[Schmierzettel, Halbfabrikate, Remixes]

Er hatte auch eine »historische Begegnung« mit Anna Achmatowa gehabt. Er hatte sie zu sich nach Repino eingeladen. Sie kam. Er saß schweigend da; sie auch; das Schweigen hielt zwanzig Minuten an, dann stand sie auf und ging. Hinterher sagte sie: »Es war wunderbar.«

– aus: Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

| Permalink
2

Die Alsterdorfer Sporthalle hat eine grausame Akustik, aber das machte nichts. The Bad Seeds waren da und ein Konzert mit Nick Cave muss man sich wie einen entrückten Gottesdienst vorstellen: ein charismatischer Prediger, der zu seiner Gemeinde spricht, der hunderte Hände greift und festhält, der sich berühren lässt (Can you feel my heart beat?), der sich um die Kranken kümmert, der auf dem Wasser geht, der mit dem ganzen Saal singt, der vor Schmerzen schreit. Er konnte das unmöglich alles ernst meinen, aber manches wahrscheinlich schon und in dem Moment spielte das auch keine Rolle mehr.

| Permalink
2

Ridley Scott: Blade Runner (Final Cut)

Blade Runner 2049 ist einer der wenigen Filme, die ich sehen will und die hier trotzdem im Kino laufen. Zur Vorbereitung war darum dringend eine Bildungslücke zu schließen. Netflix und Amazon meldeten Fehlanzeige, deshalb für fünf Euro nochwas gekauft und meiner Wolke hinzugefügt.

Science Fiction hat häufig das Problem, schlecht zu altern, aber ist es gelungen. Ich mochte es: die Dunkelheit, den Regen, die Flimmerkisten, das Gemurmel. Die Musik könnte auch noch weg.

| Permalink
2

Über Buchhandlungen

In Greifswald gibt es im Umkreis von vielleicht 200 Metern vier Buchhandlungen: Den Hugendubel am Markt, der früher Weiland hieß, in der Langen Straße die Rats- und Universitätsbuchhandlung, schräg gegenüber davon die Buchhandlung Scharfe und schließlich die Dombuchhandlung in der Domstraße, die vor allem christliche Literatur verkauft. Bis vor ein paar Jahren gab es noch ein Antiquariat, aber das hat das Ladengeschäft aufgegeben und verkauft nur noch im Internet.

Ich glaube nicht, dass sich alle vier halten werden. Heute wollte ich ein Sprachenbuch kaufen, ganz old school: gucken, was es gibt, durchblättern und das beste mitnehmen. Hugendubel hatte ein paar Sachen, aber keine Lernbücher und ich erinnerte mich, dass die Rats- und Universitätsbuchhandlung ein gutes Sortiment bei Sprachen hatte, sogar fremdsprachliche Belletristik. Ich war eine Weile nicht dort gewesen. Wenn ich stöbern will, gehe ich ich den Hugendubel, der am größten ist. Wenn ich weiß, was ich will, bestelle ich: bei Amazon, wenn ich faul bin oder bei Scharfe, wenn mich das schlechte Gewissen plagt. Die Buchhandlung Scharfe mag ich am meisten, aber sie haben nur wenig Bestand im Laden.

Also deshalb heute die Rats- und Universitätsbuchhandlung. Ich bekam einen ziemlichen Schreck. Die zweite Etage, in der früher die Fachbücher waren, ist geräumt. Im Erdgeschoss stehen noch die Hälfte der Regale und auch die sind nur zur Hälfte voll. Auf die oberen Regalbretter haben sie Deko-Artikel gestellt, Vasen und so etwas. Ein bisschen wie in einer sowjetischen Kaufhalle, in der alle zwanzig Zentimeter ein Gurkenglas stand, das Etikett nach vorn. Die Comic-Abteilung ist verschwunden, Science Fiction sowieso und überhaupt war es bedrückend leer. Immerhin, es gab noch ein paar Sprachbücher und ich habe dann etwas bestellt, was ich mir bei Amazon vorher schon halbwegs ausgesucht hatte und es könnte morgen schon da sein.

Buchhandlungen sind Orte und die funktionieren wie Kneipen: Wenn es leer ist, geht niemand rein und setzt sich an den Tisch. Das werden traurige Zeiten.

| Permalink
1

Im Schach hieß eine solche Gemengelage Zugzwang, fügte J. hinzu und stand auf. Der Begriff bezeichnete einen vertrackten Zustand, der manchmal in einer Partie eintreten konnte. Ganz gleich, wie der Spieler sich verhielt, es gab keinen vorteilhaften Zug, keine erfolgreiche Technik. Sämtliche Möglichkeiten waren erschöpft. Gleichwohl musste er einen Zug machen, da das Regelwerk ihm nicht erlaubte, darauf zu verzichten.

– aus: Aris Fioretos: Die dichte Welt, Sinn und Form 5/2017

Zugzwang ist ein Germanismus, der es in viele Sprachen geschafft hat, wahrscheinlich im Gefolge der erstmaligen Verwendung des Begriffs durch den (einzigen) deutschen Schachweltmeister Emanuel Lasker in seinem Lasker’s Chess Magazine (1905). Wenn man Fioretos präzisieren möchte: Zugzwang bedeutet, dass jeder Zug die eigene Stellung nicht nur nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert. Aber vielleicht hat J. das auch ungenau mitgeteilt. Es tut dem Essay keinen Abbruch.

Schachhistorisch erschöpfend ist wie immer Edward Winter.

| Permalink
1