Kategorie: Weblog

Im Juni, Verluste

Auf dem Hof ist eine Katze, hungrig und scheu. Sie sieht mich an, aber als ich einen Schritt in ihre Richtung mache, verschwindet sie sofort auf die Straße unter ein Auto. Ich erinnere mich an einen Aushang »Katze entlaufen!« auf meinem Heimweg und gehe zurück. Das Fell, das Alter, der Charakter, es könnte hinkommen. Und in sechs Wochen kann so ein Tier sicher abmagern. Ob die Katze »infolge eines Kampfes« einen abgeknickten Schwanz hat? Ich weiß es nicht und rufe an. »Der Dicke« sei schon nach drei Tagen wieder nach Hause gekommen. Trotzdem danke. Es ist eine andere Katze, die unter dem Auto sitzt.

Vom Leben in der Provinz. Meine Freunde ziehen nach und nach weg. Berlin, Hannover, Gütersloh, Schwerin. Ich bin die ganze Zeit nur hiergeblieben. Schwerin ist auch Provinz. Gütersloh bestimmt auch. Hannover auch. Aber liegt wenigstens in der Mitte und nicht so am Rand der Welt.

Der Mann von der Autowerkstatt hat in einem Renault-Forum herausgefunden, warum das Auto an warmen Tagen so schlecht anspringt. Ein Serienfehler beim Kangoo. Das Steuerungsteil, Scheiß Elektronik. Koste neu mehr als das ganze Auto. Es gebe eine Firma da unten in Bayern, die sich darauf spezialisiert habe und das löten könne. Er schickt das Teil ein und es dauert drei Wochen, wegen der Flut. Zwischenzeitlich beschäftige ich mich sicherheitshalber mit dem öffentlichen Personennahverkehr im westlichen Värmland. Als ich das Auto schließlich wieder abhole, guckt der Mann von der Autowerkstatt sehr ernst. Es fährt wieder, aber im nächsten Jahr werde es schwierig mit dem TÜV und dem rostigen Unterboden.

Hubschrauber, Mannschaftswagen, Straßensperren, die Bundeswehr rückt aus, um den Deich zu halten, sich gegen die Fluten zu stemmen. Frontberichterstattung. Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Sandsäcke.

Gespräch mit E. in seinem Garten. Er sei immer Nichtwähler gewesen, solange er politisch gearbeitet habe. Als er damit aufgehört habe, sei er zur Wahl gegangen, um wenigstens etwas zu machen, aus einer Art Pflichtgefühl heraus. Jetzt, da er wieder politisch aktiver sei, müsse er auch nicht mehr wählen gehen. Erneut mein vollkommenes Unvermögen, ein Parteisoldat zu sein.

Rhabarber ist das einzige einheimische Gemüse der Färöer. Anders als der kontinentale Rhabarber enthält er keine Oxalsäure.

Darf man einem Auto einen Namen geben?

Beim Schachspielen fotografiert werden, den Kopf in beiden Händen, der Haarausfall nimmt zu über die Jahre.

Für entlaufene Tiere gibt es noch gar keine Social-Media-Anwendung.

In der Luft

Nach dem Abpfiff kehren die Möwen ins Stadion heim. Bis zum Hafen sind es 15 Minuten, vier Stunden über das Meer.

Erst kommt das Netz zurück, dann kommt das Land in Sicht, die Straßenlaternen von Sassnitz. Das Schiff entleert sich auf das Fahrzeugdeck. Der einzige Fußpassagier wartet, bis die Gangway heranschwebt und andockt. Das Terminal ist menschenleer.

In der Dunkelheit trägt der Äther die Radiowellen meilenweit. Das wäre eine Nacht für die Mittelwelle gewesen. Währenddessen färbt sich der Himmel hellblau-grau.

Trelleborg IV

An diesem Sonntagmorgen sind die Straßen zum Hafen noch menschenleer und der pommersche Himmel weit. In Trelleborg laufen wir bis Övre und fahren mit der 146 weiter nach Malmö. Essen im Vegegården, Hamrelius bokhandel in der Södergatan, Lilla Torget, Stortorget, ein Blick auf den Westhafen und dann zurück.

Die Euphorie vor einem Spiel. Alles ist möglich, heute kann es sich wenden, in der Tabelle ist noch alles dicht beieinander, nur endlich ein Erfolgserlebnis, den Hebel umlegen, den Bock umstoßen, eine Serie beginnen, die uns zurückführt bis in den Europapokal. Ich träume mir den Bus voller Fans, die Straße zum Vångavallen voller Menschen – Inget stoppar Trelleborg!

Neben uns ein alter Mann, der die Vereinshymne stehend mitsingt.

In der Halbzeit frage ich in der Geschäftsstelle nach einem Pin. Sie durchwühlen vergeblich ein paar Kartons und schenken mir dann ein Autotrikot, so etwas, das an der Scheibe klebt. An der Wand hängt das gerahmte Plakat vom Spiel gegen Blackburn Rovers. UEFA-Pokal 1994. Jeder Verein hat so ein Spiel.

Nach dem Schlusspfiff leert sich das Stadion binnen zwei Minuten. Als müsse man nicht Abschied nehmen von so einer Partie.

Die Ostsee riecht hier nach Tang.

In der Nacht fahren wir zurück auf den Kontinent, in der Dunkelheit über das Meer, ein Niemandsland im Halbschlaf, in between. Zu Hause singen schon die Vögel.