The Cure spielen auf der Parkbühne Wuhlheide. Die Parkbühne ist eine Art ostdeutsche Waldbühne und liegt gleich hinter der Pioniereisenbahn und dem Pionierpalast, die jetzt anders heißen. Wir haben sündhaft teure Tickets Front of Stage und um diesen Vorteil richtig auszunutzen, müssen wir sehr früh da sein, um sehr weit vorn vor der Bühne zu stehen und dann sehr lange zu warten, bis das Konzert endlich anfängt. Es gibt zwei Vorbands. Ich bin kein großer Freund von Vorbands, die auf der großen Musikanlage schlecht abgemischt werden und das Publikum müde spielen. Ich weiß, das ist ungerecht, aber der stupide Bass von Just Mustard ist so laut, dass ich ihn in meinen Eingeweiden spüre — das ist kein schönes Gefühl. Danach kommen The Twilight Sad (mit einem melodischen Bass) und nach drei Stunden Stehen kommen endlich The Cure auf die Bühne. Robert Smith hat abgenommen, macht einen fitten Eindruck und ist gut bei Stimme. Das Keyboard des verstorbenen Perry Bamonte steht an seinem Platz und bleibt unberührt. Simon Gallup ist krank geworden, dafür spielt sein Sohn heute Bass. Wir raten, womit sie anfangen werden, ich tippe auf Plainsong, und so kommt es auch. Etwa bei Burn geht mein Kreislauf in den Keller, bei Play for Today kommt er langsam wieder zurück. Irgendwann höre ich auf, meine Beine zu spüren. Ich denke an die Krankengymnastik und versuche, meine Übungen zu machen: die untere Lendenwirbelsäule stabilisieren, das Becken nach vorn kippen, den kurzen Fuß machen, die Hüfte kreisen. Um mich herum tanzen die Leute, ich falle also nicht weiter auf, wenn ich mich hin und her wiege. Boys Don’t Cry, ich weiß, ich weiß.
Schlagwort: The Cure
Neue Musik 2024
Das sind die im Jahr 2024 erschienenen Platten, die ich mir im letzten Jahr gekauft habe. Wenn es nach deren Anzahl geht, war 2024 ein gutes Jahr für neue Musik.

1. The Smile: Wall of Eyes
Das kam überraschend. Die Hälfte von Radiohead und ein Jazz-Drummer spielen leicht entrückte, progressive Stücke mit Sogwirkung. Kannte ich noch nicht, ein guter Jahresanfang.
2. Klez.e: Erregung
Im Grunde ist es The Cure in deutscher Sprache, das ist keine schlechte Idee, sondern eine Verbeugung.
3. Khruangbin: A La Sala
Ein Bass, ein Schlagzeug und eine elektrische Gitarre, die mit der Sicherheit eines Schlafwandlers über eine halb-ausgeleuchtete Bühne spazieren. Das Album klingt so sehr nach Khruangbin wie kein anderes, sie haben alles weggelassen, was nicht unbedingt nötig ist.
4. Dina Ögon: Orion
Dieselbe Besetzung wie Khruangbin zuzüglich einer Jazzsängerin, die Nummern 3 und 4 dieser Liste haben eine Menge miteinander zu tun. Skandinavischer Soul aus Stockholm, sehr warm, sehr tröstend.
5. Sean Ono Lennon: Asterisms
Ein gewaltiges instrumentales Fusions-Album, schwer zu beschreiben, sehr kosmisch. Miles Davis klingt manchmal durch, Lennon spielt eine schwere Gitarre dazu. Schon mit dem Claypool Lennon Delirium hat sich Sean Lennon weit von allen Erwartungen entfernt, ich mag das. Exzellente Musiker und eine klare Produktion, die Platte klingt phantastisch. Große Empfehlung.
6. Ringo Starr: Crooked Boy
Die nächste EP von Ringo, die ich als Komplettist natürlich kaufen musste. Dieses Mal hat er alles in die goldenen Hände von Linda Perry gelegt. Sie hat alle Songs geschrieben und produziert, was der Platte gut bekommt. Nach meinem Gefühl ist auch das Autotune heruntergefahren worden, Ringos Stimme klingt wieder etwas unsauberer, was mir gefällt. Im Januar kommt sein Country-Album, mehr davon dann in einem Jahr an dieser Stelle.
7. Crowded House: Gravity Stairs
In den Neunzigerjahren war ich noch nicht bereit für diese Band, aber seit einigen Jahren bin ich es. Das Plattencover mit Revolver-Referenz ist eine mutige Ansage, aber wenn das jemand machen darf, dann jemand mit solchen Harmonien.
8. Element of Crime: Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin
Der Soundtrack zum Film, für den ich mit A. extra nach Rostock gefahren bin. Ich hatte noch nie erlebt, dass im Kino mitgesungen wird, aber es hat mich überhaupt nicht gestört.
9. The Lemon Twigs: A Dream Is All We Know
Die Band der Stunde. Klar, alle reden über Golden Years, aber ist euch schon aufgefallen, dass Rock On (Over and Over) auch eine Wings-Nummer von 1972 sein könnte?
10. Cigarettes After Sex: X’s
Eine der Bands, die ich vor einiger Zeit im Radio gehört und anschließend in der Playlist des Senders nachgeschlagen habe. Als dann in diesem Jahr dort Tejano Blue lief, wusste ich schon Bescheid.
11. The Cure: Songs of a Lost World
Das Wunder ist ja nicht, dass nach 16 Jahren ein neues Album von The Cure erschienen ist. Das Wunder ist, dass sich das Warten gelohnt hat. Aber eigentlich machte ich mir deswegen keine Sorgen, nachdem sie Alone und Endsong schon auf dem Konzert gespielt hatten. Mein erstes wirklich wahrgenommenes Album war Disintegration, auf Kassette, im Walkman. Songs of a Lost World schließen da an. Kein Problem, wenn es dabei bleiben würde.
12. The Smile: Cutouts
Das zweite Album klingt nach den Sessions zu Nummer 1 der Liste, sehr improvisiert und wild.
13. Beth Gibbons: Lives Outgrown
Die nächste Überraschung des Jahres: Beth Gibbons macht noch ein Album, das man jederzeit auflegen kann. Wunderschön und ein paar Spuren führen zurück zu Portishead.
14. Leif Vollebekk: Revelation
Ich höre schon so lange Leif Vollebekk. Sein Publikum wächst und seine Musik auch. Die Platte gibt der Musik den Raum, den sie braucht. Das ist alles ein großes Glück. Lieblingslied: Sunset Boulevard Expedition.
15. Father John Misty: Mahashmashana
Noch mehr große Musik. Ich höre Harry Nilsson und George Harrison und noch viele andere Sachen.
Nach über zwei Stunden mit mostly schwerer Kost kam Robert Smith noch einmal auf die Bühne, sagte
Here is a handful that’s gonna send you home happy
und verwandelte The Cure für sieben Songs zurück in eine Popband aus den achtziger Jahren. Ich habe selten ein so entspanntes, fröhliches, glückliches Konzertpublikum erlebt wie gestern Abend. Um halb zwölf schlichen wir müde aus der riesigen Halle.