Kategorie: Weblog

Post aus Bangkok

Heute habe ich einen dicken Umschlag mit acht verschiedenen Aufklebern von der Post abgeholt: Anschrift, Absender, Briefmarke, Benachrichtigungsschein, Post-Barcode, Airmail, Zolldeklaration, Zollstempel. Am meisten beeindruckt natürlich die Zollabfertigung vom HZA Frankfurt am Main mit Bundesadler. So etwas gefällt mir. Eigentlich überraschend, dass ich diesmal keine Reise zum Zollamt nach Wolgast machen musste, um mir die Sendung persönlich abzuholen. Die Erklärung Thai Chess, Value $16 war offenbar unverdächtig genug. Eben mal nachgesehen, ob ich den Absender in der Charansanitwong Road in Bangkok bei Street View finde, aber die Anschrift scheint es mehrfach zu geben.

Sofort ausgepackt und aufgebaut. Das Spielbrett ist aus Papier gefaltet, leider nicht einfarbig, sondern kariert. Die Figuren sind aus Kunststoff, aber nicht so leicht, wie ich befürchtet hatte. Auffällig, wie sehr die Figuren verschieden groß sind: König, Wesir und Baum unterscheiden sich überhaupt nur durch die Größe, nicht in der Form. Das Pferd ist übergroß und erinnert an einen Elefantenkopf, das Boot ist dagegen verhältnismäßig klein für seine Spielstärke. Die Bauern sind kleine Muscheln und sehen wie Damesteine aus. Wenn sie verwandelt werden, dreht man sie einfach um.

Ich bin sehr zufrieden. Als nächstes brauche ich ein paar Bücher.

Als ich das Schachspielen lernte

In Barth gab es schon lange keinen Schachverein mehr. Die Barther, die im Verein spielen wollten, spielten bei Waterkant Saal. Das war ein Dorf am Bodden kurz vor Damgarten mit einer Vorzeige-LPG und zwei sehr aktiven Lehrern, die dem ganzen Ort Schach beibrachten. Dort hatten wir ein Sportlerheim. Das Sportlerheim war in Wirklichkeit eine Bude neben dem alten Sportplatz mit den Pappeln, in der sich die Fußballer umziehen konnten. Die Bude hatte einen Ofen, der manchmal nicht geheizt war, wenn am Sonntagmorgen aufgeschlossen wurde. Dann spielten wir in Winterjacken. An der Wand hinter Glas hingen ein paar Urkunden, Mannschaftsfotos und alle Grand Ouverts, die hier jemals gegeben worden waren: mit dem Datum und den Namen der Mitspieler, die sorgfältig nach Vorhand, Mittelhand, Hinterhand und Geber aufgelistet wurden.

Es gab in Barth aber Schachspieler. Es gab den klugen Lehrer mit dem schiefen Kopf und der angenehmen Stimme, der sehr erfolgreich Postkartenschach gespielt hatte, bis die Rechner kamen und Fernschach zu einer Disziplin für Administratoren machten. Es gab die Brüder aus meinem Verein, die in der Sundischen Straße wohnten und ab und zu für ein paar Wochen etwas Kindertraining im Haus der Werktätigen machten. Die Schachfiguren auf Zeit aufbauen und 25 Züge überstehen, ohne mattgesetzt zu werden, habe ich dort gelernt. Sie erzählten von der Zeit, als es in Barth noch einen Schachverein gegeben hatte und sie sonntagmorgens mit einem Auto mit Karbidofen in der Mitte durch den ganzen Bezirk Rostock zum Spiel gefahren waren. Es gab den Lehrer aus der Diesterwegschule am Wall, der manchmal eine Schach-AG am Freitagnachmittag gab. Ich ging gern dorthin, nach oben in dem alten Schulgebäude, das nach Linoleum und Kreide roch, auch wenn der Lehrer schlechter spielte als ich. Es gab V., der noch bei seinen Eltern wohnte, einen Schachcomputer mit Holzbrett hatte und alle Pink-Floyd-Platten auf Tonband. Mit ihm spielte ich Trainingspartien, er zeichnete mit seiner kleinen Handschrift die Züge auf und die Bedenkzeit für jeden einzelnen Zug, auch als seine Stellung schon längst hoffnungslos war. Es gab K., der mit seiner Mutter in einem verfallenen Haus in der Hafenstraße wohnte, schlaue Züge machte und ein paar Schachbücher aus den fünfziger Jahren hatte, die ich mir ausborgen durfte. Eines Tages schenkte er mir ein blaues Buch von Joseph Smith und wollte mit mir über Gott reden und dann bin ich nicht mehr hingegangen.

Später wurde in Barth wieder ein Schachverein gegründet, V. machte mit und K. auch. Sie spielten im Kulturhaus an den Anlagen, aber das hielt nicht lange. V. musste wieder ins Krankenhaus und danach ins betreute Wohnen und K. musste sonntags jetzt immer zum Gottesdienst nach Rostock fahren. Dort fand er eine Frau und zog weg. Die anderen bekamen keine Mannschaft mehr zusammen und hörten auf. Seitdem gibt es in Barth wieder keinen Schachverein mehr.

Was schön war, Ostern

Essen: Pelmeni, Lammbraten, das russische Konfekt aus dem Laden im Bahnhof Charlottenburg, der rund um die Uhr geöffnet hat.

Mit J. und E. auf dem Fahrrad die Kantstraße entlangfahren und im Quasimodo landen. Mit zwei Musikern an einem Tisch sitzen, Bier trinken und ihnen dabei zuhören, wie sie sich über Tonarten unterhalten.

Einen thailändischen Lebensmittelladen aufsuchen:
– Wissen Sie, wo ich in Berlin ein Makruk-Spiel bekommen kann?
– Makruk?
– Das ist thailändisches Schach.
– Fragen Sie die Frau an der Kasse.
Ich frage die Frau an der Kasse:
– Wissen Sie, wo ich in Berlin ein Makruk-Spiel bekommen kann? Das ist thailändisches Schach.
– Ja. Nirgends.
Inzwischen sehen mich alle Frauen aus dem Laden forschend an. Abgang.

Durch die Joachimstraße gehen. Den Rosenthaler Platz umrunden. Mit der U8 fahren.

Durch den Babelsberger Park über Klein-Glienecke bis in den Tarifbereich B laufen. Im Doppelstockbus oben und ganz vorn sitzen und durch den Grunewald fahren.

Mit Freunden gemeinsam Zeit verbringen. Das sollte ich öfter machen.