Kategorie: Weblog

Auf Usedom

Mit dem Fahrrad von Zinnowitz bis nach Swinemünde gefahren. Usedom versteckt gleich hinter dem Strand ein Gebirge: Streckelsberg, Pageluns Berge, Langer Berg, Platter Berg, Präsidentenberg. Warnschilder, die angesichts von 16 Prozent Gefälle zum Absteigen auffordern. Am Vormittag waren die Ostsee noch kalt und die Sonne hinter schnellen Wolken, aber es war schon lange Zeit, endlich anzubaden.

In Heringsdorf wollten wir T. und B. besuchen, die aber nicht zu Hause waren und die wir dann doch noch auf der Straße trafen, als wir den Berg von der Kirche schon wieder heruntergefahren waren. Wir schoben die Räder wieder hinauf und es gab Eis und Kaffee aus einer alten italienischen Maschine und das war alles sehr schön, obwohl wir uns Jahre nicht gesehen hatten.

An der Promenade in Swinemünde standen weißgestrichene Holzbuden. Es gab dort tatsächlich ein so gutes Schaschlik, wie ich es mir ausgemalt hatte, als wir den ganzen Tag an Fischbrötchenbuden vorbeigefahren waren.

Die kleine Bäderbahn brachte in aller Ruhe Menschen und Fahrräder zurück bis nach Züssow, wo wir alle zusammen auf dem Bahnsteig in der Sonne saßen und warteten: die einen auf den Zug nach Berlin und die anderen auf den Zug nach Greifswald.

Im Juni

Ich habe mich von meinem Schachserver abgemeldet. Ganz still und leise, Account gelöscht. Ich war elf Jahre dort, ein paar hundert Partien gespielt, Turniere organisiert und Mannschaftskämpfe, einen kleinen Club. Nette Leute, ich mochte die Seite sehr und ich würde dort noch sein, wenn sie kein Forum hätte. Kein allgemeines Forum zum Quatschen und Kennenlernen, keine freundliche Community. Vor zwei Jahren fing es an, die ersten User eröffneten Threads zu politischen Themen und seitdem hörte es nicht mehr auf: Medien, Flüchtlinge, Merkel. Die meisten kümmern sich nicht drum, aber wenn ich irgendwo bin, kann ich nicht meine Klappe halten. Wenn du Fakten bringst, bist du ein Besserwisser, wenn du nachfragst, bist du die Stasi und wenn du sie beschimpfst, bist du jemand, der die Stimmung in der freundlichen Community verdirbt. Am schlimmsten fand ich aber die, die sich alle paar Monate melden und die Diskutanten zur Ordnung rufen, das sei schließlich ein Schachserver und kein Kindergarten. Es gab gar keinen besonderen Anlass, nur einen Tropfen, der das Fass usw. und jetzt ist Schluss.

Heute mittag haben wir K. und T. auf der Straße getroffen, die zwei Häuser weiter wohnen. Spontanes Kaffeetrinken auf den Gartenmöbeln im Hof, das war sehr schön. Sie wohnen noch länger hier als wir und wollen wegziehen, auf irgendein Dorf mit großen alten Bäumen und mit Weite. Sie halten den Lärm nicht mehr aus, die Gegend hat sich sehr verändert und besser wird es nicht mehr, im Gegenteil. Die Nachbarn von nebenan sind schon fort.

Die alte Farbe abgekratzt, die seit unserem Einzug von der Decke im Bad hing. Das hat den ganzen Nachmittag gedauert. Anschließend extra Tiefengrund (Profis sagen Tiefgrund) aufgetragen, damit der zweite Versuch besser gelingt. Auflösung morgen. Das nächste Haus hat dann Sichtbetonwände.

Ich denke an meinen alten Chef, der bis vor kurzem Ministerpräsident war und von dem ich sehr viel gelernt habe. Als wir über einen gemeinsamen Kollegen sprachen: Sehen Sie, es gibt ein paar tausend Richter in Deutschland – die anderen können Sie auch nicht kontrollieren.

Die Schmerzen an der Rippe hören nicht auf.

Im Mai

Am Vormittag irre ich mit dem Fahrrad durch das Gewerbegebiet, um den Weg durch die Bäckerwiesen nach Süden zu finden. Fahrradfahrer stellen in einer durch Autohäuser, Baustoffhandel und Tanzstudios überformten Soziokultur einen Fremdkörper dar. Hinter der Umgehungsstraße spannt sich der pommersche Himmel über die Felder. In Weitenhagen stehen die Mülltonnen gerade ausgerichtet an der Straße, ich fahre hinter dem Müllauto bis zur kleinen Kirche. Die Glocken sind vor dem Eingang aufgehängt. Der Küster hat ein Gestell für die Gießkannen gebaut. Die Kannen sind beschriftet. Im Schaukasten an der Straße hängt der Monatsspruch mit einer plattdeutschen Übersetzung: Kolosser 4.6. Gleich gibt es Mittag.

Meine Eltern sind gekommen und mein Bruder und S. auch. Wir sitzen am Küchentisch und essen Kuchen. Es gibt Gelegenheit, etwas im Isländisch-Wörterbuch nachzuschlagen. Familie.

Am Museumshafen ist ein Foodtruckevent. Irgendwann haben sie aufgehört, von Imbisswagen zu reden. Foodtruckevent bedeutet, dass man 20 Minuten anstehen muss, um dafür Eintritt zu bezahlen, dass man nochmal 20 Minuten anstehen muss, um dann auf Holzbänken überteuertes Fastfood mit internationalen Bezeichnungen zu essen. Es ist ein Rummelplatz, nur ohne Fahrgeschäfte: auf das Wesentliche reduziert. Die Sonne scheint, der Wind weht kalt vom Wasser herüber. Ganz Vorpommern ist auf dem Weg hierher, ein buntes Gewimmel. Es ist ungefähr so, als ob jemand einen Hektar Berlin-Mitte ausgestanzt und auf die nördliche Hafenseite verschoben hätte. Zwei Iren machen auf einer kleinen Bühne Musik und es ist sehr schön.

Am Abend spielen Rest in Beats und Echoes in Veil im St. Spiritus. Dankbar dafür, dass es den Nordischen Klang gibt.

Drei Anrufe bekommen, über die ich mich alle gefreut habe.