The Cure spielen auf der Parkbühne Wuhlheide. Die Parkbühne ist eine Art ostdeutsche Waldbühne und liegt gleich hinter der Pioniereisenbahn und dem Pionierpalast, die jetzt anders heißen. Wir haben sündhaft teure Tickets Front of Stage und um diesen Vorteil richtig auszunutzen, müssen wir sehr früh da sein, um sehr weit vorn vor der Bühne zu stehen und dann sehr lange zu warten, bis das Konzert endlich anfängt. Es gibt zwei Vorbands. Ich bin kein großer Freund von Vorbands, die auf der großen Musikanlage schlecht abgemischt werden und das Publikum müde spielen. Ich weiß, das ist ungerecht, aber der stupide Bass von Just Mustard ist so laut, dass ich ihn in meinen Eingeweiden spüre — das ist kein schönes Gefühl. Danach kommen The Twilight Sad (mit einem melodischen Bass) und nach drei Stunden Stehen kommen endlich The Cure auf die Bühne. Robert Smith hat abgenommen, macht einen fitten Eindruck und ist gut bei Stimme. Das Keyboard des verstorbenen Perry Bamonte steht an seinem Platz und bleibt unberührt. Simon Gallup ist krank geworden, dafür spielt sein Sohn heute Bass. Wir raten, womit sie anfangen werden, ich tippe auf Plainsong, und so kommt es auch. Etwa bei Burn geht mein Kreislauf in den Keller, bei Play for Today kommt er langsam wieder zurück. Irgendwann höre ich auf, meine Beine zu spüren. Ich denke an die Krankengymnastik und versuche, meine Übungen zu machen: die untere Lendenwirbelsäule stabilisieren, das Becken nach vorn kippen, den kurzen Fuß machen, die Hüfte kreisen. Um mich herum tanzen die Leute, ich falle also nicht weiter auf, wenn ich mich hin und her wiege. Boys Don’t Cry, ich weiß, ich weiß.
Schlagwort: Musik
On a cold December evening
I was walking through the Christmas tide
When a stranger came up and asked me
If I’d heard John Lennon had died
Paul Simon ist ein Zeitreisender, ein Botschafter aus der Vergangenheit, ein kleiner Junge aus Queens, der seit 70 Jahren Musik macht. Bei seinem Konzert in Berlin durfte nicht fotografiert und gefilmt werden, was sehr angenehm war. Auf einmal konnten alle die Bühne sehen, anstatt die hochgereckten Bildschirme aus den Reihen vor ihnen. Auf einmal hörten alle den Songs zu. Insgesamt standen zwölf Menschen vor uns, die mit der Sicherheit von Schlafwandlern eine warme und tröstende Musik in den Saal ausgossen. Nicht viele Noten, aber jede Note war am richtigen Ort. Allen war klar, dass sich hier jemand verabschieden wollte.
On the Beach
Ich hatte mich auf das Morrissey-Konzert gewissenhaft vorbereitet. Ich hatte einen Streamingdienst abonniert, die Setlist seiner laufenden Tour nachgeschlagen, und aus den in Betracht kommenden Stücken eine Playlist zusammengestellt, die ich wochenlang gehört hatte. Wir waren rechtzeitig an der Halle, wir waren in der Schlange weit vorn, als der Einlass begann, wir warteten über zwei Stunden vor der Bühne, bis das Konzert endlich anfing, wir standen weit vorn, in der fünften Reihe, dort, wo die Leute jeden Song mitsingen, wo die Leute die ganze Europatour mitreisen und nicht nur zu einem Konzert nach Berlin, man muss schon textsicher sein, wenn man dort nicht auffallen möchte.
Auf jedem Morrissey-Konzert läuft natürlich Everyday Is Like Sunday. Bei meiner Vorbereitung war ich auf den Hinweis gestoßen, dass der seltsame und bedrückende Songtext auf den Roman On the Beach von Nevil Shute zurückgeht. Also habe ich das Buch gelesen. Es ist eine apokalyptische Science-Fiction-Geschichte von 1957, und ja: Das Buch ist bedrückend wie nur irgendetwas. Nach einem Atomkrieg auf der Nordhalbkugel warten die Leute in Melbourne darauf, dass der nukleare Fallout bei ihnen ankommt. Melbourne ist die südlichste Großstadt der Welt, die Geschichte dauert mehrere Monate lang und sie unternimmt währenddessen noch nicht einmal den Versuch, so etwas wie Hoffnung zu erzeugen. Es gibt zwar eine U-Boot-Expedition nach Norden, doch diese kann auch nur die vollständige Zerstörung der menschlichen Zivilisation dokumentieren. Es ist bewegend, den Leuten dabei zuzusehen, wie sie bei all dieser Aussicht ihre Würde bewahren, indem sie ihr Leben fortsetzen, ihren Garten bestellen, eine Ausbildung anfangen, militärische Protokolle befolgen, segeln, trinken, Autorennen fahren, fischen gehen, bei ihrer Familie bleiben, sich unterstützen, sich lieben, aufrichtig bleiben. So einfach ist das.
And a strange dust lands on your hands
And on your face
Jetzt weiß ich, welchen Staub der Text meint.
Ich glaube, Morrissey hatte an diesem Abend keine große Lust auf den Song, auf den alle gewartet hatten. Er sang
Everyday is like Sunday
Tell me quando, quando, quando
und ließ meine Vorbereitung ins Leere laufen. Aber während ich das schreibe, merke ich, dass die Frage Bedeutung hat.