Kategorie: Weblog

Utedusch

Patrick hatte einen riesigen roten Volvo, machte irgendwas im Außendienst und hatte für den dunklen skandinavischen Winter eine Ferienwohnung in Thailand. Er redete für einen Schweden ungewöhnlich viel, sprach värmländischen Dialekt und meinte offenbar, ich würde alles verstehen. Patrick war richtig stolz auf sein Ferienhaus. »Es liegt mitten im Wald und der IKEA ist nur 800 Meter weit weg.« Wir mussten also das Gepäck zu Fuß zum Häuschen schleppen und den IKEA hinter den Bäumen an der E 18 sah man zum Glück nicht. Obwohl es ein reizvoller Gedanke war, mal einen Nachmittagsspaziergang dorthin zu machen.

Aber das Beste hatte sich Patrick noch aufgehoben. Das Ferienhaus hatte eine Außendusche. »Es gibt nichts Besseres, du kommst vom Sport oder vom Schwimmen (die Schweden sind Sportfanatiker, aktuell war dort gerade Frisbeegolf, hatte ich auch noch nie gehört) und dann kannst du an der frischen Luft duschen, das warme Wasser kommt von oben und du bist trotzdem draußen! Herrlich!« Er zeigte mir voller Begeisterung die Armatur hinter dem Holzverschlag und den Boiler.

Und wirklich, es gibt kaum etwas Schöneres, als an einem sonnigen Tag unter freiem Himmel unter der Dusche zu stehen, danach mit einem Handtuch im Freien herumzuspringen, die Füße auf dem warmen Felsen und dabei auf den Vänern zu gucken. Patrick hatte völlig recht. Sogar ohne Sport.

Als wir Piraten waren

Musik war ein großes Problem. Es gab keine Musik, also wenn man nicht gerade Klassik hörte. Die eine Hälfte gab es nicht und die andere Hälfte war verboten, so ungefähr. Alle zwei Wochen gab es neue Lizenzplatten im Geschäft in der Steinbeckerstraße. Wir gingen nach der Schule da hin, mit einem Zwanzigmarkschein in der Tasche und stellten uns an. Um drei machte der Plattenladen wieder auf und wir kauften, was es eben so gab, für 16,10 Mark. Die zehn Pfennig waren der Kulturgroschen, deswegen der komische Preis. Auf diese Weise kam ich zu Barcley James Harvest und Vangelis. Nicht, dass ich das je gehört hätte.

Es gab aber Kassetten. Eine C60 von ORWO kostete 20 Mark, keine Ahnung, warum die so teuer waren. Kassetten kauften wir deshalb lieber im Intershop von dem Geld, das der Westbesuch dagelassen hatte. Eine Neunziger für 3,50 West. Da gab es auf einmal auch Auswahl: Chrome oder Ferro, den Unterschied habe ich nie ganz verstanden. Etwas mit dem Klang oder den Bässen oder so. Anschließend wurde überspielt, die Platten aus dem Westen, die Platten aus der Tschecheslowakei, die Platten aus Bulgarien. Bei Bulgaroton gab es sogar das »White Album«, glaube ich. War aber eine weite Reise. Wer richtig Geld hatte, konnte in Ungarn alles kaufen, zum Gulaschkommunismus gehörten offenbar auch Westplatten. Abgedrehter war es da nur noch, Platten aus Rumänien oder von Melodija zu haben. Die Russen hatten so durchsichtige schlapprige Singles aus hellplauer Plaste. Und Polen war damals schon zu, wegen Solidarność. Czesław Niemen zu hören, war also auch eine Art Untergrund.

Musik war kein Problem. Es gab genug Musik. Man brauchte nur Kassetten, ein Überspielkabel und Zugang zu den richtigen Leuten. Den Leuten mit den Platten. Alle anderen mussten von Kassette überspielen, mit Überspielkabel oder besser im Doppeldeck, von einem, der auch von Kassette überspielt hatte und so weiter und so fort. So entstanden die rumpeligen verrauschten Aufnahmen von Udo Lindenberg, die auf dem Schulhof liefen. Schließlich hatten sie beim Radio ein Einsehen und erfanden »Duett – Musik für den Rekorder«, um den Leuten das Aufnehmen leichter zu machen. Wir haben die Musik kopiert. Heutzutage würde man dafür wahrscheinlich ins Gefängnis kommen oder sie stellen einem das Internet ab.

»Ich brauche keine Wiedervereinigung. Ich will nur meine Musik hören und den ›Metal Hammer‹ lesen können, das reicht mir«, sagte der Soldat auf meiner Stube, als er sein Parteibuch zurückschickte und dabei fast zu weinen anfing. Musik war ein großes Problem.

Zudar

Mit der Fähre fahren. Straße, Plattenstraße, Staubstraße. Die Kiefern kämmen den Nebel, der vom Bodden kommt. Der Schwarm Schwalben im Gelben Ufer. Ein Hühnergott, so groß wie zwei Fäuste. Auf dem Strand eine verblichene Zeltplane. Mit den Füßen im Wasser stehen.