Kategorie: Weblog

Bücher

In unserem Viertel gibt es jedes Jahr einen Stadtteilflohmarkt. Die Leute bauen vor ihrem Haus einen Tisch mit ihren Sachen auf und setzen sich dahinter. In unserem kleinen Literaturhaus im Viertel gibt es dann immer einen Bücherflohmarkt. Die Leute können in den Wochen davor zu uns kommen und alle Bücher abgeben, die sie nicht mehr haben wollen. Alles, was reinkommt, ordnen wir ein bisschen, packen es in Pappkartons und stellen es in den Garten. Den größten Schrott sortieren wir vorher aus. Alle Einnahmen gehen an das Literaturhaus, gemeinnützig, kein Gewinn, wie das so ist. Mit Lesungen und einer Galerie kann niemand Geld verdienen.

Aber die gute Tat kommt hinterher. Alle Bücher, die niemand haben wollte (das sind die meisten), stellen wir neben die Eingangstür. Am nächsten Morgen kommt ein Trupp von der Diakonie und nimmt sie mit. Sie trennen den Einband vom Buchblock und recyceln das Papier. Ich glaube, sie bekommen sogar etwas Geld dafür. Die Leute von der Diakonie sind meine Helden. Sie tun das, was keiner tun will: Sie werfen Bücher weg. Sie erhöhen die Ordnung. Sie reduzieren Entropie. Sie befreien die Leute von Dingen, die sie nicht mehr haben wollen, die aber noch mit Sinn aufgeladen sind. Leute, die denken, dass es bestimmt noch jemanden gibt, der das 21-bändige Lexikon mit dem Stand von 1992, leicht angestoßen, gebrauchen kann und der zu Hause genug Platz im Regal hat. Aber die Leute hatten den ganzen Nachmittag Zeit, das Lexikon abzuholen, und wer kein Geld hatte, musste auch nichts bezahlen. Niemand wollte es mitnehmen. Jetzt kommt es weg.

Wir sollten ein Plakat aufhängen: Alle Bücher, die heute nicht verkauft werden, landen morgen im Papiercontainer. Aber das machen wir nicht. Wir arbeiten nicht mit dem schlechten Gewissen der Leute, das wäre nicht fair. Die Leute denken wahrscheinlich, wir räumen abends alle Bücher auf den Dachboden unseres kleinen Literaturhauses oder in den Bücherbaum an der Europakreuzung oder ins Sozialkaufhaus oder in die Bücherscheune. Irgendwohin, wo sie gebraucht werden. Meinetwegen.

Als ich abends nach Hause ging, hatte ich einen kleinen Karton unter dem Arm, halb voll.

Am Anfang des Sommers

Eine Sache mit dem Klimawandel ist das Ende der Jahreszeiten, wie ich sie früher kannte. Der Winter ist ein endloser Herbst, der übergangslos von einem feuchten heißen Sommer abgelöst wird. Heute war ich zum ersten Mal in diesem Jahr in der Ostsee, die im Mai so viel Sonne abbekommen hat, dass sie warm und trüb war wie in einem Juli meiner Kindheit. Im August wird das Meer wahrscheinlich abgestanden und voller Quallen sein. Aber in den Sommerferien wird es sowieso schwer, nach Usedom zu kommen. Im Sommer brauchen wir ein Versteck.

Auf dem Weg lagen frische Tannenzapfen.

Die Berge auf Usedom markieren meinen körperlichen Zustand. In guten Jahren fahre ich alle hinauf, in schlechten Jahren schiebe ich das Rad. Heute etwa die Hälfte geschoben, das war ganz gut.

Jede Reise muss ein Ziel haben. In Swinemünde haben wir an der Promenade Schaschlik gegessen. Ohne Paprika, aber mit eingelegter Gurke. Der Mann am Grill hat mehrmals nachgefragt, ob mein Bier wirklich alkoholfrei sein soll.

Im Dreizehnten Stock ist noch kein Sommer.

Noch etwas zu Schallplatten

Auf Discogs schreibt mir jemand, ob die Matrizennummer auf der Auslaufrille meiner Odeon-Pressung von Love Me Do wirklich 17144-1 ist, wie in der Datenbank angegeben, insbesondere ob das -1 am Ende da ist. Ich bin froh, dass sich jemand um diese Dinge kümmert, hier scheint eine Unsicherheit entstanden zu sein. Ich hole die Kiste mit den Singles aus dem Schrank und schaue nach – alles in Ordnung.

Ich habe meine Platten noch einmal umsortiert, sie stehen jetzt alphabetisch im Regal, geordnet nach Bandnamen (ohne The) und Vornamen. Die Sortierung nach Vornamen ist etwas gewöhnungsbedürftig, aber das habe ich schon in Nexø so gesehen, also warum nicht. Vor allem ist meine Sammlung auch bei Discogs so gelistet, also lasse ich Discogs entscheiden. Die Seite will auch, dass Wings und Paul McCartney nicht mehr nebeneinander stehen (sondern unter W und P), ich füge mich widerwillig. Plastic Ono Band Live Peace in Toronto 1969 habe ich aber bei John Lennon gelassen, das wäre selbst mir zu viel Ordnung.

In einem Hamburger Plattenladen ein Gespräch über Preise. Ich finde, Platten müssen billiger werden, damit sich die nächste Generation auch noch Musik leisten kann. Die alten weißen Männer mit Geld und Sammelleidenschaft, die jetzt noch die Läden bevölkern, sterben bald aus. Der Besitzer stimmt mir zu, aber was soll er machen, er ist hier in Eppendorf, die Leute kommen rein und sagen, was sie wollen, und dann zahlen sie einfach, was die Sachen kosten, und das ist auch wieder wahr.

In einem Plattenladen in Malmö ein Gespräch über Preise. Die Verkäuferin erzählt, dass die Dänen sich kaputt lachen, weil hier alles so billig ist. Sie haben eine fantastische Auswahl, nicht zu viel, ein bisschen schräg, überhaupt kein Schrott. Im besten Fall ist ein Plattenladen ein sozialer Ort wie dieser hier, mit einem Sofa, mit einem Kaffee, mit Stammkunden und Laufkundschaft, mit guter Musik. Ich hoffe, dass das nie aufhört.