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Eine Familiengeschichte

Die erste Erinnerung an Alexander Neroslow ist das Bild von den Fischern, das im Schlafzimmer von Oma Wieck hing.

Tante Valeska wohnte in der Liviastraße in Leipzig, direkt am Rosental. Eine Etage über ihr wohnte der Herr Hohl, der Schlagzeuger von Renft, was ich damals sehr aufregend fand, genauso wie die Nietzschebücher in Valeskas Wohnzimmer. Die Wohnung hatte hohe Decken, war riesig und im Winter kaum zu heizen. An den Wänden waren die Bilder von ihrem Mann Sascha. Valeska liebte Blumen und er hatte ihr viele gemalt.

Valeska und Alexander hatten sich in Wieck auf dem Darß kennengelernt. Deshalb kam das Bild von den Fischern zu meiner Oma.

Es ist ein komisches Gefühl, in einer Ausstellung ein Bild zu sehen, das sonst in meiner Wohnung hängt. Es sind schöne Bilder: Sachsen, der Darß, die Kurische Nehrung, Porträts. Und Blumen.

Alexander Neroslow, Ein Träumer im Leben wie im Schaffen, Vineta-Museum Barth, noch bis zum 26. Mai 2013

Indianer spielen

Oma Wieck hieß Oma Wieck, weil sie in Wieck auf dem Darß wohnte. Sie hatte dort ein Haus, das in meiner Erinnerung unglaublich groß war. Es gab eine Veranda, einen winzigen Keller unter der Speisekammer, eine kleine dunkle Abstellkammer, die auf der Hälfte der Bodentreppe zur Seite abging, einen Schuppen und überhaupt eine Menge aufregender Plätze. Von Opa Wieck habe ich nur noch wenige Bilder im Kopf, auf den meisten sitzt er fröhlich in der Veranda. Im Wohnzimmer, meine Oma sagte Wohnstube dazu, war ein Fernseher und auf dem Hof eine riesige Antenne, damit man Westfernsehen gucken konnte. Fast alle im Dorf hatten so eine Antenne. Auf dem Fernseher stand ein Trafo, an dem man herumdrehen musste, wenn das Bild zu laufen anfing. Wir Kinder durften natürlich viel länger gucken als zuhause und meine Oma sagte immer »Nu lot de Jung doch kieken«, wenn meine Eltern meinten, dass es nun doch genug wäre, und ich guckte weiter.

Ich hatte als Kind eine Menge Indianer und Cowboys. Ich war natürlich immer für die Indianer. Ich weiß noch, wie ich einmal auf dem Fußboden vor dem Fernseher ein großes Fort aufgebaut hatte, das die Cowboys, unterstützt von ein paar NVA-Soldaten, gegen die anstürmenden Indianer verteidigen mussten. »Müssen die denn immer kämpfen?«, fragte meine Oma. »Die können doch auch mal zusammenkommen und ein Fest machen! Die müssen doch nicht immer kämpfen.« Irritiert räumte ich die Figuren weg. Erst viel später habe ich verstanden, was sie meinte. Und das ist eine andere Geschichte.

Ins Grüne

Oma und Opa Mühl Rosin hießen Oma und Opa Mühl Rosin, weil sie in Mühl Rosin wohnten. Obwohl ich als Kind eher »Mürosin« gesagt habe, glaube ich. Nach Mühl Rosin kommt man, wenn man von Güstrow aus die Straße weiterfährt, die am Ernst-Barlach-Haus am Inselsee vorbeiführt. Genau bis dahin wurde die Straße 1981 asphaltiert, weil Helmut Schmidt sich Barlach angucken wollte. Danach ging die Kopfsteinpflasterstraße weiter.

Meine Großeltern wohnten im Lehrerhaus direkt neben der großen Schule, die sie nach dem Krieg aufgebaut hatten und an der mein Opa Direktor war. Opa war eigentlich ein Gärtner. Er kümmerte sich um den riesigen Schulgarten und um den Garten neben dem Haus und konnte zu jeder Pflanze eine Geschichte erzählen. Im Winter heizte er morgens pünktlich um sechs die Kachelöfen, auch am Sonntag. Um halb zwölf hörte er die Landwirtschaftssendung vom Deutschlandfunk und um zwölf stellte Oma das Essen auf den Tisch. Oma kam aus besserem Hause, wie man so sagt. Sie spielte Klavier und gewann gegen mich beim Halma (und es gab nicht viele Brettspiele, bei denen ich verloren habe). Ich glaube, sie sprach sogar Französisch.

Wir trafen unsere Cousins in Mühl Rosin. Einmal bauten wir in den Winterferien einen Iglu. Man konnte darin ein Feuer machen, der Schnee taute an der Oberfläche und fror dann zu einer Eisschicht. Gleich hinter dem Haus war der Sportplatz mit den Pappeln und einem kleinen verstaubten Geräteschuppen am Ende, in dem es ein Pferd gab und Boxhandschuhe. Heute stehen da lauter Einfamilienhäuser. Auf der anderen Seite begann der Wald mit den Heidbergen, dem Bach und der Nebel. Meine Opa sagte immer, dass man keine Brille braucht, wenn man viel ins Weite und ins Grüne guckt. Das hat bei mir leider nicht funktioniert.