Schlagwort: Schweden

In der Muckibude ein hagerer schwarzer Junge, wahrscheinlich aus Somalia oder Eritrea. Er geht die Geräte von vorn nach hinten durch und steht jetzt etwas ratlos vor einer Macker-Maschine, mit der man dafür sorgen kann, dass die Oberarme nicht mehr in ein normales T-Shirt passen. Der Junge fragt mich, ob ich wisse, wie das Ding funktioniert. Ich weiß es nicht und wir versuchen zusammen, der Mechanik auf den Grund zu gehen (offenbar muss man die beiden Hebel nach vorn drücken, so wie die Riemen zu den Gewichten laufen, aber in welcher Richtung sitzt man eigentlich?). Wir kommen nicht weiter, er verabschiedet sich und sagt im Weggehen halblaut tack. Er muss aus Schweden sein, so wie er diese Floskel internalisiert hat. Die Schweden bedanken sich andauernd. Integration erfolgreich abgeschlossen.

Nach Malmö

Gute Nachrichten für die Freunde der Olsenbande: Das gelbe Stellwerk aus Olsenbanden på Sporet wurde vor dem Abbruch gerettet und hat einen neuen Platz im Eisenbahnmuseum in Gedser gefunden. In Gedser gibt es keine Eisenbahn mehr, aber Eisenbahnfreunde. Es gibt Grenzkontrollen bei der Einreise (auch nach Schweden), aber die Grenzbeamten interessieren sich glücklicherweise nicht besonders für deutsche Staatsangehörige und den fehlenden Ausweis unseres Mitfahrers. Auf den Pylonen der Brücke nach Farø stehen zwei beleuchtete Weihnachtsbäume. Überhaupt lässt sich aus skandinavischen Fahnenstangen in den Vorgärten viel Weihnachtsdekoration bauen.

Der kürzeste Tag des Jahres ist grau und neblig. Von der Øresundsbron aus ist Malmö nicht zu sehen und von Malmö aus nicht die Brücke. Später ein Stück blauer Himmel genau über uns, aber die Sonne steht dafür im Dezember schon viel zu tief. Die Fackeln auf dem kleinen Weihnachtsmarkt auf Gustavs Adolfs torg sind nicht mehr da und (wahrscheinlich miljösmart durch LED-beleuchtete Wildtiere ersetzt worden. Wir gehen in den besten Plattenladen der Welt (soweit ich die Welt kenne) und in den Zeitschriftenladen neben dem Theater und danach für heißen Tee im Bauch in ein nerdiges Café am Davidstorg, von dem ich mal gelesen hatte, dass dort das Szeneviertel war. Stammgäste dürfe dort ich eigenen Kaffeetassen mitbringen und neben die Kasse hängen. Zum Schluss gehen wir in den ICA am Westhafen, der seinen alten Eingang verlegt hat, was definitiv kein Gewinn für diese Stadt ist.

Wir kommen pünktlich wieder in Gedser an, um 21 Uhr geht die Fähre, um 23 Uhr sind wir in Rostock und um 24 Uhr im Bett: so der Plan. Aber Scandlines hat es sich in den Kopf gesetzt, ihre beiden Schiffe miljösmart durch Neubauten zu ersetzen und das neue Schiff hat some technical issues und zwei Stunden Verspätung und kommt dann gar nicht und das nächste Schiff fährt auch erst eine Stunde verspätet um dreiviertel eins. Wir stehen vier Stunden im Auto im europäischen Niemandsland, was früher Transitbereich war und vielleicht bald wieder sein wird. Es ist kalt, windig, dunkel und es regnet. Das Schiff ist dann voller Wanderarbeiter aus Osteuropa. Driving home for christmas.

Auf der Autobahn läuft Element of Crime und E. singt mit und ich auch ein bisschen, um nicht einzuschlafen.

Was nicht so schön war vergessen und sich merken, was schön war.

Sveg

Wenn du stundenlang durch den Wald fährst, kommt dir jede Siedlung, die mehr als eine Tankstelle hat, wie eine Großstadt vor. So in etwa geht es mir mit Sveg, das am berühmten Inlandsväg 45 durch Schweden liegt.

Sveg hat zweieinhalbtausend Einwohner, drei Tankstellen und wahrscheinlich gibt es im Umkreis von hundert Kilometern trotzdem keine Ortschaft, die größer wäre. Die Stadt liegt an einer Weggabelung – in Richtung Westen geht es ins Gebirge und nach Norwegen, in Richtung Süden kommt man zurück nach Dalarna und an den Siljansee, in Richtung Osten fährt man nach Hudiksvall an die Ostsee und in Richtung Norden geht es nach Norden.

Es gibt also gute Gründe, in Sveg anzuhalten. Die Stadt liegt wunderschön an einem Flusstal, ein paar kleine Straßen mit Holzhäusern, Restaurants, Läden und einem Hotel: wie eine Westernstadt. Deadwood könnte hier spielen oder David Lynchs Twin Peaks. Im Zentrum haben die Leute einen riesigen Bären aus Holz aufgestellt, der nicht zu übersehen ist. Am Stadtrand gibt es eine schmale Eisenbahnbrücke, auf der auch Autos fahren dürfen. Der Zug kommt nur im Sommer und auch nur zweimal am Tag.

Der beste Grund um in Sveg anzuhalten, ist aber das Volkshaus gleich neben dem ICA-Supermarkt am Ortseingang. Nicht wegen der Gaststätte darin, die ziemlich verdächtig aussieht und auch nicht wegen des Ausverkaufs für Textilien, der nun schon mehrere Jahre lang andauert. Wir halten dort immer wegen der wunderbaren Holzreliefs von Thord Vaktnäs, die etwas lieblos im Hausflur an den Wänden hängen. Die Bilder sind ergreifend. Falls ihr mal durch Sveg kommt: Macht eine Pause und seht sie euch an. Den Bären natürlich auch.