Bis halb zwölf geschlafen. Zwischendurch immer mal wieder aufgewacht, aber dann wurde mir klar, dass die Geschichte aus meinem Traum immer weiter Schleifen drehen und ich das Ende ohnehin nie erfahren würde.

Die Plattenstraße zur Bude ist glatt. Einerseits gut, keine Schlaglöcher und weniger Reibungswiderstand für die Räder, andererseits wäre es unangenehm, vom Fahrrad auf eine vereiste Plattenstraße zu stürzen. In der Bude lief wieder diese Playlist mit Dance, die schon seit Wochen läuft und sich nach einer Stunde wiederholt. Die Musik kommt aus einem Tablet, das sie an die Wand geschraubt haben, aber ich habe Sorge, dass ich dort etwas kaputt mache, wenn ich versuche, einen anderen Stream einzustellen und dann läuft am Ende gar nichts mehr und das wäre auch nicht schön.

Wir haben den Weihnachtsbaum abgeschmückt und zu den anderen Bäumen an die Straße gestellt. Die Müllabfuhr kommt jetzt nur noch einmal im Januar für die Bäume und wir wussten nicht, was wir später damit machen sollten.

Vielmehr darf und muss sich der Richter in tatsächlich zweifelhaften Fällen mit einem für das praktische Leben brauchbaren Grad von Gewissheit begnügen, der den Zweifeln Schweigen gebietet, ohne sie völlig auszuschließen.

Das ist eine immer wiederkehrende Formel für das, was sonst mit dem schönen Oxymoron Überzeugungsgewissheit bezeichnet wird. Niemand weiß genau, was geschehen ist, aber trotzdem muss der juristischen Entscheidung ein feststehender Sachverhalt zugrunde gelegt werden. Das ist ein Dilemma, über das man sich mit solchen Formeln hinwegtrösten kann. Ich habe heute mal nachgesehen, woher die Formulierung eigentlich stammt. Sie ist viel jünger als ich dachte (Bundesgerichtshof 1970) und meine kleine Recherche führte zum lesenswerten Anastasiafall. Ich beneide Menschen, denen solche Wendungen einfallen. Law is poetry.

Eine unerwartete und unmittelbare Angst ergriff uns, als als wir auf der Reise zu einer Konferenz des europäischen Netzwerks für Kulturzeitschriften Eurozine auf der Fähre zwischen Karlskrona und Gdynia übernachteten. Das moderne Reisen, das oft in einem Klima kommerzieller Ablenkung und künstlicher Sicherheit geschieht, vermochte diese Illusion bei Windstärke 7 auf der Ostsee nicht richtig aufrechtzuerhalten. Uns ist bewusst, dass dieser Wind noch verhältnismäßig schwach war und dass alle, die auf dem Meer arbeiten und zumal jene, die aus vollkommen anderen und viel zwingenderen Gründen als wir das Meer überqueren müssen, viel größeren Anlass zu Todesangst haben. Aber nichtsdestotrotz. Wir lagen in der Kabine in unseren schmalen Etagenbetten und erlebten wieder und wieder das schwindelnde Gefühl der Schwerelosigkeit, das entstand, bevor die Gravitation ein weiteres Mal die Fähre und uns in eines der tiefen Wellentäler hinunter schickte. Auf dem Autodeck gingen die Alarmanlagen an und wir dachten an das, was wir über die Panik auf der Estonia gelesen hatten: dass die Menschen, als sie sich beim Kampf auf das Deck zu kommen auf den engen Fluren übereinander pressten, überhaupt nicht sprachen, sondern nur noch dumpfe Laute von sich gaben, wie Tiere. Wir versuchten nicht daran zu denken, dass wir nun selbst an einer solchen Stelle waren: inmitten eines Schiffsbauchs aus Blech auf einer unendlichen, dunklen Fläche aus schaukelnder See.

– aus: Ann Ighe und Marit Kapla: Redaktionelle Einleitung, Ord&Bild 5:2016