Nach Lubmin

Die Bahnstrecke von Greifswald nach Lubmin gibt es nur wegen des Kernkraftwerks. Die Eisenbahn war die einzige Möglichkeit, die tausenden Arbeiter zum Werk zu befördern, das bis zu seinem Ende auch eine Großbaustelle geblieben war. Die Züge zum Schichtwechsel waren die längsten Personenzüge in der DDR. Sie transportierten bis zu 1500 Fahrgäste auf einmal. Die Größe der Züge ist bis heute an den überlangen Bahnsteigen an der Strecke zu erkennen. Der Bahnsteig im Greifswalder Bahnhof reichte früher durch ein ganzes Stadtviertel.

Im Februar 1979 schneite das Kernkraftwerk zusammen mit der diensthabenden Nachtschicht ein. Es war in diesem Winter das einzige Kraftwerk der DDR, das ununterbrochen arbeitete. Es dauerte mehrere Tage, bis die Eisenbahnlinie geräumt und wieder in Betrieb genommen werden konnte. Im Krankenhaus lag ich einmal zusammen mit einem Mann auf dem Zimmer, dessen Aufgabe es damals war, mit seiner Brigade einen geräumten Streckenabschnitt von Schnee freizuhalten. Dazu legten sie Feuer neben den Gleisen an, die Tag und Nacht brannten. Als er mir das erzählte, stand er in seiner Erinnerung wieder an der Strecke. Es war das größte Abenteuer seines Lebens, glaube ich.

1990 wurde das Kraftwerk abgeschaltet und seit 1995 wird es abgebaut. Das Bauen eines Kernkraftwerks geht viel schneller als das Abbauen. 1999 wurde die Bahnstrecke stillgelegt.

In diesem Sommer gab es einen Probebetrieb auf der Strecke. Das Land prüft die Wiedereröffnung der Linie und wollte den tatsächlichen Bedarf dafür prüfen. An den sieben Ferienwochenenden fuhr alle zwei Stunden ein kleiner Zug hin und her. Wir haben ihn mehrmals genutzt. Lubmin ist ein schöner Badeort am Greifswalder Bodden und von dort aus eröffnen sich mit dem Fahrrad neue Wege nach Freest und Kröslin und von dort mit der Fähre weiter nach Peenemünde und Usedom. Ohne ein Auto ist man darauf angewiesen, dass es öffentliche Verkehrsmittel gibt, so einfach ist das.

Die Züge wurden gut genutzt. Allein die Trainspotter und Eisenbahnfreunde, die aus ganz Deutschland gekommen waren, sorgten für einen soliden Grundumsatz. Diese Szene ist erstaunlich groß. Es gab keine Abfahrt, die nicht gefilmt wurde. Die Stimmung in der Bahn war sehr positiv. Es war ein schönes Gefühl, zusammen in einer Bahn zu sitzen, die die Leute nach einem Badetag zurück in die Stadt fuhr. Hoffentlich geht es im nächsten Sommer weiter.

Schreibe einen Kommentar