Blog

Per Olvmyr: Fünf Argumente, warum die Arktis erhalten werden sollte

1

Obwohl Eisbären auf schmelzenden Eisschollen immer weiter von der Arktis wegtreiben und immer mehr zu Peripherie in der arktischen Landschaft werden, gelten sie als richtig cool. Vor allem, wenn sie dunkle Sonnenbrillen tragen und einen Drink mit Schirmchen in der Tatze halten. Oder in Gestalt von niedlichen Plüschtieren, die man auf dem Rummel gewinnen kann, wenn man es schafft, mit fünf Luftgewehrschüssen dreimal die bewegliche Zielscheibe zu treffen. Im Internet gibt es auch jede Menge krasse Eisbärenbilder. Wenn man Polar bears are cool googelt, hat man über dreihunderttausend Treffer. Auf einem Foto liegt zum Beispiel ein Eisbär flach und ruht sich slackermäßig mit dem Kopf auf einer Schneewehe aus. Ein anderer Fotograf hat einen Eisbären in einem Bild gefangen, wie er einen Schneeball rollt. Und auf einem Foto posiert ein Eisbär mit einem großen gelben Schild, auf dem Save me steht. Dass Eisbären coole Wesen sind, die es weiterhin in ihrem krassen Habitat geben muss, steht außer Frage, wenn man darüber nachdenkt oder nach ihnen im Internet sucht.

2

Die Jagd nach fossilen Brennstoffen ist eine Schicksalsfrage für die Menschheit. Transnationale Unternehmen haben bedeutende wirtschaftliche Interessen in der Arktis und das Risiko, dass Konflikte entstehen, ist natürlich groß. Der steigende Wettbewerb um natürliche Rohstoffe hat auch zu Spannungen in der Region zwischen den Ölgesellschaften wie BP, Shell und Lundin Petroleum geführt. Bei vielen Gelegenheiten haben sich diese zu einer, am Anfang spielerischen, Schneeballschlacht zwischen verschiedenen Unternehmen entwickelt, die seitdem leider weiter eskaliert sind, oft infolge prachtvoller Treffer oder weil zufälligerweise kleine Steine und Schwermetalle in die arktischen Schneebälle gelangt sind. Angestellte haben erklärt, dass sie Angst hatten, auf dem Weg zur Arbeit eingeseift zu werden und manche berichten von Unfällen mit sadistischem Charakter, bei denen große Eisblöcke benutzt wurden. Das zunehmende Schneeballwerfen ist zu einem Arbeitsschutzproblem geworden, dem der Arktische Rat aktiv entgegenwirkt, unter anderem indem Carl Bildt gleich zu Beginn seiner Präsidentschaft alle Formen von Schneeballwerfen auf den Ascheplatz verbannt hat. Denn wenn es richtig schlecht läuft, kann so etwas zu einer Schneeballschlacht in großem Maßstab werden, bei dem unschuldige Menschen leiden. Aber trotzdem, am Ende wird der ganze Schnee weg sein. Der Arktische Rat hat deshalb einen Bericht geschrieben, in dem er feststellt, dass weiterhin Möglichkeiten für eine heilige Schneeballschlacht in kleinem Maßstab geschaffen werden müssen, ohne Einbeziehung von Schiedsrichtern oder unabhängigen Beobachtern, weil so ein Schneeballschlacht ja richtig cool ist.

3

Wenn ich das Wort Permafrost höre, denke ich sofort an coole Einhörner, die blitzschnell über ein lila Himmelsgewölbe fliegen. Ja, daran denke ich zuerst. Danach sehe ich eine Fantasyszene vor mir. So als ob ich Chronopia spiele und der Spielleiter mich fragt, ob ich bei dem epischen Abenteuer Auftrag: Permafrost mitmachen will. Ja, ich will. Ich schaffe einen Charakter: Yxvigg Nordanstjärna. Es scheint so, dass sich die ganze Geschichte in einer richtig kalten Umgebung abspielen wird, mit einer grandiosen Landschaft und Eistrollen mit Steinkeulen, gegen die man kämpfen muss. Ich kaufen mir deshalb extra viel Winterausrüstung, ein magisches Zweihandschwert und ein Kettenhemd. Dann beginnt das Abenteuer. Genau so ist das Wort Permafrost. Während PCB auf eine schlechte Weise gefährlich klingt. Wie ein alter Hustensaft, der seit Großmutters Zeiten im Medizinschrank steht.

4

Wenn sich auf der ganzen Welt die Durchschnittstemperaturen erhöhen, wird es immer schwieriger, Eisskulpturen zu machen. Das bereitet den Eisbildhauern Sorgen, die Eisskulpuren als einzige Einkommensquelle haben. Sie wissen nicht, was sie ohne Eis machen sollen. Ohne Eis bin ich nichts, sagen sie und breiten die Arme aus. Es braucht viel Zeit, um zum Holzbildhauer umzuschulen und viele landen stattdessen bei Komvux. Wenn die schwedische Regierung auch noch Komvux abschafft, bleiben die Eisbildhauer ganz ohne Arbeit und diejenigen, die ihr Fest vergolden oder ein Event mit etwas richtig Festlichem bereichern wollen, sind traurig. Nationalökonomen haben jedoch berechnet, dass die Gesellschaft gewinnt, wenn sie die Ausgrenzung durchbricht und das Eis in der Arktis erhält. Eisbildhauerei ist eine entspannte und kreative Aktivität, die einen schönen Teamgeist hervorbringt. Bei den Eis-Events, die die Arbeitsagentur organisiert, werden die Arbeitslosen in Kleingruppen aufgeteilt und arbeiten zusammen. Sie dürfen nur wenige Werkzeuge benutzen: Säge, Messer, Löffel, Spaten und Haartrockner. Es ist möglich, Eisskulpturen zu schaffen, die Jesus, Elche, Schwäne und sogar einen lächelnden Göran Hägglund darstellen. Nur die eigene Kreativität setzt hier Grenzen.

5

Wenn du wählen könntest, ein Walross oder ein Delfin zu sein, was würdest du nehmen? Natürlich Delfin, antworten alle. Doch sie denken nicht richtig nach. Die Leute träumen immer davon, dass sie Delfine wären. Aber es ist blöd, Delfine zu mögen. So vorhersehbar und New-Age-Mainstream. Eigentlich beruht dieses Bedürfnis nach Delfinen nur auf der Angst des Menschen vor Nähe und auf Bildungslücken über Walrosse. Nur so viel: Auf Lateinisch heißt Walross Odobenus rosmarus. Das klingt mächtig, wenn man es laut sagt. Wie der Name eines alten römischen Kaisers oder so was. Es klingt definitiv beeindruckender als Delphinidae, was wie eine exotische Krankheit klingt. Man kann richtig hören, wie jemand in der Aufnahme für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Kristianstad seufzt: Oh nein, ich habe Delphinidae! Wenn etwas die Arktis verteidigen sollte, setze ich auf die Walrosse. Sie haben so etwas wie einen eigenen Nachrichtendienst unter Wasser, sie kommunizieren heimlich mit Pfiffen und Klicklauten untereinander. Genau wie Delfine, gewiss, aber man glaubt, dass Walrosse da noch etwas am Herzen haben, auch wenn es bisher, im Unterschied zu Delfinen, niemand verstanden hat. Walrosse sind außerdem viel krasser als Delfine, weil a) Walrosse sowohl auf dem Land als auch im Wasser leben, b) sie können mit ihren großen scharfen Stoßzähnen Delfinjunge aus dem Wasser reißen und sie auffressen, c) sie sehen majestätischer und philosophischer aus und d) niemand weiß, wie viele Walrosse es gibt, weil sie so wahnsinnig geheimnisvoll sind.

Übersetzt nach Per Olvmyr: Fem argument för att Arktis bör bevaras (Glänta 1.12)

Anmerkungen

– Lundin Petroleum: schwedische Ölgesellschaft, der Menschenrechtsverletzungen im Sudan vorgeworfen werden
– Carl Bildt: schwedischer Politiker (Moderate Sammlungspartei), von 1991 bis 1994 Premierminister, 2010 im Vorstand von Lundin Petroleum, von 2011 bis 2013 als Außenminister zugleich Vorsitzender des Arktischen Rates
– Chronopia: Fantasy Tabletop-Spiel (schwedisch: Drakar och Demoner)
– Komvux: Abkürzung für Kommunal vuxenutbildning, Bildungseinrichtung für Erwachsene ohne Schulabschluss in Schweden
– Göran Hägglund: langjähriger Politiker der schwedischen Christdemokraten
– Kristianstad: Kleinstadt in Südschweden
Anmerkung zur Übersetzung

3

Als ich Schachspielen lernte

In Barth gab es schon lange keinen Schachverein mehr. Die Barther, die im Verein spielen wollten, spielten bei Waterkant Saal. Das war ein Dorf am Bodden kurz vor Damgarten mit einer Vorzeige-LPG und zwei sehr aktiven Lehrern, die dem ganzen Ort Schach beibrachten. Dort hatten wir ein Sportlerheim. Das Sportlerheim war in Wirklichkeit eine Bude neben dem alten Sportplatz mit den Pappeln, in der sich die Fußballer umziehen konnten. Die Bude hatte einen Ofen, der manchmal nicht geheizt war, wenn am Sonntagmorgen aufgeschlossen wurde. Dann spielten wir in Winterjacken. An der Wand hinter Glas hingen ein paar Urkunden, Mannschaftsfotos und alle Grand Ouverts, die hier jemals gegeben worden waren: mit dem Datum und den Namen der Mitspieler, die sorgfältig nach Vorhand, Mittelhand, Hinterhand und Geber aufgelistet wurden.

Es gab in Barth aber Schachspieler. Es gab den klugen Lehrer mit dem schiefen Kopf und der angenehmen Stimme, der sehr erfolgreich Postkartenschach gespielt hatte, bis die Rechner kamen und Fernschach zu einer Disziplin für Administratoren machten. Es gab die Brüder aus meinem Verein, die in der Sundischen Straße wohnten und ab und zu für ein paar Wochen etwas Kindertraining im Haus der Werktätigen machten. Die Schachfiguren auf Zeit aufbauen und 25 Züge überstehen, ohne mattgesetzt zu werden, habe ich dort gelernt. Sie erzählten von der Zeit, als es in Barth noch einen Schachverein gegeben hatte und sie sonntagmorgens mit einem Auto mit Karbidofen in der Mitte durch den ganzen Bezirk Rostock zum Spiel gefahren waren. Es gab den Lehrer aus der Diesterwegschule am Wall, der manchmal eine Schach-AG am Freitagnachmittag gab. Ich ging gern dorthin, nach oben in dem alten Schulgebäude, das nach Linoleum und Kreide roch, auch wenn der Lehrer schlechter spielte als ich. Es gab V., der noch bei seinen Eltern wohnte, einen Schachcomputer mit Holzbrett hatte und alle Pink-Floyd-Platten auf Tonband. Mit ihm spielte ich Trainingspartien, er zeichnete mit seiner kleinen Handschrift die Züge auf und die Bedenkzeit für jeden einzelnen Zug, auch als seine Stellung schon längst hoffnungslos war. Es gab K., der mit seiner Mutter in einem verfallenen Haus in der Hafenstraße wohnte, schlaue Züge machte und ein paar Schachbücher aus den fünfziger Jahren hatte, die ich mir ausborgen durfte. Eines Tages schenkte er mir ein blaues Buch von Joseph Smith und wollte mit mir über Gott reden und dann bin ich nicht mehr hingegangen.

Später wurde in Barth wieder ein Schachverein gegründet, V. machte mit und K. auch. Sie spielten im Kulturhaus an den Anlagen, aber das hielt nicht lange. V. musste wieder ins Krankenhaus und danach ins betreute Wohnen und K. musste sonntags jetzt immer zum Gottesdienst nach Rostock fahren. Dort fand er eine Frau und zog weg. Die anderen bekamen keine Mannschaft mehr zusammen und hörten auf. Seitdem gibt es in Barth wieder keinen Schachverein mehr.

5

Was schön war, Ostern

Essen: Pelmeni, Lammbraten, das russische Konfekt aus dem Laden im Bahnhof Charlottenburg, der rund um die Uhr geöffnet hat.

Mit J. und E. auf dem Fahrrad die Kantstraße entlangfahren und im Quasimodo landen. Mit zwei Musikern an einem Tisch sitzen, Bier trinken und ihnen dabei zuhören, wie sie sich über Tonarten unterhalten.

Einen thailändischen Lebensmittelladen aufsuchen:
– Wissen Sie, wo ich in Berlin ein Makruk-Spiel bekommen kann?
– Makruk?
– Das ist thailändisches Schach.
– Fragen Sie die Frau an der Kasse.
Ich frage die Frau an der Kasse:
– Wissen Sie, wo ich in Berlin ein Makruk-Spiel bekommen kann? Das ist thailändisches Schach.
– Ja. Nirgends.
Inzwischen sehen mich alle Frauen aus dem Laden forschend an. Abgang.

Durch die Joachimstraße gehen. Den Rosenthaler Platz umrunden. Mit der U8 fahren.

Durch den Babelsberger Park über Klein-Glienecke bis in den Tarifbereich B laufen. Im Doppelstockbus oben und ganz vorn sitzen und durch den Grunewald fahren.

Mit Freunden gemeinsam Zeit verbringen. Das sollte ich öfter machen.

4