Im März

Das Erregungspotential von Fukushima ist endlich. Die Aufmerksamkeit nimmt ab, je länger der Unfall andauert und je mehr radioaktive Stoffe aus der Anlage austreten. Die Sender nehmen die Comedy-Shows wieder ins Programm, die Sondersendungen haben aufgehört, die Experten alles gesagt, die Bilder wiederholen sich. Das Thema rutscht auf den Seiten nach unten und schließlich ist inzwischen auch das iPad 2 erschienen. Die Mahnwachen werden kleiner. Euphorisierte Wahlpartys, auf denen niemand ausspricht, dass »Japan geholfen hat«. Parteistrategen im Moment der Kernschmelze. Manchmal der Gedanke, warum nicht längst eine Weltregierung das Kraftwerk übernommen hat. Stattdessen Kapitalverwertung auch in der Katastrophe. Tepco verhandelt über Notkredite.

Ich habe einen Kettenbrief bekommen. Eine Mail mit einem Anhang in Powerpoint. Wie wir die Preistreiber von den Mineralölkonzernen stoppen können. Wir sollten zwei Tankstellenketten boykottieren, dann müssten diese beiden die Preise senken und die anderen nachziehen. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas noch gibt. Als ich Kind war, gab es Kettenbriefe, man sollte zehn Postkarten verschicken oder fünf Briefe mit einer Mark. Es hieß, dass das verboten war, so wie die Hakenkreuze auf dem metallenen Schulhofzaun, aber vielleicht war es auch nur ein Gerücht, wie die Gerüchte im Kindergarten über das plötzliche Ende von Meister Nadelöhr bei »Zu Besuch im Märchenland«. Die einen sagten, er habe »Krebs« und die anderen sagten, er sei »in den Westen« gegangen und ich wusste weder was das eine noch was das andere war.

Ob sie noch die alten Glühbirnen hätten. Sie hatten, sogar Hunderter gab es noch. Das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun, als ich einen Beutel voll mitnahm. Wie ein alter Mann, der sich nicht von einem Industriedenkmal mit einem jämmerlichen Wirkungsgrad verabschieden will. Der große Erfinder Thomas Edison. Der Energieerhaltungssatz.

In meiner Timeline sehe ich, dass der Mann vom Nebentisch in der Sushi-Bar auch twittert.

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