[Schmierzettel, Halbfabrikate, Remixes]

Es gibt diese unendliche Diskussion über das Genus von Blog. Das heißt, ganz am Anfang gab es diese Diskussion wahrscheinlich noch nicht. Da wussten alle, dass Blog aus der Zusammensetzung von Web und Log entstanden und ein Weblog eine periodische Aufzeichnung im Netz ist. Das Geschlecht eines zusammengesetzten Substantivs bestimmt sich nach dem Grundwort. Das Grundwort ist Log. Log ist sächlich. Fertig.

Eventuell ist es leider nicht ganz so einfach, weil Blog tatsächlich kein Kompositum, sondern ein Kunstwort ist. Trotzdem: Blog für ein Maskulinum zu halten, kann nur von der Homophonie zu (der) Block herrühren und das ist doch ein ziemlich plumpes Argument, gegen das sich schon Adelung wandte:

Vermöge des vertrauensseligen Rückgriffs auf andere Mittel und Wege, des Schiffes Standort zu bestimmen, vernachlässigen es manche Handelsschiffe und viele Walfänger, insonderheit wenn sie beim Kreuzen, ganz und gar, das Log auszuwerfen; obschon sie zur selben Zeit, und häufig eher der Form halber als sonst irgendwie, regelmäßig auf der üblichen Tafel den Kurs vermerken, welcher vom Schiff gesteuert, wie auch die angenommene Durchschnittsgeschwindigkeit ihres Fortkommens zu jeder Stunde. Solchermaßen war’s auch bei der Pequod gewesen.

– Moby-Dick; oder: Der Wal, 125. Kapitel: The Log and Line, Übertragung von Friedhelm Rathjen

Das ist es, was wir hier machen: ab und zu ein Stück Holz ins Wasser werfen, um zu sehen, wo wir gerade sind. Deshalb bitte das Blog.

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Wißt ihr, was ich manchmal denke, ich denke manchmal, das ist ein Museum hier, dieses ganze Land ist ein einziges Museum, wir merken das bloß nicht, wir machen alles so weiter, wie wir es immer gemacht haben, seit vier Jahrzehnten, die ganze Welt hat sich weiterentwickelt, und wir machen immer noch das gleiche und nennen es immer noch Sozialismus, die Städte verfallen, die Landschaft verödet, wir haben die vorsintflutlichsten Autos, wir produzieren in Fabriken, die hundert Jahre alt sind und älter, wir haben die stinkendsten Flüsse, sie sehen aus wie ungenießbares gelbes Bier mit ihren Schaumkronen, und wir reden immer noch dasselbe, die Übereinstimmung von individuellen und gesellschaftlichen Interessen, und alles für das Wohl des Volkes, wir haben noch die gleichen Losungen, mitplanen, mitarbeiten, mitregieren, höhere Leistungen in jedem Stall, die ganze Welt lacht über uns, und wir merken das nicht einmal, und sie kommen von nah und fern, und sie sehen sich das an, sie bezahlen Eintritt ins Sozialismus-Museum, fünfundzwanzig Mark pro Tag, was wir in Verkennung der ungeheuerlichen Tatsachen Mindestumtausch nennen, und sie werden plaziert in den Gaststätten, und sie glotzen uns an wie ein Weltwunder, die Schrippe für fünf Pfennig, die Straßenbahn für zwanzig Pfennig, der Strompreis lächerlich gering, dafür die verpeststeste Luft Europas, die Mieten ein Spottgeld, das Wertgesetz außer Kraft gesetzt, und alles ist grau, selbst die Menschen sind grau und lustlos, sie nehmen, resigniert und lethargisch, das verordnete Glück kaum noch wahr, das reale Museum einer überholten Denkweise, findet ihr nicht auch?

– aus: Bernd Schirmer: Cahlenberg

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Im Traum das deutliche Gefühl, dass ich hier schon einmal gewesen war. Auf der anderen Seite der Straße stand, etwas erhöht, das frühere Haus der Pioniere, das privatisiert worden war und dann irgendein Gewerbe beheimatete, jedenfalls meine ich mich im Traum zu erinnern, dass ich hier damals etwas eingetauscht hatte, ich glaube, einen Sack Kohle, es war kalt. Ein hell gestrichenes Gebäude, zwei Stockwerke, davor ein vertrockneter Garten. Inzwischen waren die Fenster mit Sperrholzplatten vernagelt und um das ganze Gelände war, etwas lustlos und ohne einen Zutritt wirklich zu verhindern, ein mannshoher, dünner Maschendrahtzaun gezogen worden. Aufgewacht und darüber nachgedacht, ob ich mich im Traum an einen früheren Traum erinnert oder ob ich nur geträumt habe, dass ich schon mal geträumt hatte usw.

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Oslo lufthavn

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Es ist nie ein Problem, gegen einen stärkeren Gegner zu verlieren. Aber es ist stets ein Problem, gegen einen gleichstarken Gegner zu verlieren. Immer dann, wenn ich in so einem Fall am Brett sitze und meine Verluststellung anstarre, habe ich den starken Impuls, mit Schach aufzuhören. Ich stelle mir vor, wie ich die Partie aufgebe, den Saal verlasse und mich nie wieder zu einem Turnier anmelde. Als Kind habe ich sogar geweint. Wahrscheinlich ist es diese Emotion, die mich überhaupt dazu bringen konnte, mich ernsthaft mit Schach zu beschäftigen.

Hier (Welz-Kalhorn, Oberliga Nordost 2017) sah ich, dass der Zwischenzug 19...Txf1+ verliert, weil Weiß nicht mit dem Springer wiedernehmen muss, sondern 20.Lxf1! spielen kann, wonach nach 20...Lxe5 21.Sxd5! sofort die Lichter ausgehen (21...Sxd5 funktioniert nicht, weil der Turm auf f8 die schwarze Dame nicht mehr deckt und nach 21...Dxd5 22.Lc4 steht die Dame in der Läuferdiagonalen). Ich sah es ... spielte es aber trotzdem. Unbegreiflich. Sofort 19...Lxe5 wäre völlig okay gewesen.

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