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Gnitz II

Wolgast hat drei Bahnhöfe und das ist für eine Kleinstadt mit zehntausend Einwohnern nur ein bisschen übertrieben: Wolgast, Wolgast Hafen und Wolgaster Fähre. Es gibt zwar schon lange keine Fähre mehr über den Peenestrom, sondern eine Brücke, aber das macht nichts, einen schöneren Namen für eine Bahnstation wird man kaum finden. Hier fängt Usedom an.

Hinter ein paar Hügeln kommt Neeberg, ein hübscher Ort, der zum Wasser hin abfällt und sich zwischen einem Feng-Shui-Garten, der Krumminer Wiek und einer Bungalowsiedlung versteckt. Dahinter liegt Krummin. Auf einem Hügel vor dem Hafen steht die ehemalige Klosterkirche. Das Kirchenschiff ist ungewöhnlich breit, die Wände sind aus Feldsteinen. Außer uns sind nur ein paar Meisen hier.

Wir fahren über eine hucklige Betonplattenstraße am Wasser entlang bis nach Neuendorf. Die Straße aus der Fahrradkarte ist nach hundert Metern in Wirklichkeit ein Sandweg durch den Wald. Das letzte große Grundstück am Ortsende ist mit Zaun, Grenzstreifen, Wäldchen und freilaufenden Hunden gesichert. Hier wohnt jemand, der entweder den Sturz der Regierung plant oder keine Interesse daran hat, mit seinen Nachbarn zu sprechen.

Den halben Weg lang müssen wir schieben. Endlich der Zeltplatz, auf dem wir beinahe die Demokratie neu erfunden hätten. Er sieht noch aus wie vor fünf Jahren, so als würde es ihn nicht weiter kümmern.

Hinunter nach Lütow zum Möwenort, an die Südspitze der Halbinsel. Dort liegt ein bekanntes Ostereiersuchgebiet. Auf der linken Seite beginnt das Achterwasser, gegenüber scheint die Kirche von Lassan aus den Bäumen. Wir sitzen am Strand in der Mittagssonne und wenn es nicht April wäre, würde ich darüber nachdenken, jetzt baden zu gehen.

Von hier aus sind es nur zehn Kilometer bis zur Ostsee und zum Glück haben freundliche Menschen einen Fahrradweg neben die Straße gebaut. Ich habe bei TripAdvisor die Top-Fünf-Restaurants von Zinnowitz auswendig gelernt, aber dann gehen wir dort doch nur ans Wasser und zum Systembäcker an der Hauptstraße. Das Aufkommen an Urlaubern ist im Verhältnis Boddenküste zu Ostseebad um den Faktor 500 erhöht. Im Sommer wird es sicher schwierig werden, die Versorgung mit Fischbrötchen aufrechtzuerhalten.

Auf dem Rückweg passieren wir in umgekehrter Reihenfolge Wolgaster Fähre, Wolgast Hafen und Wolgast. Sonnenbrand im Gesicht und auf den Händen. Vor drei Wochen lag noch Schnee.

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Noch eine Barbiergeschichte

– Wir kennen uns doch, sagt mein Friseur, als er gerade die Reste meine Kopfhaars auf sechs Millimeter heruntermäht. Ich kenne sein Gesicht, aber in einer kleinen Stadt kennt man die meisten Gesichter und die markanten sowieso.
– Vom Gericht, sagt er. Ich war bei Ihnen.

Der Chef vom Friseurstuhl nebenan unterbricht die Arbeit an einem zugewachsenen Sidecut.

– Du bist am Gericht?
– Ja.

Pause. Dann ruft er durch den ganzen Laden:

– Kriegt er Abschiebung? Alle lachen, ich auch.
– Nene, das ist lange her, sage ich. Du kommst aus dem Irak?
– Ja, sagt mein Friseur.
– Araber oder Kurde?
– Araber aus Bagdad.
– Schöne Stadt, sage ich. Wie ist es denn ausgegangen?
– Negativ. Der Dolmetscher hat falsch übersetzt.
– Das tut mir leid.
– Macht nichts.
– Aber du konntest trotzdem bleiben?
– Ja, wegen meiner Frau. Ich habe jetzt Aufenthaltserlaubnis auf Dauer.
– Dann ist ja alles gut.

Der Friseur holt das Rasiermesser vor und schabt meine Stirnecken glatt. Ich verhalte mich ganz ruhig, bis er damit fertig ist. Ob er mal wieder zuhause gewesen sei. Ja, langsam werde es wieder besser, aber vor drei, vier Jahren sei es schlimm gewesen. Ich hatte gehofft, mir Bagdad eines Tages selbst ansehen zu können, aber er rät mir ab. Für Ausländer sei es noch immer gefährlich. Aber viele Iraker seien inzwischen zurückgekehrt, so um die zwanzig von den dreißig, die sie hier mal gewesen seien. Er zählt nur die Männer, glaube ich.

Wir wenden uns den Haaren in den Ohren und der Nase zu, dann sind wir fertig. Ich stehe auf und bezahle, wir schütteln uns die Hände.

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Im März III

Vögel sind misstrauische Tiere. Sie sehen sich das Futtersilo und die Taverne mit den Erdnüssen drei Tage lang an. Danach brauchen sie weniger als 24 Stunden, um alles leer zu machen. Je kälter es wird, desto schneller werden sie. Zuerst fällt die Horde Spatzen ein, die Meisen und das Rotkehlchen warten in aller Ruhe ab, bis sie fertig sind. Die Amseln holen sich den Rest vom Boden. Der Zeisig kommt nur selten.

Ich sitze am Küchentisch und sehe ihnen zu. Sind es jeden Tag dieselben Tiere? Woher wissen sie, dass es hier Futter gibt? Es gibt keine Möglichkeit, sich mit ihnen zu verständigen. Wenn ich die Tür zum Hof öffne, fliegen alle weg, schon in dem Moment zuvor. Vögel sind kluge Tiere.

Der Arzt sagt, ich solle spazieren gehen, also gehe ich jeden Tag den Treidelpfad nach Wieck. Der Ostwind tobt mir entgegen. Am Ryck sind lauter Baustellen, es dauert nicht mehr lange, bis alle leeren Flächen in dieser Stadt bebaut sind. Dann ist auch weniger Wind. In Wieck laufe ich bis auf die Nordmole, auf dem Bodden scheppern die Eisschollen. Fast so, als ob Greifswald am Meer liegen würde. Das Geländer hängt voller bemalter Vorhängeschlösser, mich ärgert das, weiß auch nicht, warum. An diesen Vormittagen ist fast niemand unterwegs, für die arbeitslosen Angler ist es noch zu kalt und für die Rentner auch. Die Jogger arbeiten um diese Zeit.

Ich fahre mit dem Bus zurück in die Stadt. Am zweiten Tag habe ich schon einen Stammplatz.

Am Karfreitag hören endlich alle auf: Die Bauarbeiter bleiben zuhause, die Lastkraftwagenfahrer liefern keine Baustoffe an, die Eltern fahren ihre Kinder nicht in den Kindergarten, die Burschenschafter singen keine Nazilieder, das Bäckerauto steht in der Garage, die Diskothek ist verboten, der Supermarktparkplatz leer, die Universität abgeschlossen, die Stadt ruhig.

Während der ganzen Zeit machen in mir Millionen Antikörper ihre Arbeit.

Sie haben eine Stunde aus diesem Monat herausgeschnitten, damit der Frühling endlich kommt.

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