Ich bin zur Piratenpartei nach Berlin gefahren, vielleicht will ich reden, was weiß ich. Sie hätten dort keinen Stammtisch, sondern eine Crew, aber heute seien sie eigentlich das Squad Literatur und schon lange sei kein Besuch mehr dagewesen. Wir sitzen um einen langen Holztisch in einem verhangenen, warmen Raum, im Eisenofen flackern ein paar Holzscheite. Tollwutbezirk liest mit seiner angenehmen Stimme vor, ab und zu fragt Fabio Reinhardt etwas, überhaupt scheint er den Abend zu moderieren. Oliver Höfinghoff sitzt am Ofen und sagt nichts, hört aber aufmerksam zu. Sie reichen das Buch herum und als ich an der Reihe bin, ist es so dunkel geworden, dass ich die Buchstaben fast nicht mehr erkennen kann. Ich will lieber etwas von mir lesen, aber sie lesen immer dieses Buch, so seien die Regeln. Ich muss los, mein Zug fährt. Afelia sagt, sie sei ja früher auch herumgefahren und habe andere Piraten besucht, wie schön! Sie sieht müde aus. Ich gehe vor die Tür. Von diesem Moment an würde ich nicht mehr zurückfinden
Kategorie: Weblog
Im Januar
Die Bäume verraten den Wind.
Angesichts der Digitalisierung des Sturms die Erinnerung an den Lesesaal der Greifswalder Universitätsbibliothek. Rechts hinter der leise anschlagenden Doppelschwingtür der Tisch, über den die Bücherstapel geschoben wurden, der gelbe Pappausweis als Eintrittskarte, die Leihscheine ragten als Lesezeichen aus den Büchern heraus. Die Zeitschriften und Sammlungen des literarischen Expressionismus und mit den Notizen daraus nach unten zu den Zettelkatalogen und die nächsten Leihscheine ausfüllen. So begann es. Um 21 Uhr schloss der Lesesaal, dann mit dem Bus gerade noch rechtzeitig zurück ins Internat, über die bucklige Bahnhofstraße, die noch keine Autobahn geworden war.
Das Erstaunen darüber, dass es auch in Greifswald eine solche Zeitschrift gegeben hatte.
Ein paar rumpelnde unzulängliche Übersetzungen gemacht. Kein Mensch interessiert sich noch für Gedichte. Ich auch nicht.
Ein halbes Gigabyte E-Mails gelöscht.
Schöne Wörter: Kofferradio, astrein, Tollpatsch.
Plötzlich kam der Winter doch, der Wind drehte auf Ost und brachte den Schnee und der Frost sperrte die Stadt ein.
Steve Russell: Wie man als Indianerdichter erfolgreich wird
Sag nicht »Hunger«.
Schreib lieber von den prallen roten Erdbeeren,
die die Cherokee
in den Cookson Hills anbauen,
als von den Nagetieren, in Schmalz gebraten
und mit Kräutern aus dem Straßengraben garniert,
das Extra zu den Lebensmittelrationen.
Sag nicht »obdachlos«.
Schreib lieber von den roten Wildblumen und der kargen Schönheit
der Black Hills in South Dakota,
als von den ausgebrannten Wohncontainern und den Pappkartons
im Pine Ridge Reservat.
Sag nicht »Krankheit«.
Erzähl uns lieber vom roten Sand,
der dem Medizinmann der Najavo
durch die Hände rinnt,
als uns daran zu erinnern,
dass Hantaviren durch Ratten verbreitet werden.
Sag nicht »Völkermord«.
Erzähl uns lieber von Red Cloud und Rolling Thunder,
von Crazy Horse und Tecumseh,
gute tote Indianer
– eine Kühlerfigur auf dem Pontiac –
als uns an das Cheyennemädchen
in Sand Creek zu erinnern,
die wie eine überreife Wassermelone explodierte,
innen rot und außen rot,
von der Arbeitsseite
einer .50-Kaliber-Sharps.
Erzähl,
schreib,
Oh du weiser edler roter Mann,
Schamane der Native American,
teil deine mühsam gewonnene Weisheit
– aber nicht zuviel davon.
Übersetzt nach Steve Russell: How to Succeed as an Indian Poet.