Schlagwort: Bornholm

In Vorbereitung auf den Sommer die Bornholmer Novellen von Martin Andersen Nexö gelesen. In Nexø gibt es ein Nexö-Museum, Nexø liegt in Reichweite für eine Radtour. Das passt gut.

Von Andersen Nexö kannte ich noch gar nichts, nicht mal Pelle, den Eroberer. Die Novellen waren beeindruckend. Kleine Leute, die einen verbissenen Kampf gegen Armut, Hunger, Krankheit und Tod führen, mit wenig Erfolg. Fischer, Arbeiter, Seeleute, Erweckte auf der Suche nach Würde. Man wünscht sich förmlich, dass endlich die Socialdemokraterne auf der politischen Bühne erscheinen und dem ganzen Elend ein Ende machen. Diesen Wunsch hervorzurufen, ohne die Arbeiterbewegung auch nur ein einziges Mal zu erwähnen, ist vielleicht die Kunst dieser Geschichten.

Andersen Nexö ist nur antiquarisch zu bekommen, daher hatte ich die illustrierte und gebundene Ausgabe von Aufbau. Ein schönes Buch.

Zu Bornholm gehört dann natürlich noch Fluss ohne Ufer, aber das muss warten.

Bornholm

Nach Bornholm geht es am besten mit dem Fahrrad. Bis nach Lancken fährt ein Zug und von dort rollt man den Berg bis zum Fährhafen hinunter, stellt sich vor die Autoschlange, fährt zuerst auf das Schiff und sucht sich einen Fensterplatz auf der Bugseite. Später sieht man Rønne am Horizont auftauchen und langsam größer werden und dann ist man schon da.

Die Ostsee wiederentdeckt: Sømarken hat einen schmalen Strand, der trotzdem genug Platz für alle hat. Wind und Wellen, das Seegras schneidet in die Füße. Das Wasser ist nicht gerade leer gekämmt, doch das macht nichts. Das Meer geht nach Süden, die Sonne scheint über das Wasser auf den warmen Sand. Ein Stück nach Westen steht eine Holzbude in der Düne, darin ein Sternerestaurant. Glücklicherweise haben sie draußen die Speisekarte an die Wand gehängt, um zufällig vorbeikommenden Wanderern eine peinliche Situation zu ersparen. Wir sparen für den nächsten Sommer.

An unserem Ferienhaus im Wald gehen wie selbstverständlich Rehe vorbei, sie wohnen hier.

Die Insel steigt zur Mitte hin sanft an. Der Weg nach Pedersker führt durch die Felder hinauf und quert den Søndre Landevej, der bis nach Rønne führt. Im Dorf, gegenüber der alten Molkerei, liegt der Dagli’Brugsen, der einzige Lebensmittelladen unterhalb einer Tagesreise. Sømarken selbst hat nur ein Bäckerauto, eine Fischräucherei und ein Sternerestaurant. Die Infrastruktur ist angenehm überschaubar.

Sehenswürdigkeiten in Aakirkeby: die Domkirche, die Himbeerschnitte vom Bäcker.

Rønne ist eine Kleinstadt, die zur Hälfte aus einem Seehafen besteht. Transitzone. Mehrmals am Tag laufen die großen Schiffe ein und spucken einen Schwall Passagiere aus. Die Hammerodde und die Povl Anker fahren nach Køge und Sassnitz. Nach Ystad fährt die Leonora Christina, ein Katamaran. Alle Schiffskörper sind schwarz gestrichen, wie geteert. Ich könnte ihnen den ganzen Tag zusehen.

In der zweiten Woche ziehen wir auf die Nordseite der Insel um. Gudhjem ist einer derjenigen Orte auf Bornholm, die im Reiseführer durchweg als pittoresk beschrieben werden. Häuser, Hafen, Restaurants, Schokoladenfabrik – alles sieht aus, als wäre es für Instagram optimiert worden. Trotzdem ist es großartig, die Straße bis zum Hafen hinunterzugehen.

Jeden Morgen begrüßen die Möwen den Sonnenaufgang mit einer Begeisterung, als ob sie die Sonne zum ersten Mal in ihrem Leben sehen würden. Bedenkt das, wenn ihr in einer Hafenstadt Urlaub machen wollt, in der es selten bewölkt ist und ihr keine ausgesprochenen Frühaufsteher seid.

Das Softeis am Hafen von Gudhjem ist wirklich überragend. Die Pølser erscheinen dagegen verzichtbar.

Wir treffen uns mit Freunden. In Deutschland sehen wir uns vielleicht einmal im Jahr, obwohl sie nur zwei Stunden entfernt wohnen. Auf Bornholm schaffen wir drei Mal in einer Woche. Das ist sehr schön. Am einfachsten wäre es doch, wir alle würden im Sommer dorthin ziehen. Die Insel ist klein genug, um sich gegenseitig zu besuchen und groß genug, um für jeden einen Platz zu haben.

Svaneke ist Peak Picturesque und entsprechend voll. Eisfabrik, Schokoladenfabrik, Lakritzfabrik, Kaufmannsladen, Street Food, Glasbläserei. Mich beschleicht der Verdacht, dass die Stadt jedes Frühjahr vom Tourismusbüro aufgebaut und am Ende der Saison in einem Gewerbegebiet im Inneren der Inseln eingelagert wird.

Die Østerlars Kirke ist grandios, schon wegen der in Jahrhunderten ausgetretenen Steinstufen zum Dachboden.

Auf dem Marktplatz von Rønne sitzen zwei alte Männer auf der Bühne. Gitarre und Trompete, sie spielen Jazzstandards, mit Coolness und Würde. Ich traue mich nicht, näher heranzugehen und Fotos von ihnen zu machen, aber ihren warmen Ton höre ich noch immer.

Es gibt Østermarie und Østerlars, aber die arme Vestermarie wartet bis heute auf ihren Vesterlars.

Eine Insel

Vor der deutschen Ostseeküste liegt eine kleine Insel, die hier nicht sehr bekannt ist, vielleicht, weil sie zu Dänemark gehört und auch nur von dort aus mit dem Schiff zu erreichen ist. Jemand hat mich vom Hafen abgeholt, wir fahren durch die Straßen und er erklärt mir die Insel, als ob wir in einem Imagevideo des Tourismusverbands wären. Auf der höchsten Erhebung im Zentrum des Ortes steht eine Wehrburg aus dem Mittelalter, die während der dänisch-schwedischen Kriege niemals eingenommen wurde. Die Leute wohnen aber inzwischen in fünfstöckigen Plattenbauten, die um die Burg herum gebaut worden sind, sozialer Wohnungsbau aus den siebziger Jahren.

Auf der Insel – und deshalb, ich erinnere mich, bin ich überhaupt hier – findet alljährlich ein Thematurnier zum Blackmar-Diemer-Gambit statt. Artverwandtes ist zugelassen, aber streng reglementiert. Das Alapin-Gambit zum Beispiel darf gespielt werden, der Übergang zur Caro-Kann-Verteidigung ist dagegen verboten und so weiter. Ich frage nach dem Englund-Gambit – dafür gäbe es ein Nebenturnier, bei dem, natürlich, nach Möglichkeit die Sollervariante gespielt werden möge. Ich erfahre zu meiner Überraschung, dass es Diemers Zeitschrift »Blackmar-Gemeinde« noch gibt, allerdings, leider, nur im Internet. Diemer habe die Titelrechte an eine Stiftung übertragen, die seine Schüler leiteten. Die Blackmar-Diemer-Leute haben ein eigenes Ratingsystem entwickelt, das sich nur aus der Auswertung dieser Turniere – es gäbe noch weitere, aber ich solle erst einmal bei diesem teilnehmen, alles weitere werde ich dort erfahren – ergibt.

Überhaupt seien die Menschen auf der Insel sehr eigen und häufig im Streit mit der dänischen Krone, die in solchen Fällen häufig die Lebensmittellieferungen – es gibt auf dem kleinen Felsen keinen Flughafen und deshalb für jegliche Güter nur den Seeweg – stoppe. Aber die Leute auf der Insel könnten sich selbst versorgen und ich frage mich, womit eigentlich. Es ist Winter und vor den Häusern liegt matschiger, schmutziger Schnee.

Der Name der Insel entfällt mir sofort nach dem Aufwachen, es war ein sehr bekannter Name, so etwas wie Bornholm, aber eben nicht das Bornholm, sondern ein anderes, viel kleiner und fast unbekannt. Ich ärgere mich, nicht nach der Adresse der Seite gefragt zu haben. Die Suchmaschinen zeigen nichts an.