Kategorie: Weblog

Ein Rädchen sein

Rechtsanwendung bedeutet zum weitaus größten Teil die Reproduktion von vorhandenen Texten: Schriftsätze aus dem Verfahren, Gesetzestexte, anderen Entscheidungen. Das ist nicht ungewöhnlich, im Gegenteil. Der vorhandene Prozessstoff muss zur Kenntnis genommen werden, damit die Parteien rechtliches Gehör erhalten. Alle Rechtsanwender sind selbstverständlich an das Gesetz gebunden, sie müssen es benennen und anwenden. Sie bewegen sich in einem rechtlichen Rahmen, der durch die bereits vorhandene Rechtsprechung ausgeformt wurde. Wiederholung schafft Erwartbarkeit und Verlässlichkeit – Juristen nennen das Rechtssicherheit. Rechtliche Systeme produzieren Vertrauen. Juristische Entscheidungen sind im besten Fall solides Handwerk und keine Kunstwerke mit Schöpfungshöhe.

Daher kommt es selten vor, dass bei meiner Arbeit ein neuer Gedanke auftaucht. Neulich hatte ich einen und habe es damit in die NVwZ geschafft. Die NVwZ (Neue Zeitschrift für Verwaltungsrecht) ist so etwas wie ein Tabernakel des Öffentlichen Rechts. Natürlich erscheinen die juristischen Zeitschriften alle auch digital, aber als ich dort von meiner unverhofften Veröffentlichung erfahren habe, war ich so stolz, dass ich extra in die Bibliothek gefahren bin und mir vom analogen Heft eine Kopie gemacht habe (Az. 4 M 540/25 OVG – NVwZ 2025, 2038).

20 Jahre Schachblätter

Was passiert mit unseren Blogs, wenn wir aufhören zu bloggen? Bleiben sie als digitale Ruine stehen? Bringen wir sie zum Recyclinghof? Gibt es so etwas wie ein Museum für stillgelegte Blogs? Oder ein Archiv?

Im vergangenen Jahr ist mein Schachblog 20 Jahre alt geworden. Es hat seine besten Zeiten längst hinter sich: regelmäßige Einträge, eine lebhafte Community in den Kommentaren, Wahrnehmung in der Schachszene. Alles ist ein bisschen eingeschlafen. Daran ist nichts verkehrt. Schach spielt eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben, aber mein Interesse daran wandelt sich mit den Jahren.

Über diese Fragen habe ich lange nachgedacht und die Antwort am Ende aufgeschoben. Es ist nicht so einfach, Dinge wegzuwerfen, Sachen hinter sich zu lassen, nicht eitel zu sein. Aber ich habe das Blog gründlich aufgeräumt: 90 Prozent der Einträge gelöscht, Artikel überarbeitet und zusammengefasst, Fehler berichtigt, tote Links entfernt, so etwas. Behalten habe ich die Sachen, die vielleicht einmal archiviert werden könnten. Dabei haben mir die Konzepte zum Digital Garden geholfen.

Seit langer Zeit ist mein Schachblog wieder so klein geworden, dass ich es mir vollständig durchlesen kann. Das ist ein schönes Gefühl. Jetzt kann ich weiterschreiben.

Herman van Veen

Am 4. Oktober 1989 waren A. und ich in der Werner-Seelenbinder-Halle bei Herman van Veen. Ich erinnere mich daran, dass ich einmal stundenlang vor der Halle nach Karten angestanden hatte, ich meine, es war für dieses Konzert, aber ich weiß es nicht mehr genau. Es war eine komische Zeit. Jeder wusste, dass es nicht so bleiben würde, wie es war, aber niemand wusste, was kommen sollte. In vier Wochen begannen für uns 18 Monate Nationale Volksarmee, das stand fest. Komm wieder, riefen die Leute im Publikum, und Herman van Veen sagte, dies sei das letzte Mal, er habe keine Lust mehr, immer in die DDR zu kommen, im nächsten Jahr sollten wir ihn in den Niederlanden besuchen, wir seien alle eingeladen. Damit konnte niemand etwas anfangen. Als wir auf dem Rückweg vom Konzert aus der U-Bahn kamen, rollten Panzer durch die Straßen. Ihre Ketten waren schon auf dem Bahnsteig unter der Erde zu hören gewesen. Sie übten für die Militärparade am Geburtstag der Republik.

Seitdem hatten A. und ich Herman van Veen nicht mehr gesehen. Wir sind 1990 nicht zu ihm gefahren. Wir haben ihn ein bisschen aus den Augen verloren. Vor ein paar Tagen war er in Neubrandenburg. Wir hatten Karten für die 1. Reihe und ein Plakat dabei.