Kategorie: Weblog

Im März III

Vögel sind misstrauische Tiere. Sie sehen sich das Futtersilo und die Taverne mit den Erdnüssen drei Tage lang an. Danach brauchen sie weniger als 24 Stunden, um alles leer zu machen. Je kälter es wird, desto schneller werden sie. Zuerst fällt die Horde Spatzen ein, die Meisen und das Rotkehlchen warten in aller Ruhe ab, bis sie fertig sind. Die Amseln holen sich den Rest vom Boden. Der Zeisig kommt nur selten.

Ich sitze am Küchentisch und sehe ihnen zu. Sind es jeden Tag dieselben Tiere? Woher wissen sie, dass es hier Futter gibt? Es gibt keine Möglichkeit, sich mit ihnen zu verständigen. Wenn ich die Tür zum Hof öffne, fliegen alle weg, schon in dem Moment zuvor. Vögel sind kluge Tiere.

Der Arzt sagt, ich solle spazieren gehen, also gehe ich jeden Tag den Treidelpfad nach Wieck. Der Ostwind tobt mir entgegen. Am Ryck sind lauter Baustellen, es dauert nicht mehr lange, bis alle leeren Flächen in dieser Stadt bebaut sind. Dann ist auch weniger Wind. In Wieck laufe ich bis auf die Nordmole, auf dem Bodden scheppern die Eisschollen. Fast so, als ob Greifswald am Meer liegen würde. Das Geländer hängt voller bemalter Vorhängeschlösser, mich ärgert das, weiß auch nicht, warum. An diesen Vormittagen ist fast niemand unterwegs, für die arbeitslosen Angler ist es noch zu kalt und für die Rentner auch. Die Jogger arbeiten um diese Zeit.

Ich fahre mit dem Bus zurück in die Stadt. Am zweiten Tag habe ich schon einen Stammplatz.

Am Karfreitag hören endlich alle auf: Die Bauarbeiter bleiben zuhause, die Lastkraftwagenfahrer liefern keine Baustoffe an, die Eltern fahren ihre Kinder nicht in den Kindergarten, die Burschenschafter singen keine Nazilieder, das Bäckerauto steht in der Garage, die Diskothek ist verboten, der Supermarktparkplatz leer, die Universität abgeschlossen, die Stadt ruhig.

Während der ganzen Zeit machen in mir Millionen Antikörper ihre Arbeit.

Sie haben eine Stunde aus diesem Monat herausgeschnitten, damit der Frühling endlich kommt.

Auf dem Makruk-Server

In Südostasien werden verschiedene lokale Schachvarianten gespielt. Am größten ist wahrscheinlich Xiangqi, das chinesische Schach (象棋), das in Vietnam sehr verbreitet ist. Danach folgt Makruk, das ist das thailändische Schach (หมากรุก). Makruk ist nicht sehr weit vom westlichen Schach entfernt. Es wird auch mit Figuren auf einem Brett mit acht mal acht Feldern gespielt. König, Turm, Springer und Bauer funktionieren identisch. Der größte Unterschied ist die Dame, die wie in allen ursprünglichen Schachvarianten die schwächste Figur ist und nur ein Feld weit diagonal zieht.

Das Schach in Kambodscha (អុកចត្រង្គ) heißt Ouk Chatrang oder Ok und ist mit Makruk fast deckungsgleich. Es unterscheidet sich vom thailändischen Schach nur dadurch, dass zwei zusätzliche Anfangszüge erlaubt sind: Der König kann in seinem ersten Zug eine Art kleine Rochade machen und wie ein Springer zur Seite ziehen. Die Dame (und damit nähern wir uns dem Thema) kann mit ihrem ersten Zug zwei Felder nach vorn ziehen, sobald der Bauer dort nicht mehr steht. Das Ganze dient nur der Zeitersparnis, auch beim Makruk ziehen König und Dame in der Regel dorthin, allerdings mit zwei Zügen.

Es gibt einen einzigen Server, auf dem man Makruk spielen kann und offenbar hatte sich neulich auch ein Kambodschaner dorthin verirrt, wie sein Handle khmerstronger unschwer vermuten lässt. Das dürfte auch der Grund dafür gewesen sein, dass er hier den Bauern auf c3 mit Sf4-e2 deckte, was das hübsche Stickmatt Sd5-e3 erlaubte. Ich sah bildlich vor mir, wie in Phnom Penh ein armer Kerl vor dem Rechner saß und vergeblich De1xe3 zu ziehen versuchte.

Die nächste Partie gegen ihn habe ich dann verloren.

Etwas über Kühltruhen

Kühltruhen waren schwer zu bekommen. Das merkte ich, als mein Vater eines Tages plötzlich mitten auf der Straße das Auto wendete, um ein Pferdefuhrwerk einzuholen, das eine Kühltruhe geladen hatte. Mein Vater war ziemlich aufgeregt. Woher er die Kühltruhe denn hätte? Aus dem Kaufhaus in der Ernst-Thälmann-Straße.

Ich erfuhr binnen kürzester Zeit, dass es für Kühltruhen eine Warteliste gab wie für Autos, dass wir inzwischen ganz oben auf der Liste standen und dass die Kühltruhe auf dem Fuhrwerk deshalb eigentlich jetzt unsere Kühltruhe sein müsste. Kühltruhen waren offenbar fast so wertvoll wie ein eigener Telefonanschluss. Mein Vater fuhr deshalb sofort zum Kaufhaus und machte Druck (wie man so sagt) und ein paar Tage später hatten wir dann auch eine Kühltruhe. Wir hatten dann sogar ein Gerät, mit dem man die Folien um das Gefriergut herum verschweißen konnte, um dem gefürchteten Gefrierbrand zu entgehen. Auf der Folie wurden Inhalt und Datum vermerkt und auf der Unterseite des Deckels der Kühltruhe waren Piktogramme, von denen man ablesen konnte, wie lange die Sachen gewöhnlich haltbar blieben. Trotzdem: Was ganz unten lag, hatte es schwer, nicht in Vergessenheit zu geraten. Wie überall.

Das einzige Problem von Kühltruhen ist, dass sie ziemlich groß sind. Die Kühltruhe passte nicht in die Wohnung und stand deshalb zwei Stockwerke höher auf dem Treppenabsatz vor dem Dachboden. Ab und zu wurden wir hochgeschickt, um etwas aus der Truhe zu holen, was nicht immer leicht zu finden war. In einer Kühltruhe sieht nach ein paar Monaten nämlich alles ähnlich aus.

Inzwischen ist es kein Problem mehr, eine Kühltruhe zu kaufen, aber ihre Bedeutung geht stark zurück. Ich denke, das hängt mit der Überproduktion und dem Niedergang der Vorratswirtschaft zusammen. Und mit deren Größe natürlich. Unsere neue Kühltruhe auf Westniveau stand darum zuerst im Badezimmer neben dem Waschbecken und seit dem letzten Umzug ist sie im Keller. Sie verbraucht eine Menge Strom. Wir haben deshalb den Stecker rausgezogen.

Braucht vielleicht jemand eine Kühltruhe?