. Die Jogger arbeiten um diese Zeit.

Ich fahre mit dem Bus zurück in die Stadt. Am zweiten Tag habe ich schon einen Stammplatz.

Am Karfreitag hören endlich alle auf: Die Bauarbeiter bleiben zuhause, die Lastkraftwagenfahrer liefern keine Baustoffe an, die Eltern fahren ihre Kinder nicht in den Kindergarten, die Burschenschafter singen keine Nazilieder, das Bäckerauto steht in der Garage, die Diskothek ist verboten, der Supermarktparkplatz leer, die Universität abgeschlossen, die Stadt ruhig.

Während der ganzen Zeit machen in mir Millionen Antikörper ihre Arbeit.

Sie haben eine Stunde aus diesem Monat herausgeschnitten, damit der Frühling endlich kommt.