Kategorie: Weblog

Zwei Gespräche

Ich kenne ihn vier Jahre. Ich weiß nicht, wie er heißt. Er sitzt wie jeden Tag auf einer Bank in der Stadt, grüßt und winkt mich heran.

– Hast du mal zwei Euro für Zigaretten?
– Geld schon wieder alle?
– Das Geld hat alles mein Betreuer. Ich krieg doch nur einmal die Woche Taschengeld.

Ich krame Geld aus dem Portemonnaie.

– Hey, du hast ja einen Bart.
– Die kümmern sich nicht um mich. Ich bin jetzt in L. im Haus der Hoffnung, das Heim von P. war dem Sozialamt zu teuer. Das ist ein Alkoholikerheim, weißt du, ich gehöre da nicht hin. Ich bin doch kein Alkoholiker.
– Aber setz dir eine Mütze auf bei dieser Hitze.
– Erstmal eine Mütze haben.

–––

Ich denke an U. zurück, den ich mal fragte, warum er dem Schnorrer etwas gebe, er kaufe doch nur Alkohol von dem Geld, oder Hundefutter, für den Hund sei wohl Geld da, er könne sich ja beim Amt melden, es müsse doch niemand hungern und frieren in diesem Land, die ganze Leier.

– Weil es Glück bringt. Ich gebe Bettlern immer etwas.

Auf dem Wall

Nächtlicher Spaziergang über den Wall. Wir hören dem Schnee beim Fallen zu, der alles bedeckt und der die Stadt aus der Zeit wirft. Wir passieren das alte Lyzeum, die alten Institute, die alte Universitätsbibliothek, die alte Augenklinik, den alten Gefängnishof, dahinter ragt der Dom in den Himmel. Der Winterdienst wird erst in ein paar Stunden kommen, mit dem Schneepflug und den abstumpfenden Streumitteln. Das ist unsere Stunde. Wir laufen durch die helle weiße Nacht und reden über die Dinge, die wir gemacht haben, die wir machen wollen, die liegengeblieben sind, die wir dann doch nicht machen werden, oder doch, oder doch nicht. Die erste Spur im jungen Schnee.

Eine Familiengeschichte

Die erste Erinnerung an Alexander Neroslow ist das Bild von den Fischern, das im Schlafzimmer von Oma Wieck hing.

Tante Valeska wohnte in der Liviastraße in Leipzig, direkt am Rosental. Eine Etage über ihr wohnte der Herr Hohl, der Schlagzeuger von Renft, was ich damals sehr aufregend fand, genauso wie die Nietzschebücher in Valeskas Wohnzimmer. Die Wohnung hatte hohe Decken, war riesig und im Winter kaum zu heizen. An den Wänden waren die Bilder von ihrem Mann Sascha. Valeska liebte Blumen und er hatte ihr viele gemalt.

Valeska und Alexander hatten sich in Wieck auf dem Darß kennengelernt. Deshalb kam das Bild von den Fischern zu meiner Oma.

Es ist ein komisches Gefühl, in einer Ausstellung ein Bild zu sehen, das sonst in meiner Wohnung hängt. Es sind schöne Bilder: Sachsen, der Darß, die Kurische Nehrung, Porträts. Und Blumen.

Alexander Neroslow, Ein Träumer im Leben wie im Schaffen, Vineta-Museum Barth, noch bis zum 26. Mai 2013