In der Muckibude

Seit einem Jahr gehe ich wieder in die Muckibude. Ich lag auf dem kalten Linoleumboden, auf die Seite gedreht an der Wand. Der Physiotherapeut bewegte meinen Oberschenkel mit zwei Seilen auf und ab: um mein Hüftgelenk zu mobilisieren, wie er sich ausdrückte. Physiotherapeuten haben eine eigene rätselhafte Sprache, um das komplizierte Zusammenleben aller Knochen, Sehnen und Muskeln zu beschreiben, aus denen unsere Körper bestehen und an diesem Tag hatte er die richtigen Worte für meinen Körper gefunden. So kam das.

Mein Physiotherapeut nennt die Muckibude einen Maschinenpark und das trifft es sehr gut. Die Muckibude liegt hinter den Gärten kurz vor dem Flüchtlingsheim und dem Griechen mit den Säulen. Der Raum hat den Charme eines Speisesaals in einem Lehrlingswohnheim bewahrt. Bevor die Kraftsportler kamen, war da eine Videothek drin, aber Videos braucht heute niemand mehr. Die Kraftsportler haben Schwarz-Weiß-Fotos von sich aus den achtziger Jahren an die Wand gehängt. Wir sind eine Muckibude mit Tradition.

Es gibt zwei schöne Sachen bei der Muckibude: Sie hat immer (wirklich immer) auf und es geht einem niemand mit Trainingsplänen, Körperfettmessungen und Fitnessgetränken auf die Nerven. Überhaupt ist es ziemlich ruhig. Auf der Treppe vor dem Haus und in der Umkleidekabine murmelt man ein einsilbiges Wort, wenn man jemanden trifft, im großen Saal mit den Maschinen nickt man sich allenfalls kurz zu. Hier tut man ernsthafte Dinge.

Das ist kein Ort für Geschwindigkeit und Schwung. Alles geschieht langsam. Die Maschinen zeigen mir, welche Bewegungen ich machen soll, den Rest des Körpers versuche ich dabei möglichst still zu halten. Das Stillhalten ist der schwierige Teil.

Neulich war ich der Letzte in der Muckibude. Freitagabend um halb elf, alle bereit für das Wochenende. Ich beeilte mich mit meinen restlichen Übungen und dann ging ich in Schleifen durch den ganzen Saal, nickte den Maschinen zu und löschte das Licht.

Oslo lufthavn

In der Turnhalle

In meiner Schublade liegt ein kleiner Zettel, den ich mit Vaters Schreibmaschine getippt und wie auch immer vervielfältigt haben muss. Es ist das Programm für eine Theateraufführung im April 1989. Kopiergeräte gab es damals eigentlich nicht. Der Staat hatte ziemliche Angst vor Flugblättern und solchen Sachen.

Wir spielten ein 15 Jahre altes polnisches Stück, das wir nicht verstanden hatten, aber wahrscheinlich verstanden wir alle nicht, was in diesem untergehenden Land gerade geschah und dadurch passte es ganz gut. Es ging irgendwie um Verrat und im Text stand die schönste Liebeserklärung, die ich jemals gelesen hatte. Das Stück spielte in einer Turnhalle, also spielten wir es in der alten Turnhalle auf dem Schulhof. Die Bühne war eine staubige graue Turnmatte, auf der wir sonst unsere Bodenübungen zeigen mussten, die Zuschauer saßen auf den Turnbänken. Bei den Proben tauchte das Problem auf, dass wir ein paar Stellen des Stücks mit unseren sehr begrenzten schauspielerischen Fähigkeiten nicht darstellen konnten. Wir kamen dann auf die Idee, diese Sachen einfach szenisch und mit den Regieanweisungen von denjenigen lesen zu lassen, die gerade nicht dran waren und dafür neben der Bühne sitzen blieben. Das funktionierte einigermaßen und deshalb ließen wir zwischendurch noch ein paar Auszüge aus einer Erzählung von Max Frisch ablaufen, die wir zuvor mit Karstens Doppeldeck auf Kassette aufgenommen hatten. Zwischendurch spielte Malte auf seiner E-Gitarre.

Das alles hatten wir natürlich woanders aufgeschnappt. Theater hatte eine ungeheure Bedeutung in dem untergehenden Land. Wir waren damals dauernd im Theater und die Theaterleute redeten von den Texten als Material, das montiert werden musste und so weiter und so machten wir es auch. Wie auf dem Bau.

Ich denke gern an diesen Abend im April und zum Glück gibt es keine Aufzeichnung, die mir meine Vorstellung zerstören könnte, dass wir etwas Bedeutsames gemacht hatten.