Schlagwort: Schach

20 Jahre Schachblätter

Was passiert mit unseren Blogs, wenn wir aufhören zu bloggen? Bleiben sie als digitale Ruine stehen? Bringen wir sie zum Recyclinghof? Gibt es so etwas wie ein Museum für stillgelegte Blogs? Oder ein Archiv?

Im vergangenen Jahr ist mein Schachblog 20 Jahre alt geworden. Es hat seine besten Zeiten längst hinter sich: regelmäßige Einträge, eine lebhafte Community in den Kommentaren, Wahrnehmung in der Schachszene. Alles ist ein bisschen eingeschlafen. Daran ist nichts verkehrt. Schach spielt eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben, aber mein Interesse daran wandelt sich mit den Jahren.

Über diese Fragen habe ich lange nachgedacht und die Antwort am Ende aufgeschoben. Es ist nicht so einfach, Dinge wegzuwerfen, Sachen hinter sich zu lassen, nicht eitel zu sein. Aber ich habe das Blog gründlich aufgeräumt: 90 Prozent der Einträge gelöscht, Artikel überarbeitet und zusammengefasst, Fehler berichtigt, tote Links entfernt, so etwas. Behalten habe ich die Sachen, die vielleicht einmal archiviert werden könnten. Dabei haben mir die Konzepte zum Digital Garden geholfen.

Seit langer Zeit ist mein Schachblog wieder so klein geworden, dass ich es mir vollständig durchlesen kann. Das ist ein schönes Gefühl. Jetzt kann ich weiterschreiben.

Auf R.s Grab stehen bunte Blumen und drei große überdimensionierte Schachfiguren: ein weißer Bauer, ein schwarzer Springer und ein weißer Turm. Am Sonntag war ich dort, zum ersten Mal seit seiner Beerdigung. Die Kirchturmuhr zeigte elf Uhr. In Kasachstan hatte gerade der Stichkampf zur Weltmeisterschaft begonnen. Die erste Schachweltmeisterschaft, bei der er nicht zuschauen konnte. R. war der treueste Schachzuschauer, den man sich denken kann. Ich weiß nicht, ob ihm das Ergebnis gefallen hätte.

Vor der Kaffeebar in der Fußgängerzone hatte jemand ein Schachbrett aufgebaut. Als er meinen erstaunten Blick sah, lud er mich zu einer Partie ein. Ich sagte, dass ich aber ziemlich gut spiele, worauf er erwiderte, dann würde er wenigstens etwas lernen. Was er denn in der Stadt mache, wollte ich wissen. Er habe einen Luftwechsel gebraucht und es gefalle ihm hier gut. Seine Promotionsarbeit sei fast fertig, aber noch nicht ganz. Mathematik. Ich fragte ihn nach dem Thema. Seine Antwort kann ich schon jetzt, wenige Stunden nach unserer Schachpartie, nicht mehr wiedergeben. Irgendetwas mit symmetrischen Strukturen geometrischer Körper im höherdimensionalem Raum. Er versuchte, es mir zu erklären. Ich war mir nicht sicher, ob er sich die ganze Geschichte gerade in diesem Moment ausgedacht hatte, der Gegenstand seiner Erzählung konnte für mich genauso gut ein Märchen wie eine wissenschaftliche Arbeit sein. Wenn etwas unserer Vorstellungsvermögen übersteigt, ist es Wunder und Wirklichkeit zugleich.