Schlagwort: Peenemünde

Über Usedom

Die neue Seebrücke in Koserow erinnert mich an die Brücke im Hafen von Hasle, der Wald nördlich von Trassenheide sieht fast so aus wie der Wald in Sømarken und der Weg nach Karlshagen hinein ist nicht viel anders als die Einfahrt nach Snogebæk, sogar die Himmelsrichtung stimmt in etwa. Bornholm ist nicht weit weg.

Die Sonne scheint schon wie im Frühling, aber der Ostwind kommt kalt über das Meer. Er schiebt unsere Fahrräder vorwärts und macht unsere Hände klamm. Anfang März und die Insel ist voller Menschen.

In Karlshagen steht eine alte Telefonzelle mit einem öffentlichen Bücherregal. Wer etwas herausnimmt, soll zuvor etwas hineinstellen. Ich habe Sorge, dass mir auf der Rückfahrt die Lektüre ausgehen könnte und nehme mir daher ein Buch mit, ohne mich an die Regel zu halten. Ist das Gleichgewicht wieder hergestellt, wenn ich ersatzweise etwas in den Bücherbaum zu Hause stelle, ohne etwas herauszunehmen, oder muss ich dafür noch einmal nach Karlshagen fahren?

Jede Reise muss ein Ziel haben. In Peenemünde geht es nicht weiter, das ist perfekt. Ich mache ein Video von der einfahrenden Bahn, wie so ein Trainspotter.

Kraftwerk, Wunderwaffe, Mülltrennung.

Der Peenestrom vom Hafen Peenemünde aus gesehen.

Die kurze Spanne

Über The Great Span gelesen: direkte Verbindungen durch einzelne Menschen über große Zeitspannen hinweg. Menschen wie der 96-jährige Samuel Seymour, der 1956 in einer Fernsehshow erzählte, wie er als kleines Kind Zeuge des Attentats auf Abraham Lincoln wurde. Oder der Lehrer, der Scott Hühnercrisp erzählte, dass er als kleiner Junge einen alten Mann getroffen hatte, der wiederum als Kind bei Johannes Brahms zum Abendessen eingeladen gewesen war.

Mein Moment fand statt, als ich mit H. und H. das Kraftwerk in Peenemünde besuchte und am Ende der Ausstellung auf einer Tafel las, dass das Kraftwerk noch bis Ende März 1990 Strom produziert hatte. Die Fabrik, die eigentlich die Energie für den Bau der Wunderwaffe hatte liefern sollen, sorgte also am Ende für den Betrieb des kleinen Schwarzweißfernsehers, mit dessen Hilfe ich mich in den Nächten in der Telefonzentrale der 1. Flottille wachhielt. Schon damals war das Kraftwerk eine Mischung aus Bauruine und Museum, es war ein Wunder, dass das Ding überhaupt so lange in Gang gehalten werden konnte. Ich wusste nichts über Peenemünde, merkte ich, ich fuhr monatelang am Gerippe der Sauerstofffabrik vorbei, wenn es zurück in die Kaserne ging, jenseits der Mauer sah ich auf das alte Kraftwerk, im Wald standen die Flieger, alles war voller Geschichte, aber ich wusste nichts davon und es spielte keine Rolle.

Aber das ist nicht The Great Span. Es ist das Gegenteil. Ich bin jetzt weiter weg von 1990, als ich bei meiner Geburt vom Zweiten Weltkrieg entfernt war. Meine Mutter wurde im Krieg geboren, mein Vater kurz danach. Ich dachte immer, das sei alles sehr lange her, ein Fall für die Geschichtsbücher, für alte Filme, abgeschlossen, vorbei, dabei war seitdem kaum Zeit vergangen.