Ein Rädchen sein

Rechtsanwendung bedeutet zum weitaus größten Teil die Reproduktion von vorhandenen Texten: Schriftsätze aus dem Verfahren, Gesetzestexte, anderen Entscheidungen. Das ist nicht ungewöhnlich, im Gegenteil. Der vorhandene Prozessstoff muss zur Kenntnis genommen werden, damit die Parteien rechtliches Gehör erhalten. Alle Rechtsanwender sind selbstverständlich an das Gesetz gebunden, sie müssen es benennen und anwenden. Sie bewegen sich in einem rechtlichen Rahmen, der durch die bereits vorhandene Rechtsprechung ausgeformt wurde. Wiederholung schafft Erwartbarkeit und Verlässlichkeit – Juristen nennen das Rechtssicherheit. Rechtliche Systeme produzieren Vertrauen. Juristische Entscheidungen sind im besten Fall solides Handwerk und keine Kunstwerke mit Schöpfungshöhe.

Daher kommt es selten vor, dass bei meiner Arbeit ein neuer Gedanke auftaucht. Neulich hatte ich einen und habe es damit in die NVwZ geschafft. Die NVwZ (Neue Zeitschrift für Verwaltungsrecht) ist so etwas wie ein Tabernakel des Öffentlichen Rechts. Natürlich erscheinen die juristischen Zeitschriften alle auch digital, aber als ich dort von meiner unverhofften Veröffentlichung erfahren habe, war ich so stolz, dass ich extra in die Bibliothek gefahren bin und mir vom analogen Heft eine Kopie gemacht habe (Az. 4 M 540/25 OVG – NVwZ 2025, 2038).

Ihr Bohrkopf drehte sich zu mir.
»Henry, dein Körper besteht aus 6 mal 10²⁷ Atomen. Jedes von ihnen existiert seit Milliarden von Jahren. Die Wasserteilchen, aus denen du zu 68 Prozent bestehst und die du hierher mitgebracht hast, sind älter als die Erde und sehr viel älter als Perm. Alles Wasser, das du beim Trinken achtlos in dich hineinschüttest und das eine Zeit lang ein Teil von dir wird, hat Weltraumreisen hinter sich, die du dir nicht einmal im Ansatz vorstellen kannst. Der Kohlenstoff, der deine organische Materie bildet, kommt aus explodierten Sternen. Auch er ist Milliarden Jahre alt. Du bist nicht mehr als ein Wimpernschlag in der unfassbar langen Geschichte eines jeden Teilchens, das sich erbarmt hat, vorübergehend ein Teil von dir zu werden.«
»Schon klar«, sagte ich.

— Nils Westerboer: Lyneham

Ob ein Skatturnier gelungen war oder nicht, entscheidet sich häufig in einem einzigen Spiel. Bei meinem letzten Skatabend hatte ich wieder so eins. Kein Preis für mich.

Das sind meine zwölf Karten nach Skataufnahme in Mittelhand. Was drücken, was spielen? Da ich kein einfaches Farbspiel erkennen konnte, entschied ich mich dafür, die beiden Herzkarten in den Skat zu legen und einen Grand anzusagen — mit dem klaren Plan, auf Karo und Kreuz jeweils maximal 28 Augen abzugeben und die restlichen sechs Stiche selbst zu machen. Das Spiel nahm folgenden Verlauf:

1. Karo-Ass, Karo-Sieben, Karo-Zehn = 21 Augen
2. Karo-König, Karo-Neun, Karo-Acht = 25 Augen
3. Karo-Dame, Einstich Karo-Bube, Überstich Pik-Bube = 32 Augen
4. Kreuz-Ass, Kreuz-Zehn, Kreuz-Sieben = 53 Augen
5. Kreuz-König, Kreuz-Dame, Kreuz-Acht = 60 Augen

Da musste schon eine Menge passieren, um dieses Spiel auf diese Weise abzugeben. Hinterher habe ich lange darüber nachgedacht, ob ich im dritten Stich auf die Karo-Dame eine Kreuz-Lusche hätte abwerfen sollen. Aber auch dann kann ich verlieren, und so bestand immerhin die Möglichkeit, dass der Pik-Bube nicht bei Hinterhand war. Überhaupt habe ich noch lange über dieses Spiel nachgedacht. Das ist so ein Ding von mir.