Auf dem Makruk-Server

In Südostasien werden verschiedene lokale Schachvarianten gespielt. Am größten ist wahrscheinlich Xiangqi, das chinesische Schach (象棋), das in Vietnam sehr verbreitet ist. Danach folgt Makruk, das ist das thailändische Schach (หมากรุก). Makruk ist nicht sehr weit vom westlichen Schach entfernt. Es wird auch mit Figuren auf einem Brett mit acht mal acht Feldern gespielt. König, Turm, Springer und Bauer funktionieren identisch. Der größte Unterschied ist die Dame, die wie in allen ursprünglichen Schachvarianten die schwächste Figur ist und nur ein Feld weit diagonal zieht.

Das Schach in Kambodscha (អុកចត្រង្គ) heißt Ouk Chatrang oder Ok und ist mit Makruk fast deckungsgleich. Es unterscheidet sich vom thailändischen Schach nur dadurch, dass zwei zusätzliche Anfangszüge erlaubt sind: Der König kann in seinem ersten Zug eine Art kleine Rochade machen und wie ein Springer zur Seite ziehen. Die Dame (und damit nähern wir uns dem Thema) kann mit ihrem ersten Zug zwei Felder nach vorn ziehen, sobald der Bauer dort nicht mehr steht. Das Ganze dient nur der Zeitersparnis, auch beim Makruk ziehen König und Dame in der Regel dorthin, allerdings mit zwei Zügen.

Es gibt einen einzigen Server, auf dem man Makruk spielen kann und offenbar hatte sich neulich auch ein Kambodschaner dorthin verirrt, wie sein Handle khmerstronger unschwer vermuten lässt. Das dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, dass er hier den Bauern auf c3 mit Sf4-e2 deckte, was das hübsche Stickmatt Sd5-e3 erlaubte. Ich sah bildlich vor mir, wie in Phnom Penh ein armer Kerl vor dem Rechner saß und vergeblich De1xe3 zu ziehen versuchte.

Die nächste Partie gegen ihn habe ich dann verloren.

Große Aufregung im Internet: Heute morgen hat sich offenbar jemand im Radio dagegen ausgesprochen, an Grundschüler Tablets auszuteilen. Wobei Aufregung inzwischen nicht mehr »Ich bin anderer Meinung, und zwar aus folgenden Gründen«, sondern »Warum darf dieser Typ überhaupt im Deutschlandfunk reden? Schafft ihn weg!« bedeutet.

Ich musste an die Geschichte eines Freundes denken, der berufsbedingt den Wissenschaftsbetrieb in der Mathematik perfekt kennt und viele Jahre in Berufungskommissionen und ähnlichen Gremien gesessen hat. Er erzählte, dass es in einer Probevorlesung genau zwei Typen von Mathematikern gebe. Die einen klappten einen Laptop auf und zeigten eine Präsentation. Die anderen stellten sich mit einem Stück Kreide an die Tafel und schrieben diese nach und nach voll. Die Guten seien immer die mit der Kreide.

Vielleicht können wir uns auch nur deshalb so kompetent über den Mann aus dem Radio aufregen, weil wir zur Schule gegangen sind, als es dort noch keine Smartboards und Tablets gab?

Sprachen

Es gibt zum Beispiel dieses Ding mit der Uhrzeit. Ich habe als Kind viertel und dreiviertel gelernt. Mir scheint das auch logisch zu sein: drei, viertel vier, halb vier, dreiviertel vier, vier. Es sagt doch auch niemand halb nach drei oder halb vor vier. Aber als die neue Ordnung kam, kamen viele Leute, die nicht wussten, was viertel vier und dreiviertel vier bedeutet und seitdem sage ich immer häufiger auch viertel nach drei und viertel vor vier. Wenn einer A sagt, aber auch B verstehen kann und der andere B sagt und nicht weiß, was A bedeutet – dann sagt man eben B. So geht das. Man will sich ja (oder halt?) verstehen.

So ging das mit vielen Sachen. Über Nacht gab es keine Plaste mehr, sondern Plastik (ich weiche bis heute auf das Wort Kunststoff aus). Auf einmal hatten die Häuser auf dem Darß nicht mehr Rohr oder Schilf auf den Dächern, sondern Reet, so wie in Schleswig-Holstein. Die Kinder gingen nicht mehr in der Kindergarten, sondern in die Kita. Den Kindergarten hat 1840 der Thüringer Friedrich Fröbel erfunden. Der Begriff ist als Lehnwort in acht Fremdsprachen gewandert. Kita ist dagegen die Abkürzung eines Rechtsbegriffs aus dem Sozialgesetzbuch. Wir sagen jetzt Kita. Kindertagesstätte. Ein Verwaltungswort, schön sachlich. Das passt zu uns.