[Schmierzettel, Halbfabrikate, Remixes]

Mitgemeint

Ziemlich zum Anfang unseres Schwedischkurses hatten wir Berufsbezeichnungen. Wir übten wegen der lautlichen Nähe besonders die Unterscheidung von

en läkare = ein Arzt
en lärare = ein Lehrer

und ich fragte, was denn eigentlich die Lehrerin heißen würde. Unser (muttersprachlicher) Schwedischlehrer guckte mich etwas verblüfft an, ehe er verstand, was ich meinte. So ein Wort gebe es nicht, auch die Lehrerin sei en lärare, wenn man hervorheben wolle, dass es sich um eine weibliche Person handele, könne man vielleicht en kvinnlig lärare sagen, bei einer männlichen Person en manlig lärare.

Die Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit stellt sich in der schwedischen Sprache an dieser Stelle nicht [1]. Schwedisch kennt nur zwei Genera: Utrum und Neutrum (unbelebt). Deutsch hat Maskulinum, Femininum und Neutrum. Wahrscheinlich entsteht deshalb ein Problem.

Im Singular lässt sich das Geschlecht gut markieren: die Lehrerin, der Lehrer. Aber welches natürliche Geschlecht haben die Lehrer? Sind das nur Männer? Oder auch Frauen?

Die Antwort ist eigentlich klar: Wir wissen es nicht. Es handelt sich um die Pluralform eines Maskulinums. Es sind Menschen, die den Lehrerberuf ausüben, und zwar völlig unabhängig von ihrem natürlichen Geschlecht. Genus und Sexus müssen sich in der deutschen Sprache nicht entsprechen. Ein Mädchen ist weiblich, obwohl das Wort grammatikalisch betrachtet sächlich ist. Eine Person kann auch ein Mann sein, obwohl es sich um ein Femininum handelt. Niemand würde auf die Idee kommen, dass die weibliche Pluralform die Personen keine Männer meinen könnte. Im Bus saßen fünf Personen – allein aus diesem Satz können wir keine Rückschlüsse auf ihren Sexus ziehen.

Deshalb habe ich Probleme mit der Formel vom mitgemeint sein. Diese setzt unausgesprochen voraus, dass das generische Maskulinum in erster Linie Männer und in zweiter Linie auch Frauen (mit-)meint. Das finde ich falsch. Das generische Maskulinum ist ein grammatikalisches Konstrukt, kein biologisches. Es meint alle Personen mit der jeweiligen Zuschreibung, vollkommen unabhängig vom biologischen Geschlecht [2].

Möglicherweise entsteht das Problem dadurch, dass an die Sprache die Erwartung herangetragen wird, dass sich Genus und Sexus entsprechen müssen. Doppelnennungen (Lehrerinnen und Lehrer) erzeugen erst die Vorstellung, dass die Lehrer nur männliche Lehrer sein können [3]. Letztlich ist das eine Umdefinition der deutschen Grammatik. In dem Maße, wie sich in der Lebenswirklichkeit eine geschlechtergerechte Verteilung von Arbeit durchsetzen wird, wird sich aber vielleicht auch das Sprachverständnis in dem Sinne anpassen, dass wir bei Chefärzten nicht mehr nur an Männer denken.

Anmerkungen

[1] Die bemerkenswert erfolgreiche Neuschöpfung des geschlechtsneutralen Personalpronomens hen liegt auf einer anderen Ebene. Hen tritt neben han = er und hon = sie. Das erlaubt zum Beispiel Vad söt hen är! = Wie süß er/sie ist!, wenn man nicht weiß, welches Geschlecht das Baby im Kinderwagen hat. Hen funktioniert wahrscheinlich deshalb so gut, weil es sich organisch in die vorhandene Wortfamilie einfügt und ein Vorbild im Finnischen (hän) hat.

[2] Intersexualität ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Genus und Sexus nicht deckungsgleich sein können.

[3] Antje Schrupp weist darauf hin, dass man bei Annahme eines generischen Maskulinums keine grammatikalische Möglichkeit hat, über Männer zu sprechen. Man muss sich in der Tat mit Konstruktionen wie die männlichen Lehrer der Schule behelfen, wenn es darauf mal ankommt.

| Permalink
2

Wenn ich darüber nachdenke, was mich am Fußball faszinierte, war es nicht das Spiel selbst. Das Spiel ist vergleichsweise kurz, nicht besonders komplex und nur selten spannend oder schön. Faszinierend war, was neben dem Spiel passierte: die Erwartung, die Vorbereitung, die Fahrt zum Stadion, der Platz, die Stufen, die Tribüne, das Singen, die anderen Zuschauer, das Geschrei, die Erleichterung danach oder die Verzweiflung und die Fahrt zurück, die Nachbesprechung. Allmählich entstand die Erkenntnis, dass es auf Dauer nicht gesund für mich ist, meine Stimmung an das Abschneiden einer Fußballmannschaft zu binden, auf die mich Herkunft, Wohnort oder plötzliche Liebe geworfen hatten. Seitdem geht es besser. Es muss so etwas wie Freundschaft sein oder Sympathie oder Interesse, und nicht bedingungslose Treue.

– Kommentar hierzu

| Permalink
3

Lubmin

Der Blick die Wiesen hinunter über die Dänische Wiek hinüber nach Ludwigsburg. Vorpommern hat sich zum Pfingstsonntag schöngemacht.

Der Fahrradweg entlang der Landesstraße endet in Neuendorf, aber dafür sehen wir dort einen Storch, mitten im Dorf, auf einem Horst auf dem alten Lichtmast.

Nur flüchtig auf die Karte geschaut (geradeaus und dann irgendwann rechts) und deshalb zu früh abgebogen und nach Brünzow gefahren. In Brünzow gibt es eine Tankstelle und ein leerstehendes Gutshaus. Wieder zurück und die große Runde über Loissin, Gahlkow und Vierow gemacht. Dort geht der Fahrradweg weiter.

Lubmin ist in etwa wie Heringsdorf, nur um den Faktor 50 kleiner. Abzüglich der Ostsee (der Bodden ist hier aber schon halbwegs tief), zuzüglich eines Küstenwaldes aus Kiefern. Es geht um den Wald, den Geruch, das Licht zwischen den Bäumen. Hinter dem Wald kommt das Kernkraftwerk. Gegenüber auf der anderen Seite des Wassers liegt Mönchgut, dazwischen wühlen Bagger auf schwimmenden Plattformen die nächste Gasleitung nach Russland in den Grund. Lubmin ist das Seebad des kleines Mannes. Hier kommen wir wieder hin.

Auf dem Rückweg eine riesige Rauchwolke über der Stadt und erst langsam, beim Näherkommen, beim Hineinfahren, kann ich abschätzen, wo es brennt. An meinem alten Schulweg, weit weg von zuhause.

| Permalink
7

Was schön war

1) Mit dem Fahrrad aus Wieck frischen Brathering holen. Brathering essen.

2) Im Pommerschen Landesmuseum das Alice Hernqvist Kvintett hören. Ich bin sehr dankbar, dass hier der Nordische Klang ist.

3) Eine Kugel Safran-Kardamom, eine Kugel Schokolade-Schafskäse.

4) Yorkshire gewinnt gegen Essex nach 50 all out im ersten Innings. Ich muss unbedingt mal zum County Cricket, solange es das noch gibt.

| Permalink
4

Recht unerwartet begegnete mir heute in der Gerichtsbibliothek ein brauchbares Lebensmotto. Law is poetry.

– aus: Stöber: Zwangsversteigerungsgesetz, 21. Auflage 2016, § 91 Anm. 4.6

| Permalink
1