[Schmierzettel, Halbfabrikate, Remixes]

Als ich auf dem Heimweg in die Domstraße einbiege, beschleunigt hinter mir heftig ein Auto. 60 ... 70 ... er zieht links vorbei. Vor dem Universitätsgebäude erwischt er fast den kleinen Jungen, der auf einem Kinderfahrrad leicht schwankend hinter seiner Mutter herfährt. Die Mutter rudert mit dem Arm und bedeutet ihrem Sohn, direkt hinter ihr zu bleiben, dicht vorbei an den parkenden Autos auf der rechten Straßenseite, in denen glücklicherweise gerade niemand die Fahrertür aufreißt. Im Augenwinkel Kinder, die mit den Füßen im Brunnen auf dem Rubenowplatz stehen und uns nachsehen.

Mein Puls beschleunigt auch und ich fahre dem Auto hinterher, die ganze Domstraße entlang, rechts in die Fleischerstraße, links in die Rakower Straße. Er ist schnell, doch ich behalte Sichtkontakt. Ich überlege, was ich mache, wenn er in die Tiefgarage fährt, aber er biegt in Richtung Markt ab und dann in die Mühlenstraße und das ist eine Sackgasse. In der Mühlenstraße steht ein Lieferwagen, das Auto kommt dahinter zum Stehen. Drei Jungs, der Fahrer mit Sonnenbrille. Ich klopfe, er lässt das Fenster runter.

– Alter, du hättest vorhin fast den Jungen mitgenommen! Das ist eine Fahrradstraße! Fahrradstraße, 30, Fahrräder von beiden Seiten! Das ist doch Scheiße!

Ich fuchtele herum und zeige immerzu drei Finger hoch, so als ob er nicht wüsste, was 30 ist.

– Ja, habe ich auch schon gemerkt. Tut mir leid.
– Okay. Nächstes Mal. Alles gut.

Ich fahre nach Hause.

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Der Mann am Nebentisch, der leise die ägyptische Nationalhymne mitsingt, unmerklich fast, nur die Lippen bewegend.

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Beim Aussortieren meiner Schachbücher fiel mir die Sammlung leichter Schachaufgaben in die Hände, ein Reclam-Heftchen, das Jean Dufresne 1881 herausgegeben hatte. Ich habe das Buch vor einiger Zeit geschenkt bekommen. Es ist zusammen mit dem Zweiten Theil von 1882 in einen festen Umschlag eingebunden und hat wahrscheinlich diesem Umstand zu verdanken, dass es noch nicht vollkommen zu Staub zerfallen ist.

Die Widmung Ostern 1936 ist bemerkenswert. Jean Dufresne war Jude, aus seinem sehr bekannten Lehrbuch des Schachspiels wurden in den 1941 und 1943 erschienenen Auflagen die Namen aller jüdischen Spieler (selbst die des einzigen deutschen Schachweltmeisters Emanuel Lasker!) gestrichen. Diese Barbarei betraf auch den mecklenburgischen Juden Bernhard Horwitz, der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Weltspitze gehörte und bis heute vor allem als Schachkomponist bekannt geblieben ist.

So ein Buch gehört natürlich nicht in die Papiertonne. Ich steckte es ein, als ich zum Spielabend meines Schachvereins ging und wir hatten viel Freude mit dieser Miniatur:

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Mitgemeint

Ziemlich zum Anfang unseres Schwedischkurses hatten wir Berufsbezeichnungen. Wir übten wegen der lautlichen Nähe besonders die Unterscheidung von

en läkare = ein Arzt
en lärare = ein Lehrer

und ich fragte, was denn eigentlich die Lehrerin heißen würde. Unser (muttersprachlicher) Schwedischlehrer guckte mich etwas verblüfft an, ehe er verstand, was ich meinte. So ein Wort gebe es nicht, auch die Lehrerin sei en lärare, wenn man hervorheben wolle, dass es sich um eine weibliche Person handele, könne man vielleicht en kvinnlig lärare sagen, bei einer männlichen Person en manlig lärare.

Die Frage nach der Geschlechtergerechtigkeit stellt sich in der schwedischen Sprache an dieser Stelle nicht [1]. Schwedisch kennt nur zwei Genera: Utrum und Neutrum (unbelebt). Deutsch hat Maskulinum, Femininum und Neutrum. Wahrscheinlich entsteht deshalb ein Problem.

Im Singular lässt sich das Geschlecht gut markieren: die Lehrerin, der Lehrer. Aber welches natürliche Geschlecht haben die Lehrer? Sind das nur Männer? Oder auch Frauen?

Die Antwort ist eigentlich klar: Wir wissen es nicht. Es handelt sich um die Pluralform eines Maskulinums. Es sind Menschen, die den Lehrerberuf ausüben, und zwar völlig unabhängig von ihrem natürlichen Geschlecht. Genus und Sexus müssen sich in der deutschen Sprache nicht entsprechen. Ein Mädchen ist weiblich, obwohl das Wort grammatikalisch betrachtet sächlich ist. Eine Person kann auch ein Mann sein, obwohl es sich um ein Femininum handelt. Niemand würde auf die Idee kommen, dass die weibliche Pluralform die Personen keine Männer meinen könnte. Im Bus saßen fünf Personen – allein aus diesem Satz können wir keine Rückschlüsse auf ihren Sexus ziehen.

Deshalb habe ich Probleme mit der Formel vom mitgemeint sein. Diese setzt unausgesprochen voraus, dass das generische Maskulinum in erster Linie Männer und in zweiter Linie auch Frauen (mit-)meint. Das finde ich falsch. Das generische Maskulinum ist ein grammatikalisches Konstrukt, kein biologisches. Es meint alle Personen mit der jeweiligen Zuschreibung, vollkommen unabhängig vom biologischen Geschlecht [2].

Möglicherweise entsteht das Problem dadurch, dass an die Sprache die Erwartung herangetragen wird, dass sich Genus und Sexus entsprechen müssen. Doppelnennungen (Lehrerinnen und Lehrer) erzeugen erst die Vorstellung, dass die Lehrer nur männliche Lehrer sein können [3]. Letztlich ist das eine Umdefinition der deutschen Grammatik. In dem Maße, wie sich in der Lebenswirklichkeit eine geschlechtergerechte Verteilung von Arbeit durchsetzen wird, wird sich aber vielleicht auch das Sprachverständnis in dem Sinne anpassen, dass wir bei Chefärzten nicht mehr nur an Männer denken.

Anmerkungen

[1] Die bemerkenswert erfolgreiche Neuschöpfung des geschlechtsneutralen Personalpronomens hen liegt auf einer anderen Ebene. Hen tritt neben han = er und hon = sie. Das erlaubt zum Beispiel Vad söt hen är! = Wie süß er/sie ist!, wenn man nicht weiß, welches Geschlecht das Baby im Kinderwagen hat. Hen funktioniert wahrscheinlich deshalb so gut, weil es sich organisch in die vorhandene Wortfamilie einfügt und ein Vorbild im Finnischen (hän) hat.

[2] Intersexualität ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Genus und Sexus nicht deckungsgleich sein können.

[3] Antje Schrupp weist darauf hin, dass man bei Annahme eines generischen Maskulinums keine grammatikalische Möglichkeit hat, über Männer zu sprechen. Man muss sich in der Tat mit Konstruktionen wie die männlichen Lehrer der Schule behelfen, wenn es darauf mal ankommt.

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Wenn ich darüber nachdenke, was mich am Fußball faszinierte, war es nicht das Spiel selbst. Das Spiel ist vergleichsweise kurz, nicht besonders komplex und nur selten spannend oder schön. Faszinierend war, was neben dem Spiel passierte: die Erwartung, die Vorbereitung, die Fahrt zum Stadion, der Platz, die Stufen, die Tribüne, das Singen, die anderen Zuschauer, das Geschrei, die Erleichterung danach oder die Verzweiflung und die Fahrt zurück, die Nachbesprechung. Allmählich entstand die Erkenntnis, dass es auf Dauer nicht gesund für mich ist, meine Stimmung an das Abschneiden einer Fußballmannschaft zu binden, auf die mich Herkunft, Wohnort oder plötzliche Liebe geworfen hatten. Seitdem geht es besser. Es muss so etwas wie Freundschaft sein oder Sympathie oder Interesse, und nicht bedingungslose Treue.

– Kommentar hierzu

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