Kategorie: Weblog

Im Theater

Auf dem Weg zum Theater fiel mir ein, dass ich meine Maske nicht dabei hatte. Ich habe inzwischen erlernte Gewohnheiten mit den Masken. Sie haben ihren festen Platz, so wie mein Schlüssel und meine Brille. Jeden Morgen hole ich eine frische OP-Maske aus der 100er-Schachtel und packe sie in eine Seitentasche meines Rucksacks. Im Rucksack sind außerdem die Wasserflasche, das Portomonnaie und das Notfallspray. Die alte Maske werfe ich anschließend in den Mülleimer, dann kann ich das Haus verlassen. Ich habe alles dabei, was ich brauche.

Ich hatte den Rucksack aber nicht mit. Die Garderobe im Theater ist wegen der aktuellen Situation nicht besetzt und den Rucksack mit in den Zuschauerraum zu nehmen, erschien mir unpassend. Ich fuhr also ohne Rucksack zum Theater und ging in Gedanken die Abläufe durch: Fahrrad anschließen, Maske aufsetzen, zur Kasse gehen und dann fiel mir ein, dass ich meine Maske nicht dabei hatte. Ich kehrte um, holte eine frische Maske (die zweite des Tages, im Theater muss man schließlich ordentlich aussehen), steckte sie in die Hosentasche und fuhr wieder los.

In Gedanken setzte ich die Situation fort: die Karte an der Kasse abholen, durch das Foyer gehen, die Karte vorzeigen, den Impfausweis präsentieren und zum Platz gehen (hoffentlich nicht in der ersten Reihe, manchmal sprechen die Schauspieler das Publikum direkt an oder klettern von der Bühne und das habe ich nicht so gern) und dann fiel mir ein, dass ich meinen Impfausweis nicht dabei hatte. Ich kehrte nochmal um, etwa an derselben Stelle wie beim ersten Mal, und holte auch noch meinen Impfausweis.

Der Rest funktionierte gut. Ich fand eine Stelle für das Fahrrad, es gab trotz der beschränkten Auslastung des Zuschauerraums noch Karten, alle waren getestet, geimpft oder genesen und zeigten ihre Atteste vor und als das Licht ausging, setzte ich heimlich meine Maske ab. Es war angenehm kühl, der Saal war nur zu einem Viertel gefüllt und die raumlufttechnische Zu- und Abluftanlage brummte. Alle Schauspieler blieben auf der Bühne.

Bilanzen, Budgets

Das ist die CO2-Bilanz aus meinen bisherigen Flugreisen:

Berlin – Moskau = 0,23 Tonnen
Berlin – München – Kapstadt = 1,34 Tonnen
Kapstadt – München – Berlin = 1,34 Tonnen
Hamburg – Santa Cruz de La Palma = 0,50 Tonnen
Santa Cruz de La Palma – Hamburg = 0,50 Tonnen
Rostock – Stuttgart = 0,09 Tonnen
Stuttgart – Rostock = 0,09 Tonnen
Hamburg – Santa Cruz de La Palma = 0,50 Tonnen
Santa Cruz de La Palma – Hamburg = 0,50 Tonnen
Berlin – Oslo = 0,12 Tonnen
Oslo – Berlin = 0,12 Tonnen

Moskau war eine Klassenfahrt (für den Rückweg haben wir den Zug benutzt). In Kapstadt besuchten wir Familie. In Stuttgart und Oslo waren Schachturniere (naja). La Palma war sehr schön. Nach La Palma würde ich gern nochmal fliegen.

Insgesamt sind das 5,33 Tonnen. Das jährliche Budget eines Menschen soll bei 1,50 Tonnen liegen. Wenn das stimmt, haben meine Flüge fast vier Jahresbudgets verbraucht.

Und das ist noch nichts gegen das Auto. Ich hatte 16 Jahre lang ein Auto. Nicht viel gefahren, 130.000 Kilometer. Das sind bei 7 Litern Benzin auf 100 Kilometer insgesamt 21,57 Tonnen Kohlendioxid, also über 14 Jahresbudgets.

Ich glaube, die Sache mit dem Klimawandel wird schwierig.

In der Anklamer Straße

Die Polizisten hatten sich in einer Einfahrt in der Anklamer Straße versteckt und gewartet, bis ich auf ihrer Höhe war, dann winkten sie mich raus. Ihren Personalausweis bitte. Sie fahren auf der verkehrten Straßenseite. Hier gilt das Rechtsfahrgebot. Dazu muss man wissen, dass die Anklamer Straße eine vielbefahrene Hauptstraße ist. Einen Radweg gibt es nur auf der einen Seite. Wer in Richtung Stadtzentrum unterwegs ist, muss entweder – verkehrt herum auf der linken Seite – diesen Radweg nehmen oder auf der rechten Seite direkt auf der Straße fahren und hoffen, dass ihn kein Auto erwischt. Die Stadt hat dort einen sog. Radschutzstreifen auf die Straße gemalt, der vielleicht einen halben Meter breit ist und die Sache nicht viel besser macht. 90 Prozent der Leute nehmen den Radweg und das ist dann leicht verdientes Geld für den grünen Oberbürgermeister meiner kleinen fahrradfreundlichen Stadt.

Ich holte meinen Personalausweis raus und überlegte, ob ich mit der Polizistin eine Diskussion über Prioritäten führen sollte. Ich könnte ihr zum Beispiel vorschlagen, ein einziges Mal die Geschwindigkeit der Autos zu messen, die durch unser Wohngebiet rasen, oder sich einmal an eine Straßenecke zu stellen und zu zählen, wie viele Leute beim Autofahren telefonieren, ich dachte an die zugeparkte Stadt, wie so ein Spießer, dachte ich, und dann dachte ich, das hier ist eine gute Gelassenheitsübung und kämpfte meine Wut ein bisschen nieder.

Ich war sowieso schon geladen. Ich hatte zehn Minuten lang im Bioladen gewartet, bis der hustende und maskenlose Verkäufer der Kundin vor mir zwei Pastinaken und eine Paprika verkauft hatte und dann noch ein Brot bitte. Neben der Kasse stand das Buch Corona natürlich behandeln: Covid-19 ganzheitlich verstehen, vorbeugen, heilen. Es kostete 20 Euro und die pickligen Viren aus dem Elektronenmikroskop, die seit einem Jahr überall zu sehen sind, waren auf dem Cover grün eingefärbt, so dass sie wie Spinatbällchen aussahen oder wie kleine Kohlköpfe, aber dafür konnte die Polizistin ja nichts. Sie konnte auch nichts dafür, dass sie hier stehen musste und dass ich mich nicht an den Verkehrsregeln gehalten hatte. Die Polizistin blieb die ganze Zeit freundlich. Wahrscheinlich hatte sie gerade eine Gelassenheitsübung gemacht und eventuell lächelte sie sogar unter ihrer FFP2-Maske, es war nicht zu erkennen.

Ich nahm meinen Personalausweis und fuhr nach Hause. Zur Beruhigung und zum Ausgleich der Karmabilanz holte ich einen Eimer Farbe aus dem Keller, überstrich die neuen Graffiti an der Hauswand und dachte dabei an Tom Sawyer.